Für meine artgerecht-Prüfung habe ich mich im letzten Beitrag dem frühen Durchschlafen von Säuglingen gewidmet. Über diesen Artikel wurde in einigen Gruppen rege diskutiert und ich darf nun meine Kompetenzen ausweiten, mit Gegenwind umzugehen. 😉

Da ich mich ja themenmäßig an dem Buch „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“ entlang hangele und dieses Buch per se nicht bedürfnisorientiert ist, ist der Sprengstoff quasi schon im Paket mit inbegriffen. Und da meine Aufgabe nicht ist, einfach alles scheiße zu finden, was die Autorin Pamela Druckerman so von sich gibt, sondern mich damit AUSEINANDER zu setzen, werde ich das auch weiterhin tun.

Allerdings möchte ich noch einmal klarstellen, dass es sich hier um MEINE Gedanken handelt und nicht um allgemeingültige Wahrheiten. Denn die gibt es meiner Ansicht nach sowieso nicht.

 

Die Haltung ist entscheidend (und von außen oft nicht erkennbar)

Auch können wir von außen immer nur das Verhalten sehen und nicht die dahinter stehende Absicht. So kann ein und dasselbe Verhalten gleichzeitig Erziehung oder Nicht-Erziehung sein. Und so können selbst eigentlich „gute“ Dinge wie Langzeitstillen, Familienbett und viel Tragen in meinen Augen nicht beziehungsfördernd sein, wenn ihnen die Erwartung innewohnt, aufgrund dieser Investition später leichter lenkbare Kinder zu haben. Das ist dann ein bisschen wie das „Triple P“-Konzept nur umgekehrt: Wir als Eltern geben dem Kind XY, damit wir später Z erhalten.

Und so könnte „la pause“ etwas sein, das aus Wertschätzung meines eigenen Ruhebedürfnisses situativ entsteht oder etwas, das ich jedes Mal beinhart durchziehe, damit das Baby möglichst früh der (nächtlichen) Brust entwöhnt wird. Letzteres befürworte ich natürlich überhaupt nicht. Aber ebenso wenig befürworte ich persönlich, wenn das Baby gar keine anderen Beruhigungsmethoden kennenlernt und Stillen die einzige Möglichkeit ist, wieder in den Schlaf zu finden. Dies führt nämlich meiner Erfahrung nach zu sehr anstrengenden Nächten und oft sind vor allem die Mütter nach einem Jahr mehr als zermürbt.

Mein Verständnis von Bedürfnisorientierung hat wenig mit Selbstaufgabe zu tun, sondern auch damit, dass es den Eltern ebenfalls gut gehen darf. Und das in einer Weise, die nicht auf Kosten des Babys geht. Einem sich neben mir wälzenden Kind erst mal den Bauch zu streicheln, es nah an mich heranzuziehen, leise zu summen, ist hier für mich einfach instinktives Verhalten.

Natürlich hängt das auch immer von anderen Faktoren ab: Schlafe ich eher unbekleidet, so dass das Kind sich selbst „bedienen“ könnte? Kann ich gut und bequem im Liegen stillen? Das konnte ich nämlich beispielsweise nicht. Vielleicht hatte diese Vorgehensweise also für mich mehr Notwendigkeit als für andere, denen es das natürlichste, einfachste und schlaffördernste zu sein scheint, ihrem Kind als Erstes die Brust anzubieten. Von daher gibt es nicht DIE Antwort. Nur viele Meinungen.

Ein anderer Kritikpunkt an meinem letzten Beitrag war, dass es nicht klar erkennbar war, was die Ansicht des Buches und was meine Ansicht ist. Ich habe mich dazu entschieden, alles, was ich über das Buch schreibe, in Kursivschrift zu setzen und hoffe, dass dies zur besseren Lesbarkeit beiträgt.

 

Geduld beginnt für Franzosen mit festen Fütterungszeiten

Im nächsten Kapitel geht es um das Thema „Geduld“.

Zu meiner Überraschung beginnt es mit den in Frankreich obligatorischen festen Fütterungszeiten für Babys. Die meisten französischen Eltern und erst recht die Kinderkrippen füttern nach drei bis vier Monaten nur zu festen Zeiten. Diese liegen vier Stunden auseinander: 8 Uhr, 12 Uhr, 16 Uhr, 20 Uhr. Nachts dann keine Mahlzeit mehr.

Angeblich läuft dieser Prozess ebenso wie das frühe Durchschlafen ohne Schreienlassen ab, sondern er entwickelt sich sukzessive, wenn man den Kindern das nur zutraut und als Normalität vorlebt.

Ich persönlich halte es für gestillte Babys für unmöglich, sich in vier Tagesmahlzeiten ausreichend mit Kalorien zu versorgen. Für Flaschenbabys, die mit 1-er- Nahrung anstatt mit Pre-Nahrung gefüttert werden, kann das VIELLEICHT angehen. Allerdings nur unter der Bedingung, dass sie sich zu diesen Gelegenheiten den Bauch so vollschlagen, dass sie danach fast platzen.

Für die Franzosen fallen diese festen Fütterungszeiten allerdings laut Autorin in die Kategorie „Gesunder Menschenverstand“ und sind nicht verhandelbar. Das Baby nach den ersten Wochen erst auf drei Stunden Abstand zwischen den Mahlzeiten und später auf vier Stunden zu strecken, beispielsweise in dem man es in einem Tragetuch umher trägt, wird umschrieben mit „nicht aufzwingen, aber sanft dazu bringen“. In Frankreich wird das als „Mittelweg“ gesehen.

Mir stellt sich da die Frage: Die Mitte von was??

In der Elternzeitschrift „Votre enfant“ steht: „Sie und Ihr Kind haben jeweils eigene Rechte und jede Entscheidung ist ein Kompromiss.“

Den Kompromiss kann ich hier schwer finden. Natürlich habe ich Verständnis, das eine Mutter im kalten deutschen Winter nicht alle 20 Minuten ihre Brüste auspacken möchte, obwohl dies in Afrika so praktiziert wird (dort ist es aber auch heiß und die Brüste sind vielfach nicht bedeckt). Ich kann auch verstehen, dass eine Kinderkrippe nicht so häufig füttern kann. Aber alle vier Stunden finde ich einfach einen gehörigen Tacken drüber.

Noch einmal zur Erinnerung für diejenigen, die ihre Kinder stillen: Muttermilch ist eine Ressource, die dem Bedarf des Kindes angepasst wird. Sie geht somit zurück, wenn dieser Bedarf nur vier mal am Tag angefragt wird und wird definitiv nicht gesteigert werden , wenn das Kind seinen Mehrbedarf nicht an der Brust „anmelden“ darf. Zudem wird Muttermilch im Magen schneller verdaut als Flaschennahrung.

Aber wie schon im letzten Artikel geschrieben: In Frankreich werden mit vier Monaten nur noch circa 10 % der Kinder gestillt.

 

Walter Mischel – frühe „Belohnungsaufschieber“ haben die Nase vorn

Die Autorin trifft im Zuge ihrer Recherchen auf Walter Mischel, den vom Marshmallow-Experiment bekannten 80-jährigen Experten im Bereich des „Belohnungsaufschubs“.

Einen Eindruck von diesem Wissenschaftler und dem nun schon 40 Jahre andauerndem Versuch erhält man in diesem ZEIT-Interview.

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2015/02/marshmallow-experiment-psychologie-walter-mischel

Sie stellt sich die Frage, ob die wissenschaftlichen Thesen dieses Mannes aussagen, dass die Franzosen es genau richtig machen.
Also: Kann es sein, dass Kinder, die man zu guten Belohnungsaufschiebern erzieht, zu ruhigeren und belastbareren Erwachsenen werden? Druckerman stellt die Behauptung auf, dass dem entgegengesetzt amerikanische Kinder mit Stress nicht fertig werden. Dass dort kreischende, missgelaunte Kleinkinder an der Tagesordnung sind. In Frankreich bzw. zumindest in Paris beobachtet sie das selten. Die häufigste Aufforderung von Eltern an ihre Kinder ist „Attend!“, zu deutsch „Warte!“.

Ebenfalls ein oft bemühter Satz ist „Sois sage!“. Das heißt so etwas ähnliches wie „Sei brav!“, allerdings gleichzeitig auch „Setz‘ deinen Verstand ein“ und „Respektiere andere“. Druckerman beschreibt die Diskrepanz zwischen dem elterlichen Vertrauen, dass die Kinder all dies können, aber dennoch nicht langweilig und angepasst sind oder sein sollen.

Selbstbeherrschung wird in Frankreich als wichtige Voraussetzung für Genussfähigkeit angesehen. Die Franzosen halten die Fähigkeit zur Ablenkung wichtig und dass Kinder Techniken lernen, die das Warten weniger frustrierend machen. Diese Techniken muss man ihrer Ansicht nach nicht bewusst beibringen. Wenn Eltern ihren Kindern Gelegenheiten geben zu üben, dann finden die Kinder selbst Strategien, die für sie hilfreich sind. Dennoch finden sich in Frankreich natürlich auch Kinderbücher mit der entsprechenden Botschaft, beispielsweise das Buch „La princesse parfaîte“, in dem die Prinzessin Zoé der Versuchung widersteht, eine Süßigkeit zu essen, in dem sie sich die Augen zuhält.

Die Gelegenheiten zum Üben werden von den Eltern sorgsam gewählt oder sogar bewusst geschaffen.

 

Backen für die Gedulds-Entwicklung?shutterstock_411224545

So scheint es in den Pariser Mittelstand-Familien ein gemeinsames Wochenend-Hobby zu geben: Das  Kuchenbacken. Hier helfen schon die Kleinsten mit.

Ein Stück des Kuchens gibt es dann zum „goûter“, einer festgelegten Essenszeit gegen 16:30 Uhr. Snacks gibt es in Frankreich nicht. Ebenfalls ist es in den meisten Familien üblich, dass es auch Süßigkeiten nur einmal am Tag zum „goûter“ gibt. Und natürlich ist es abends auch genauso die Regel, auch mit kleinen Kindern mehrere Essensgänge einzunehmen. Sie lernen dies von Anfang an als normal kennen.

In Frankreich nehmen etwa 90% der Familien die Hauptmahlzeit gemeinsam ein. In Deutschland sind es circa 80 % und in den USA nur 67%.

Da die Franzosen selbst in dieser Hinsicht geduldig sind, leben sie es ihren Kindern vor. Druckerman beschreibt, dass die Mütter von ihren Kindern nicht erwarten ein „Ausgeburt an Geduld“ zu sein. Fehler gehören dazu. Die von ihr beobachteten Mütter reagieren nicht übertrieben darauf. Sie vertrauen auf die Macht der Wiederholungen, beispielsweise durch regelmäßiges Backen.
Druckerman fasst es zusammen mit: Die Mütter sind sogar geduldig, wenn es darum geht, ihren Kindern Geduld beizubringen.

Dies gilt auch für Gesprächsunterbrechungen oder die Fähigkeit sich mit sich selbst zu beschäftigen, was als hohe Tugend angesehen wird. Hier wird folgende elterliche Fähigkeit geschätzt: Sich zurückzuziehen, wenn Kinder sich mit sich selbst beschäftigen und sie dabei niemals unterbrechen und gleichzeitig sofort da sein, wenn das Kind Sehnsucht nach ihnen hat und sie braucht.

(Hier fällt mir die Analogie zu etwas auf, das Walter Mischel im oben verlinkten Interview gesagt hat: Dass es unfassbar zerstörend ist, gegebene Versprechen nicht einzuhalten. Dies führte im Marshmallow-Experiment dazu, dass gar nicht mehr gewartet wurde, weil das Vertrauen verloren gegangen war. Hier gibt es also auch die Relation zwischen Vertrauen und Verlässlichkeit. Ebenso bei Gesprächsunterbrechungen: Bitte ich ein Kind sich zwei Minuten zu gedulden, bis es dran ist und halte danach einen ellenlangen Dialog mit meiner Freundin, wird das für die Bereitschaft des Kindes mit seiner Botschaft zu warten, kontraproduktiv sein.)

 

Die artgerecht-Perspektive – Kinder schauen sich alles ab

Aus artgerecht-Sicht kann ich bis hierher bis auf die festen Fütterungszeiten im Säuglingsalter zumindest teilweise mitgehen.

Es ist völlig selbstverständlich, dass Kinder das lernen, was in ihrer Kultur oder in ihrem Familiensystem als „normal“ angesehen wird. Falls die Autorin Recht hat und es über gewünschte Verhaltensweisen tatsächlich einen gesellschaftlichen Konsens gibt, wirkt das natürlich auch nochmal stärker.

(In Deutschland haben wir diesen gesellschaftlichen Konsens nicht. Es gibt meiner Beobachtung nach nur noch wenige Dinge, die für alle Familien gelten. Und viele der erlebten Diskussionen oder gar Streitgespräche zwischen Müttern auf Spielplätzen oder im Gemeinschaftsgarten gab es nur, weil eben keine Einigkeit darüber bestand, welche Regeln zu gelten hatte.)

Und wenn die französischen Mütter nun einmal Spaß am Backen haben, dann ergibt sich über dieses regelmäßige Tun natürlich eine „Lern-Botschaft“. Verfehlt fände ich es aber, wenn ich mit meinem Kind jetzt nur backe oder koche, damit es geduldig wird. So begeistert wie die Autorin diese „Methoden“ beschreibt und sie selbst einfach kopiert, könnte dies die Quintessenz des Kapitels (oder gar des ganzen Buches) sein.

Dieses geplante und absichtsvolle Tun finde ich jedoch fürchterlich.

So wie ich das verstehe haben viele Franzosen eine ähnliche Geisteshaltung und diese geben sie an ihre Kinder weiter. Kochen, backen und gemeinsames Essen sind ja auch ungeachtet von Kindererziehung etwas, was – zumindest dem Ruf nach – den Franzosen sehr wichtig ist. Wenn auch erwachsene Franzosen sich an die festen Essenszeiten halten (was laut Autorin so ist), bekommen ihre Kinder dies natürlich als Normalität mit und werden sich an dieser orientieren. Und die Franzosen begleiten ihre Kinder bei diesem Prozess sich den Großen anzupassen, so wie die Natur es vorsieht. Diese Vorgehensweise wäre demnach authentisch.

 

„Alles nur geklaut?“

Wenn Eltern so etwas aber für einen pädagogischen Lernzweck von außen einführen, dann werden sie unpersönlich, weil sie eine Rolle „angezogen“ haben und dass auch noch für einen bestimmten Zweck. Ich glaube nicht, dass dies zu einem Erfolg führt, es sei denn, man erhebt diese Rolle als neues „Dogma“. Bezeichnenderweise gibt der französische Kinderarzt der Autorin an, dass er die festen Fütterungszeiten gegenüber Amerikanern nicht erwähne, weil diese zu dogmatisch damit umgingen.

Von daher finde ich es nur begrenzt sinnvoll mir die Erziehungsmethoden von anderen Kulturen unter der Geisteshaltung „Wenn ich das nachmache, dann fluppt alles mit meinen Kindern“ anzuschauen.

Sicherlich ist es interessant, andere Kulturen und ihren Umgang mit Kindern kennenzulernen, aber eher aus einem Geist der Neugierde, der Lust am Hinterfragen und des über den Tellerrand Schauens.

Zum Beispiel der spannenden Frage, welche Werte eigentlich meine eigenen sind und was ich dafür tue, sie meinem Kind zu zeigen.

 

Die spannende Frage: Wie zeige ich MICH mit dem, was mir wichtig ist?

„Zeigen“ geht auf vielerlei Art und Weise:

  1. Ich erzähle meinem Kind von meinen Werten und gebe ihm Handlungsoptionen, um diese zu erfüllen.
  2. Ich lebe meinem Kind die Werte vor, die mir wichtig sind – in dem ich mit IHM so umgehe
  3. Ich lebe meinem Kind die Werte vor, in dem ich mit MIR so umgehe
  4. Ich lebe meinem Kind die Werte vor, in dem ich mit ANDEREN so umgehe.

In der Auflistung kann ich die verschiedenen Wege voneinander trennen, aber im echten Leben ergibt sich aus meinem Reden, aus meinem Verhalten gegenüber dem Kind, mir selbst und anderen Menschen eine Gesamtbotschaft.

 

Die mächtigste Botschaft überhaupt

Wenn jemand seinem Kind ‚Respekt‘ predigt, aber selbst respektlos ist – ob sich selbst oder anderen gegenüber, hat diese andere Botschaft ebenfalls Gewicht, vielleicht sogar mehr als das Gepredigte. Wird dem Kind gesagt und gezeigt, dass es liebenswert ist und der Vater oder die Mutter behandelt sich selbst lieblos oder lässt sich so behandeln, ist auch dies ein eindrückliches Rollenvorbild. Im Idealfalle sollten also die Botschaften die Eltern ihren Kindern geben sich nicht von denen, die die Kinder bei ihnen durch Beobachtung lernen können, unterscheiden.

In der Transaktionsanalyse wird oft beobachtet, dass Menschen sich oft an den unbewussten Erziehungsbotschaften – also die, die durch Rollenvorbilder und Vorleben aufgenommen wurden – mehr abarbeiten, als an den ausgesprochenen.

Einerseits finde ich es also falsch, wenn Eltern ihrem Kind beispielsweise aus Prinzip nicht zuhören, bevor es nicht einen Augenblick gewartet hat. Die Botschaft ist hier: „Ich bin wichtiger als du. Deine Bedürfnisse haben weniger Bedeutung als meine.“ Andererseits finde ich es richtig, dass ich mein Kind bitte, einen Augenblick zu warten, wenn ich mich gerade in einer bedeutsamen Unterhaltung befinde . Die Botschaft lautet: „Ich möchte dir gerne zuhören, aber ich möchte noch den Satz beenden, bevor ich vergesse, was ich sagen wollte und damit ich dir aus ganzem Herzen zuhören kann.“ Natürlich erwarte ich nicht, dass mein Kind von sich aus Rücksicht auf mich nimmt und seinen Rededrang zügelt, bis ich ausgeredet habe (da würde es ja auch niemals zu Wort kommen!), aber ich zeige mich ihm damit, dass mir diese Unterhaltung wichtig ist und auch meinen Wunsch, meinem Kind die volle Aufmerksamkeit schenken zu können.

Selbstverständlich gibt es immer wieder Situationen, wo ich schon in dem Moment, in dem mein Kind den Raum betritt, weiß, dass es diesmal nicht warten kann – ob aus Euphorie oder weil es sauer oder traurig ist. Diese Momente meine ich ausdrücklich nicht, sondern all die Situationen, in denen Kinder eine nicht so dringende Frage haben, etwas erzählen oder zeigen möchten.

Einen Artikel über den Bedürfnis-Drahtseilakt und die Bedeutung der Eigenverantwortung habe ich bereits geschrieben:

http://familienbegleitung-koeln.de/was-koennen-wir-von-kleinkindern-verlangen/

Übrigens zeigt mein Sohn mir jetzt ziemlich genau, dass er sich diesen Respekt von mir auch wünscht. Es ist immer wieder sehr unangenehm, darauf gestoßen zu werden, wie oft ich mein Kind einfach bei seiner Tätigkeit unterbreche, weil ich dieses oder jenes jetzt sofort geklärt haben möchte oder einfach Lust habe zu quatschen.

 

Zurück zum Buch

Um das Kapitel vollständig zu besprechen, muss ich nun noch ein paar „Experten“ zu Wort kommen lassen, die Druckerman ausgegraben hat und die alles, was ich Positives aus dem Kapitel ziehen konnte, weil ich es für mich so abgewandelt habe, dass es passt, zunichte machen.

Da gibt es zum Beispiel das Buch „Un enfant heureuse“ (zu deutsch: Ein glückliches Kind) des Psychologen Didier Pleux, in dem er grob zusammengefasst folgendes schreibt: Kinder mache man dadurch glücklich, dass man sie frustriere. Natürlich solle man auf Bedürfnisse, ihre Rhythmen und ihre Persönlichkeit Rücksicht nehmen, aber ihnen von klein auf beibringen, dass sie nicht alleine auf der Welt sind und dass es für alles seine Zeit gibt.

Walter Mischel warnt vor dem Teufelskreis, der entsteht, wenn Nicht-warten, Weitermachen, Schreien und Quengeln mit Aufmerksamkeit belohnt wird. Hierzu habe ich ja eine deutlich abweichende Meinung.

Walter Mischel sagt außerdem, dass jedes Kind in der Lage sei nicht zu quengeln und keinen Tobsuchtsanfall zu bekommen. Das halte ich nun doch für ein Gerücht. Beziehungsweise kann ich mir nicht vorstellen, wie das ohne Angst, Druck oder Resignation bewerkstelligt werden soll.

Die Kinderpsychiaterin Anne-Catherine Pernot-Masson sieht die Fähigkeit ein „Nein“ zu tolerieren als wichtigen Entwicklungsschritt an. Die „éducation“ solle beginnen, wenn das Kind drei bis vier Monate alt ist. Durch das kurze Warten lassen würde man eine zeitliche Dimension einführen. Durch die tägliche Wiederholung würde das Kind lernen, auf seine Allmacht zu verzichten und sich sozial zu verhalten. „Das Nein erlöst die Kinder von der Tyrannei ihrer Wünsche.“

Das erinnert ein wenig an auch in Deutschland nach wie vor aktuelle Tyrannen-Theorien und löst in mir einen dezenten Brechreiz aus.

Familienpsychologin Caroline Thompson drückt es sogar noch drastischer aus: „Eltern müssen ertragen auch mal von ihren Kindern gehasst zu werden, sonst frustrieren sie ihre Kinder nicht, woraufhin das Kind sich selbst tyrannisiert.“

Der wahre Kern sorgt auch hier wieder dafür, dass sich alle möglichen Halbwahrheiten zu einem merkwürdigen Gemisch verschwurbeln.

Also:

girl-with-bubble-picjumbo-comJa – Es wird elterliche Entscheidungen geben, die das Kind absolut bescheuert findet. Kleinkinder sagen dann auch mal, dass sie ihre Eltern hassen. Bei älteren Kindern (zumindest prä-pubertär) kommt dies allerdings meines Erachtens nur vor, wenn sie sich nicht gehört fühlen und in den Prozess der Entscheidungsfindung nicht mit einbezogen werden.

Ja – Eltern müssen ertragen, nicht immer für alles von ihren Kinder geliebt zu werden. Wer davon abhängig ist, dass sein Kind ihn liebt und immer toll findet, was er tut, wird manipulierbar. Und zwar nicht deshalb, weil Kinder manipulieren wollen, sondern weil jemand, der kein Rückgrat besitzt und Angst hat mit einer falschen Entscheidung die Liebe seines Kindes zu verlieren, nicht frei ist.

Ja – Es gibt Kinder, die sich selbst und ihr Umfeld tyrannisieren, weil sie keine wirklichen Gegenüber kennen gelernt haben.

Eltern, denen selbst in ihrer Kindheit vieles versagt wurde – ob emotional oder materiell, möchten es oft gerne anders machen. Sie rutschen aber manches mal in eine Art Unterwürfigkeit, geradezu einer Angst, ihr Kind in irgendeiner Form zu frustieren. Es wirkt als wollten sie ihren Kindern „zu Diensten“ sein und würden alles tun, um Frust und Trauer zu vermeiden. Sie wirken konturenlos und devot. Die Kinder spiegeln dies in einem grenzüberschreitenden und ausuferndem Verhalten.

Auch Eltern, die ihren Kindern widerwillig und wütend nachgeben, wenn sie lang genug von ihrer Quengelei genervt wurden, verschärfen die Problematik. Denn ihre Kinder bleiben immer ungesättigter und unbefriedigter zurück, obwohl sie ihren Eltern immer mehr Dinge „abschwatzen“. Diese sind aber so nährstoffarm sind wie Weißbrot.

Anders verhält es sich jedoch, wenn Eltern ihrem Kind aufmerksam zuhören und dann etwas sagen wie: „Oh, ich habe nicht gewusst, dass es dir soo wichtig ist. Danke, dass du es mir gesagt hast. Das hat meine Gedanken dazu verändert.“

„Nachgeben“ hat dann nichts mehr mit Schwäche zu tun, sondern mit Stärke und dem Wunsch, dass es dem, den ich liebe, gut geht.

Und wenn das Kind sich gehören und verstanden weiß, ist es auch weitaus weniger schlimm, wenn es bei einem „Nein“ bleibt oder wenn es länger warten muss. Zu lieben und geliebt zu werden bringt das Beste in uns zum Vorschein – auch Geduld.

 

Fazit

Das Leben gibt uns im Zusammensein mit unseren Kindern genügend Gelegenheiten Geduld ganz nebenbei zu „üben“. Eltern müssen diese nicht extra schaffen.

Wohl aber darf ich – sofern es meinem Kind gerade emotional und körperlich gut geht – auch meine eigenen Bedürfnisse ernst nehmen. Dies hat zwei Effekte: Mein Kind sieht, dass ich mich selbst wichtig und ernst nehme und dadurch, DASS ich das tue, schaffe ich in mir den Raum, um leichter aus vollem Herzen meinem Kind entgegen zu kommen, da wo es nötig ist.

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Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.

    2 Comments

  1. Marianne

    Antworten

    Liebe Natascha, danke für die ausführliche Rezension. Mit deinen Gedanken stimme ich überein. Ich frage mich, wie du das in 3000 Zeichen unterbringst 😉 ….. Mit lieben Grüßen aus dem südlichen Deutschland, Marianne

  2. Pingback: Das Druckerman-Buch Teil 4 – „Die Zieh-Eltern französischer Erziehung“ – Familienbegleitung Köln