Jean-Jacques Rousseau und Françoise Dolto

In meinem letzten Artikel habe ich mich mit der französischen „Erziehung zur Geduld beschäftigt.

Die nächsten zwei Kapitel widmet Pamela Druckerman einer Rückschau zum Thema „Umgang mit Kindern“ und die „Entstehung des französischen Krippensystems“.
Sehr, sehr spannend.

Wer sich dafür interessiert, wie sich die Säuglingspflege und der Blick auf Säuglinge und Kinder in den letzten 300 Jahren in Deutschland verändert hat, dem kann ich nur wärmstens das Buch „Wenn Babys reden könnten“ des 2015 verstorbenen Kinderarztes Prof. Dr. med. Friedrich Manz ans Herz legen. Dieses Buch habe ich nach dem Lesen von Pamela Druckermans Kapitel sofort aus meinem Regal gezogen und lese mich nun schon wieder den ganzen Morgen in dem 650-Seiten-Werk fest.
Dabei bin ich darauf gestoßen, dass auch in Deutschland feste Fütterungszeiten (was ja Thema im letzten Beitrag war) bis vor gar nicht so langer Zeit als normal galten. Die Entwicklung in den Kinderkliniken hin zu „Füttern nach Bedarf“ dauerte bis Ende der 1980er Jahre. Allerdings galt das zu dem Zeitpunkt nur noch begrenzt für den privaten Raum. Und was Kliniken angeht wissen ja alle Eltern, die schon mal mit ihrem Kind in eine Kinderklinik mussten, wie hoffnungslos rückständig diese heute noch zumeist sind.

Aber zurück zum heutigen Thema. Wobei das wirklich nicht ganz leicht auszumachen ist. Es lässt sich am ehesten zusammenfassen mit:

 

Was sind die Eckpfeiler des französischen Erziehungsstils?

Pamela Druckerman setzt sich mit dem kulturell sehr verschiedenen Blick auf Kinder und Kindheit auseinander. Während die Amerikaner ihrer Beobachtung nach vielfach Druck ausüben, um die kindliche Entwicklung zu beschleunigen, ist dies den Franzosen völlig fremd. Die Autorin möchte beispielsweise, dass ihr Kind mit anderthalb Jahren schwimmen lernt und ist völlig entsetzt, dass dies in den französischen Schwimmkursen nicht einmal ansatzweise gelehrt wird, sondern dass dort nur „geplanscht“ wird.
Der Schweizer Psychologe Jean Piaget hielt in den 1960er-Jahren auch in den USA Vorträge zu den Stadien kognitiver Kindesentwicklung. Immer wieder wurde die „amerikanische Frage“ gestellt:
„Wie kann man diese Stadien beschleunigen?“

Ich erinnere mich gerade an die ironische Bemerkung des Autors Alfie Kohn in seinem wunderbaren Buch „Liebe und Eigenständigkeit, in dem er bissig feststellt, dass nur in den ersten Jahren Interesse an der schnelleren Entwicklung der Kinder bestünde. Er hätte noch niemals Eltern untereinander vergleichen hören, ob denn ihre Kinder beispielsweise schon in irgendeiner Form sexuell aktiv wären (was ja nun ein wichtiger kognitiver Schritt der Entwicklung in der Pubertät ist). Allenfalls für Schulnoten würde eine Ausnahme gemacht; ansonsten ist das Interesse an kognitiver Entwicklung in den Adoleszenz-Jahren verschwindend gering und die Jugendlichen werden in Amerika eher klein gehalten. Im Zusammenhang mit der hier erwähnten „amerikanischen Frage“ verstehe ich nun die Bissigkeit etwas mehr und stelle diese Form von Doppelmoral auch teilweise hier in Deutschland fest.

Jedenfalls: Aus ihren Kleinkindern möchten Amerikaner gerne so etwas wie „Wunderkinder“ machen. Es besteht eine Konkurrenz unter den Müttern. Bestimmte Kurse und Förder-Strategien werden wie Geheimtipps behandelt. Eine vergleichbare Konkurrenz ist Pamela Druckerman in Frankreich so niemals begegnet. Der französische Blick auf Kinder gründet vor allem auf zwei Menschen – zum einen den Philosophen Jean-Jacques Rousseau und zum anderen die französische Kinderärztin und Psychoanalytikerin, Françoise Dolto.

 

Rousseau – Revolutionär der Pädagogik und Politik

Jean-Jacques Rousseau wurde 1712 in Genf geboren. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt. Sein Vater verließ ihn, als er zehn Jahre alt war. Danach wurde der kleine Jean-Jacques nacheinander von mehreren Menschen erzogen und wurde an den meisten Orten Opfer von körperlicher Misshandlung. Um das revolutionäre seiner Ansichten zu verstehen, die er 1762 in dem Buch „Emile oder über die Erziehung“ vertritt, muss man sich ein wenig mit der Zeit auseinandersetzen, in der er gelebt hat.

Als „Emile“ erschien war es keine gute Zeit für Säuglinge und Kinder in Frankreich, was sich vermutlich auf ganz Europa, vor allem in den großen Städten übertragen lässt.
Der Pariser Polizeipräfekt Lenoir hielt fest, dass 19 000 von 21 000 im Jahre 1780 geborenen Kinder zu Bäuerinnen in weit entfernte Regionen wie beispielsweise die Normandie oder das Burgund verschickt wurden. Diese Bäuerinnen verdienten sich als Amme ein Zubrot. Nur tausend von den in diesem Jahr geborenen Babys wurden von den eigenen Müttern gestillt und die restlichen tausend von Haus-Ammen in Paris.
Manche dieser 19 000 Neugeborenen starben schon auf dem Weg aufs Land, durch die starke Rüttelei in den kalten Kutschen. Viele andere starben im Laufe der nächsten Zeit, denn die meisten Ammen dieser Zeit waren überlastet und unterbezahlt. Sie nahmen viel zu viele Kinder an und ließen die Säuglinge oft monatelang straff an Armen und Beinen eingewickelt.
Friedrich Manz schreibt, dass viele Säuglinge wund gelegen waren und zudem viel zu selten gereinigt und gefüttert wurden. Außerdem gab es den Brauch, dass Babys erst nach einigen Tagen gestillt wurden und vorher eine Mischung aus Abführmitteln und mit Weinbrand getränkten Brot erhielten. Auch wurde vielen Babys Opiate und Beruhigungsmittel wie beispielsweise Belladonna und Opium verabreicht. Die hohe Säuglingssterblichkeit dieser Zeit kann zum Teil auf „verhüllten Kindsmord“ zurückgeführt werden, denn jede Form von Verhütung, Abtreibung und vorsätzlichen Kindsmord war natürlich aus religiösen Gründen verboten. Gerade unehelich und zuletzt geborene Kinder hatten eine deutlich geringere Überlebenschance.
Hatten die Kinder diese ersten Jahre überlebt, kamen sie zu ihren völlig fremden Eltern „zurück“. Die adeligen Kinder besuchten fortan die Schule. 8 Stunden am Tag. Beginn war bereits morgens um 6 Uhr. Neben Wissensvermittlung stand hauptsächlich Schwimmen und Marschieren auf dem Stundenplan. Die Kinder aus den ärmeren Schichten begannen zu arbeiten. Schon 6-Jährige absolvierten Handwerkerausbildungen, wenn ihre Eltern das nötige Geld aufbringen konnten. Die anderen Kinder arbeiteten zum Beispiel als Schuhputzer, Tellerwäscher, Schiffsjungen oder – auch sehr beliebt – als Kaminfeger. Denn die kleinen Kinder passten da ja rein. Entgegen mancher Annahmen geht das in Deutschland und vermutlich auch in anderen europäischen Ländern bekannte Spiel „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ nicht auf Rassenfeindlichkeit zurück, sondern auf die vielerorts gängige Praxis ungehorsame oder ungewollte Kinder dem Schornsteinfeger (ergo „dem Schwarzen Mann“) mitzugeben. Viele dieser Kinder litten durch diese Arbeit immer wieder an Verbrennungen und starben früh an Lungenkrankheiten.

 

„Emile oder über die Erziehung“

In diese Zeit hinein schrieb Rousseau also sein Buch „Emile oder über die Erziehung“. Seine eigenen unehelich geborenen Kinder wurden übrigens auf sein Drängen hin ebenfalls in Findelheime gegeben. Die Kindersterblichkeit in Findelheimen lag bei bis zu 75 Prozent. Dies brachte ihm schon zu Lebzeiten Kritik ein, beispielsweise von Voltaire. Er argumentierte unter anderem damit, dass sein Beruf fast gar kein Geld einbrächte und somit seine Liebhaberinnen alleine für den Unterhalt hätten aufkommen müssen, was eine zu große Belastung dargestellt hätte.

In „Emile oder über die Erziehung“ geht es über die Erziehung eines fiktiven Jungen bis hin zu seiner Heirat. Rousseau schreibt, dass Kinder sich von selbst entfalten, wenn man sie nur Erfahrungen machen lässt. Viele Lerngelegenheiten bieten sich vor allem in freier Natur. Was auf den ersten Blick fast antiautoritär klingt, ist in Wirklichkeit das Gegenteil davon. Denn Rousseau beschreibt eine Art der non-direktiven Erziehung, die den Zögling in einer Weise beeinflusst, dass dessen Wille mit dem des Erziehers übereinstimmt.

Ein Zitat:
„Folgt mit Eurem Zögling den umgekehrten Weg. Laßt ihn immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man den Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen.“ Ziel der Erziehung ist es, dass der erwachsene Emile später an der Zivilisation teilnehmen kann, ohne an seiner Person Schaden zu nehmen (was auch immer das heißen mag).
Ein anderes Zitat: „Befehlt ihm nie und nichts, was es auch sein mag. (…) Er braucht nur zu wissen, dass er schwach ist und ihr stark seid, dass er also notwendigerweise von euch abhängig ist.“

Neu für diese Zeit ist, dass Rousseau die Kindheit als eigene Lebensspanne von Wert ansieht und nicht nur als eine Art Durchgangsstadium zum Erwachsensein.
Im Kapitel über das „Alter der Natur“, was die Zeit von null bis drei Jahren betrifft, rät Rousseau, dass Mütter ihre Kinder selbst stillen und versorgen sollen anstatt sie einer Amme zu überlassen.

Ironie eigentlich, dass heute so viele Pariser Mütter ihr Kind mit drei Monaten abstillen und es ganztägig in die Obhut der „modernen Amme“, der Crêche, geben.

 

Rousseaus Vermächtnis

Ansonsten sind von den Vorstellungen Rousseaus laut Pamela Druckerman vor allem zwei Dinge übrig geblieben: Zum einen der Glaube an die freie Zeit der Entfaltung und des Spielens. In diese greifen Eltern relativ wenig ein und versuchen nicht, die kognitive Entwicklung ihrer Kinder irgendwie voran zu treiben beispielsweise in dem das Kind ein Jahr früher eingeschult wird.(Andererseits verstehe ich persönlich unter „freier Entfaltung“ etwas anderes, als von Babyalter an täglich 9-10 Stunden in einer institutionellen Einrichtung zu verbringen, aber na gut…)
Zum anderen jedoch die klare Herrschaft der Eltern, die den „cadre“, den Rahmen, vorgeben. Pamela Druckerman zitiert einen namenlosen Schauspieler, der gesagt haben soll:
„Erziehung ist ein fester Rahmen, innerhalb dem Freiheit herrscht.“
Für Rousseau ist es ganz klar, dass die Argumente der Kinder weniger Gewicht haben als die der Eltern.
Dies entspricht dem gängigen Menschenbild, sowohl in Frankreich als auch in anderen europäischen Ländern, das Kinder Menschen zweiter Klasse sind, welches erst Ende der 1960er-Jahre beginnt aufzuweichen.
(Und der Gedanke, dass Kinder uns Erwachsenen „gleichwürdig“ sind, ist ja selbst heute für viele Menschen absolutes Neuland.)

 

Françoise Dolto: Die „Kinderflüsterin“ der Siebzigern

Eine Frau, die dafür gesorgt hat, dass Kinder in der französischen Gesellschaft mehr ernst genommen werden, war Françoise Dolto, eine Psychoanalytikerin und Kinderärztin, die Mitte der 1970er Jahre täglich eine Radiosendung hatte, in der sie schriftliche Erziehungsanfragen von Eltern beantwortete. Druckerman beschreibt sie als „weise Oma mit herrlich radikalen Erziehungsvorschlägen“. So glaubt Dolto, dass Säuglinge vernunftbegabte Wesen seien und sprachliche Äußerungen verstehen können.
So unfassbar das für manche Leute klingen mag, aber es gibt einige Belege dafür, dass Babys viel mehr verstehen, als wir uns denken können. David Chamberlain beschreibt in seinem Buch „Woran Babys sich erinnern“ einige Beispiele von Menschen, die sich während Hypnosen haargenau an ihre eigene Geburt erinnern. Nicht nur in Bildern, sondern auch an genaue Aussagen von Hebammen und Ärzten.

Dolto jedenfalls sprach immer mit Säuglingen so, als sei sie davon überzeugt, dass diese sie verstehen konnten. Es gibt Anekdoten von ihren Studenten, die berichten, wie sie sich untröstlichen Kleinkindern im Krankenhaus zuwendet und ihnen mit vollem Ernst und Mitgefühl erklärt, warum sie im Krankenhaus sind und wo ihre Eltern sind. Gemäß der Legenden sollen sich die Babys daraufhin beruhigt haben.

Für Dolto war es wichtig, dass Erwachsene Kindern die Wahrheit sagen und bestätigen, was diese sowieso schon intuitiv spüren.
Und auch mit älteren Kindern unterhielt sie sich ernsthaft und lernte dadurch, dass viele körperliche Probleme seelische Ursachen haben. Das war für ihre Kollegen zu der Zeit noch undenkbar. Die körperlichen „Symptome“ der Kinder wurden gezielt ausgemerzt, ohne dabei die Psyche zu beachten. Beispielsweise waren „Pipi-Stopper“ gängige Werkzeuge, um Bettnässen zu verhindern. Diese setzten bei Nässe Stromstöße frei. Derartige Praktiken und die Sichtweise dahinter wurden von Dolto abgelehnt.
Dolto fragte ihre kleinen Patienten, was sie denken. Sie war davon überzeugt, dass Kinder für ein schlechtes Verhalten immer Gründe haben und dass es Aufgabe der Eltern sei, ihnen zuzuhören und die Gründe herauszufinden. Sie ließ sich von ihnen mit Gegenständen bezahlen, damit sie sich unabhängig und eigenverantwortlich fühlen, beispielsweise Basteleien, gefundene Steine oder Muscheln.
Ein französischer Psychoanalytiker hat zu ihrem 100. Geburtstag ihre Lehren folgendermaßen zusammengefasst:
„Menschen sprechen miteinander. Manche von ihnen sind groß, andere klein. Aber sie kommunizieren miteinander.“

 

„Menschen sprechen miteinander. Manche von ihnen sind groß, andere klein. Aber sie kommunizieren miteinander.“

Eine der größten Vorwürfe an Dolto waren, dass sie eine zu nachlässige Erziehung propagiere. Pamela Druckerman begründet diese Vorwürfe so: „Einige Eltern glaubten, einem Kind zuhören bedeute auch, das zu tun, was es sagt.“ Druckermans Ansicht nach hat Françoise Dolto aber Rousseaus „cadre“-Modell erhalten und ihm gleichzeitig jede Menge Empathie und Respekt vor dem Kind hinzugefügt. Sie beobachtet bei den französischen Eltern in ihrem Umfeld, dass diese ein Gleichgewicht zwischen „dem Kind zuhören“ und „dem Kind klar machen, dass sie die Eltern sind“ gefunden haben.
Viele Eltern zeigen ihrem Baby zuallererst sein neues Zuhause, wenn sie mit ihm aus dem Krankenhaus kommen (was ja noch nicht das Zuhause des Babys ist). Fremdelt ein Baby stark, wird es auf Besuch vorbereitet und was dann passieren wird. Oft wird Babys gesagt, was nun als nächstes geschehen wird, beispielsweise „Ich nehme dich nun auf den Arm“ oder „Ich ziehe dir eine neue Windel an“.

 

Das „vernunftbegabte“ Kind

Französische Eltern gehen davon aus, dass ihre Kinder sie verstehen und dass sie auch in der Lage sind Gehörtes umzusetzen. So erzählt Druckerman, wie ihre 10-monatige Tochter anfing ihr Bücherregal auszuräumen. Sie glaubte, dass sie das so hinnehmen müsse und dass ihre Tochter zu keiner Selbstbeherrschung fähig wäre. Ihre französische Freundin war aber anderer Ansicht und erklärte ihrer Tochter sanft aber mit Nachdruck, dass die Bücher im Regal bleiben sollen und zeigte ihr, wie sie diese wieder einzuräumen haben. Laut Druckerman tat sie das, was ihr gesagt wurde und hielt sich auch zukünftig daran.
Die letzte erzählte Episode finde ich persönlich sehr spannend, denn beim Lesen ist mir eingefallen, dass ich mit meinem Sohn etwas Ähnliches erlebt habe. Als er mit acht Monaten begann, mein CD-Regal auszuräumen, habe ich daraufhin insgesamt sechs Fächer mit „Müll-CDs“ bestückt – alte Bravo Hits und ähnliches. Ich habe ihm immer wieder gesagt, mit welchen CDs er spielen darf und mit welchen nicht. Obwohl auch CDs in Reichweite waren, die mir wichtig waren, sind diese alle heil geblieben. Insgesamt habe ich sehr wenig weggeschlossen oder weg geräumt. Ich bin tatsächlich auch davon ausgegangen, dass er dies verstehen kann, ohne dies bisher zu reflektieren. Sehr spannend.

Sicherlich ist dies aber vom Temperament des Kindes abhängig. Mein Sohn war immer irgendwie „vernünftig“. Nicht, dass er nicht auch wütend und laut werden kann und konnte, aber in dem Moment, an dem sein Gegenüber ihn ernst nimmt und ihm klar zeigt, was geht und was nicht, kann man mit ihm auch bis auf wenige Ausnahmen zu guten Lösungen finden. Andererseits geht diese Verhandlungsbereitschaft bei ihm sofort verloren, wenn jemand ihm nicht mit Respekt begegnet. Ich erinnere mich mit einer gewissen gruseligen Genugtuung an die Schuleingangsuntersuchung mit einer sehr autoritären Pädagogin. Sowohl Erzieher als auch Lehrer berichten mir einhellig, dass mein Kind „nicht erziehbar“ sei. Es lässt sich nicht beugen, weder mit Druck noch mit positiver Verstärkung. In diesem Kontext gehe ich also schon davon aus, dass der Schlüssel zu seinem „pflegeleichten“ Verhalten der ihm entgegengebrachte Respekt ist.

 

Kinder sind auch Menschen und uns demnach gleich an Würde

In dem Zuge sehe ich es auch kritisch, die Meinung der Kinder denen der Erwachsenen unterzuordnen. Sicher ist es richtig, dass zuhören nicht automatisch heißt, alles zu tun, was unser Gegenüber möchte.

Das wäre ja bei unserem Partner auch nicht so. Ihm zuhören und ernst nehmen heißt erst einmal nur genau das. Und dann zu überlegen, wie ich mich selbst dazu stelle. Kann ich uneingeschränkt „Ja“ sagen? Merke ich, dass ein Teil von mir seinen Wunsch erfüllen will und ein anderer Teil wehrt sich dagegen? Wogegen wehrt sich dieser Teil genau? Gibt es eine Möglichkeit ihm seinen Wunsch zu erfüllen, ohne das zu erleben, wogegen ich Abwehr spüre?
Den gezogenen Konsenz meiner Überlegungen teile ich dann wiederum meinem Gegenüber mit. Ich nehme seinen Wunsch ernst und sage ihm, ob und in welcher Weise ich ihm entgegen kommen kann. Und frage ihn dann wieder, wie er sich mit meiner Lösungsidee fühlt und welche Gedanken er dazu hat.

Der gedankliche Unterschied für viele besteht darin, dass wir bei einem Partner akzeptieren können, dass er uns „gleichgestellt“ ist. Bei Kindern können einige Menschen das nicht.

 

Welchen Rahmen möchte ich für das Leben in meiner Familie?

Ich bin absolut der Meinung, dass die Meinung meines Sohnes schon immer genau so viel wert war wie meine. Und dennoch gebe ich ebenfalls einen „cadre“ vor. Ich habe mein Leben so gelebt wie ich es gerne lebe – so lange er mir signalisiert hat, dass das für ihn in Ordnung ist. War es das nicht, war es meine Aufgabe nach einer Lösung zu suchen, die für uns beide zu akzeptieren war. Nicht immer konnte ich das. Und manchmal mussten wir es auch so machen, wie ich es „wollte“, weil es um Dinge ging, die mein Sohn nicht überblicken konnte und Entscheidungen Konsequenzen bedeutet hätten, die für uns beide nicht gut gewesen wären.
Also finde ich generell auch nichts schlimm an einem „Rahmen“ für Kinder. Nur gibt es sehr unterschiedliche Rahmen. Rahmen die Sicherheit vermitteln. Oder Rahmen die aus Erwartungen bestehen. Rahmen die der Straßenverkehrsordnung gleichen. Rahmen die einschränken und unverrückbar sind. Rahmen die sich aus Beziehung, Annahme und Begleitung zusammensetzen.
Und MEIN Rahmen soll nicht aus Erwartungen bestehen, wie mein Kind sich zu verhalten hat (schläft früh durch, lässt mich ausreden, verhält sich höflich…), sondern mein Rahmen soll aus MIR bestehen. Wer ich bin. Wie ich fühle. Was ich mag. Was ich doof finde. Welche Werte ich vertrete. Und gleichzeitig soll mein Rahmen auch aus meinem KIND bestehen. Was ich über es weiß. Was für ein Mensch es ist. Wie alt es ist und was es können kann. Und ganz wichtig: WAS ES BRAUCHT!!

 

Die wichtigste Frage für meinen „cadre“: Wer ist mein Kind und was braucht es jetzt?

Natürlich kann ich einen „cadre“ gestalten, in dem ein Kind mit wenigen Monaten durchschläft. Das geht. Vermutlich problemlos. Aber ich glaube daran, dass kleine Menschen noch mehr Kontakt brauchen als große Menschen. Wenn ich es aus Druckermans Buch richtig lese, bieten die Franzosen ihren Kindern eher geistigen Kontakt an. Ich persönlich halte aber gerade Körperkontakt für immens wichtig und prangere die körperliche Kontaktlosigkeit der westlichen Gesellschaft für Groß und Klein sehr an. Als Erwachsene erhalte ich keine Kuschel-Einheiten, wenn ich nicht in einer Partnerschaft bin oder auf Kuschel-Partys gehe. Und wie viele Kinder leiden schon als Babys an Kontaktarmut? Jetzt im Frühling sieht man sie wieder zuhauf: Babys in vorwärtsgerichteten Kinderwägen, die versuchen, sich aus ihren Fesseln… äh, pardon… Anschnallgurten zu befreien und ihre Arme nach dem Schiebenden auszustrecken, um zu zeigen, dass sie seine Nähe haben möchten. Vielleicht bekommen sie stattdessen einen Schnuller oder etwas zu essen. Vielleicht telefoniert der Schiebende. Oder schimpft. „Jetzt bleib‘ doch mal sitzen!“
Ich schweife ab.

Aber ich möchte ein Kind, das sich nicht nur gehört und geliebt weiß, sondern dass auch noch mit zärtlichen Berührungen und generell Nähe gesättigt ist. Tags UND nachts. Weil der Körper bei Berührungen Beruhigungs- und Bindungshormone ausschüttet, die einfach GUT TUN. Und die negativem Stress vorbeugen. Und je früher ein Kind in die Fremdbetreuung geht, desto wichtiger finde ich diesen Kanal zum Auftanken und „sich erden“.

 

Fazit

Für diesen Artikel musste ich viel recherchieren und mir viele Gedanken machen. Die Auseinandersetzung mit der Kindheit zu Zeiten von Rousseau hat mich sehr berührt. Ich bin auf viele verwandte Themen gestoßen. Auf Dinge, die ich nicht wissen wollte. Auf Bilder, die mich hilflos gemacht haben. Der Gedanke an die Kindheit von unglaublich vielen Menschen lässt sich für mich nur aus der Distanz ertragen. Gleichzeitig finde ich diese Zusammenhänge immens wichtig, um zu verstehen, woher wir kommen und welchen enormen Weg unsere gesellschaftlichen Ansichten genommen haben.
Und so sehr ich mich auch weiterhin dafür einsetzen möchte, dass Kinder besser verstanden werden, dass sie als gleichwürdig betrachtet werden und dass ein enormes Potenzial der Heilung – sowohl für uns selbst als auch für die Welt in der wir leben – darin steckt, sich auf den Weg zu machen, seinen Kindern das zu geben, was man vielleicht selbst niemals bekommen hat, so sehr habe ich auch das dringende Bedürfnis nach Milde und Barmherzigkeit.
Kinder sind im Vergleich zu früher rar geworden und dadurch ein hohes Gut. Und die Gräben zwischen den Eltern und ihren verschiedenen Erziehungsstilen sind oft tief. Der Grat zwischen Aufklärung und Verurteilung ist sehr schmal. Mütter können für ungefähr alles verurteilt werden: Weil sie ihr Kind schreien lassen. Weil sie es nicht tun. Weil sie nicht stillen. Weil sie zu lange stillen. Weil sie ihr Baby in einer Tragehilfe tragen, die die Anhock-Spreiz-Haltung nicht unterstützt und das vielleicht sogar mit dem Gesicht nach vorne.
Wenn ich von all dem Leid lese, dass Kinder flächendeckend erleben musstest, von all der Nicht-Beachtung – körperlich, geistig und emotional, dann bin ich vor allem eins: Dankbar für die Zeit in der wir leben.
Dankbar für die enorme Entwicklung, die sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat. Für den veränderten Blick auf Frauen, Kinder und die gesamte Menschheit. Für das viele Wissen, das uns zur Verfügung steht. Dafür, dass es okay und möglich ist, sich auf die Suche nach sich selbst zu machen und für die Freiheit, die in unserer Gesellschaft herrscht.

Mich einerseits für einen bedürfnisorientierten Umgang mit seinen Kindern, seinem Umfeld und sich selbst einzusetzen, Euch herauszufordern, Euch mit Euch selbst und Eurem Menschen- und Selbstbild zu beschäftigen und dabei gleichzeitig jeden einzelnen auf seinem Weg – wie auch immer dieser aussehen mag – anzunehmen…
Das ist mein tiefer und heiliger Wunsch. (Und meine größte innere Hürde.)

 

 

 

Quellen:
„Wenn Babys reden könnten“ – Prof. Dr. Friedrich Manz
„Woran Babys sich erinnern“ – David Chamberlain
http://thata.ch/wordpress/wp-content/uploads/2012/08/waisenkinder_findelkinder_findelhaeuser_kindsmord.pdf
http://www.kinderzeitmaschine.de/neuzeit/lucys-wissensbox/kategorie/alltag-von-kaminfegern-brotnot-und-so-mancher-laus.html?no_cache=1&ht=6&ut1=119
https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Jacques_Rousseau
https://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7oise_Dolto

Shares:


Kostenloses Kennenlern-Gespräch

Mein Beitrag hat Sie berührt? Sie möchten gerne über IHRE Familiensituation sprechen?

Tragen Sie sich hier für ein kostenloses Telefonat zum Kennenlernen ein.

Ich freue mich auf Sie!

 


 

Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.