Jedes Mal, wenn eine Mutter diesen Satz über ihr tobendes Kind sagt und dies als Grund nennt, warum sie sich ihm nicht zuwendet, möchte ich gerne laut rufen:

Was heißt denn hier, nur???!“

Gestatten, ich heiße Natascha, bin 33 Jahre alt und bin süchtig nach Aufmerksamkeit.

Ganz ehrlich. Ich könnte jetzt versuchen, das schönzureden, aber so ist es.

Bekomme ich keine Aufmerksamkeit, mache ich ganz komische Sachen. Also gut, manchmal kann ich mich davon abhalten, weil mein Verstand mich daran hindert. Manchmal poste ich aber seltsame Sachen auf meiner Facebook-Seite oder mache extra Sachen, von denen ich weiß, dass ich damit Beachtung finde. Schreibe zum Beispiel einen sehr persönlichen Artikel für meine Homepage.

Ups. Erwischt.

 

Der Wunsch danach GESEHEN zu werden

Schauen Sie sich meinen heutigen Tag an. Wir haben 13.30h. Das Kind ist noch fast zweiundhalb Stunden in der Schule. Ich musste heute nicht arbeiten, sitze entsprechend nur zu Hause rum und mache eigentlich schöne Dinge. Ich kümmere mich um meine Homepage, stricke Babyschuhe und schaue dabei eine Serie, die ich neu für mich entdeckt habe. Aber niemand hat mir bisher Aufmerksamkeit geschenkt. Im Grunde fühlt es sich so an, als wüsste niemand, dass ich existiere. Oder als wäre es egal. Keiner reagiert auf meinen neuesten Facebook-Post und auf die lange Mail, die ich letztens geschrieben habe, habe ich auch noch keine Reaktion.

Ein ganz ekelhaftes Gefühl.

Ich habe ein unglaublich tolles Leben. Ich habe tolle Freunde, eine Arbeit, die ich liebe und viele Dinge, die ich gerne tue. Mein Leben ist bunt und schön, abwechslungsreich und tief. Aber das reicht mir nicht.

Es ist ja gut und schön, auf ein Konzert zu gehen, das einen zum Lachen und zum Weinen bringt, aber das ist alles nur halb so schön, wenn man sich nicht mit jemandem gemeinsam daran freuen kann.

 

Die Sehnsucht danach Glück und Leid zu teilen

Ich will, dass jemand, den ich liebe, gemeinsam mit mir Dinge erlebt, die Schönen und die Schweren, die Belanglosen und die Wichtigen.

Jetzt können Sie mir gerne sagen, dass das unvernünftig ist und nicht gesund. Da gebe ich Ihnen sogar in einem gewissen Maße Recht. Es ist eine großartige und erstrebenswerte Fähigkeit, sich selbst Bestätigung geben zu können, mit sich selbst zufrieden zu sein, andere nicht zu „brauchen“.

 

Un-Abhängigkeit und Selbstberuhigung kann man nicht durch Gewalt erreichen!

Aber – und jetzt kommen wir zu dem Punkt, warum ich darüber überhaupt auf dieser Seite schreibe: Ich glaube nicht, dass man diese Fähigkeit durch Ignorieren oder gewaltvolle Ablöse-Erlebnisse forcieren kann.

Was das angeht haben meine Eltern nämlich alles „richtig“ gemacht. Absichtlich ignoriert; wenn es irgendwann wirklich nicht mehr anders ging, bestraft. Na ja, wie man das halt so macht und wie es ja auch in all den ach-so-schlauen Büchern immer steht. Bloß negatives Verhalten nicht verstärken…

 

Die Angst negatives Verhalten zu fördern

„Oh Gott, oh Gott! Wo kämen wir denn dahin, wenn das Kind mit so einem Verhalten dann auch noch durchkommt!“

Ja, kleine und auch große Menschen wenden oft besch…eidene Strategien an, um Aufmerksamkeit zu bekommen, um gesehen und wahrgenommen zu werden – gerade wenn sie innerlich in Not sind.

Also, ich schreie ja ganz gerne rum. Was ist Ihre Lieblings-Kack-Strategie, die Ihr Kind ausdrücklich besser nicht nachmachen sollte? Haben Sie auch so oft den Satz gehört „Nicht in diesem Ton, Frollein!!!“ ? Ironischerweise war dieser Satz auch ganz oft eher gebellt, als gesprochen, aber das nur mal nebenbei. Auch meine Eltern waren ja in Not in diesen Momenten, kannten nur auch keine geeigneteren Strategien, um für sich zu sorgen und um wieder in Verbindung zu kommen.

 

Menschen sehnen sich nach Verbindung

Denn darum geht es doch: Wenn Menschen in Not sind, dann möchten sie Verbindung mit den Menschen, die ihnen am wichtigsten sind. Und das tut mir ja ganz schrecklich Leid für Sie (falls Sie die Last der Verantwortung manchmal auch so erdrückend finden wie ich):

Aber für Ihr Kind sind das Sie!

 

Der erste Liebeskummer unseres Lebens

Ich persönlich glaube ja, dass ich diese Form von Liebeskummer, die ich nun so gut aus zerbrochenen Liebesbeziehungen kenne, zuallererst bei meinen Eltern kennengelernt habe. Dieses unglaubliche Gefühl von Verlassenheit. Und dabei waren die doch direkt bei mir. Oder maximal im Zimmer nebenan. Aber da waren oft ganze Universen zwischen uns! Verrückt, oder?

Kann es einen besseren Grund geben, sich unserem Kind zuzuwenden, als der, dass es sich nach uns und unserer bedingungslosen Liebe sehnt, die es annimmt, so wie es ist und so wie es jetzt gerade in seiner Not sein kann?

„Ich kann es zwar wirklich nicht leiden, wenn du schreist, weil mir das in den Ohren weh tut, aber ich sehe, dass es dir nicht gut geht.“

In dem schönen Kinderfilm „Home – Ein smektakulärer Trip“ wird der schöne Begriff ‚trauer-sauer‘ geprägt, den ich einfach wunderbar passend finde. Wut ist nämlich psychologisch gesehen ein Sekundär-Gefühl – eine Reaktion auf unterdrückten Schmerz, Trauer oder Hilflosigkeit.

 

Der beste Grund sich seinen Kindern zuzuwenden

Vielleicht denken Sie ja das nächste Mal daran, wenn Ihr Kind sich unmöglich und laut verhält. „Bloß nicht reagieren, der will nur meine Aufmerksamkeit…. oh, stop mal, mein Kind braucht meine Aufmerksamkeit?“

Und dann fällt Ihnen vielleicht ein, dass Sie schon eine Stunde mit Ihrer Freundin telefonieren (und auch wenn Sie das sicher dringend nötig haben, ist eine Stunde unerträglich lange für ein Kind) oder dass Sie – seit Sie das Kind aus dem Kindergarten abgeholt haben – Ihre Zeit nur mit Einkauf und Orga-Quatsch verbracht haben, dessen Wichtigkeit für das Kind nicht zu überblicken ist. Oder dass Sie ihm nicht wirklich zugehört haben, weil da Ihr Handy Geräusche gemacht hat und Sie gerade mal gucken mussten, wer da was von Ihnen will und der Moment danach vorbei war. Oder … oder… oder. Geht uns ja allen so. Nicht, dass Sie denken, dass ich mich da nicht auch ständig dran erinnern muss.

Und – wo wir gerade dabei sind: Vielleicht mögen Sie mir ja ein bisschen Aufmerksamkeit schenken und einen kleinen Kommentar hinterlassen. Kann auch ein negativer sein.

Sie wissen ja: Negative Aufmerksamkeit ist besser als gar keine Aufmerksamkeit *zwinker*.

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Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.

    39 Comments

  1. Tanja

    Antworten

    Ich denke, du hast auf jeden Fall den richtigen Job für dich gefunden. Beneidenswert, mit den eigenen Ressourcen Geld zu verdienen und Spaß zu haben. Und ich merke an deiner Schreibweise, dass du dich selber nicht zu ernst nimmst. Gefällt mir gut und dein Text regt auf jeden Fall zum überdenken meiner Verhaltensweise an. Vielen Dank. Meine Aufmerksamkeit hattest du *zwinker zurück*

    • Natascha Makoschey

      Na ja, auf das Geld verdienen warte ich noch… 🙂 Aber tatsächlich tut es mir unglaublich gut, nun zu schreiben und durch all die netten Kommentare hier auch das Gefühl zu bekommen, offenbar etwas von Wert zu sagen zu haben. Das wiegt für mich alles andere auf… bzw. ich hege natürlich die Hoffnung, dass der in Geld messbare Erfolg irgendwann nachkommt. 😉

  2. Jenny

    Antworten

    Ein wirklich toller Beitrag den ich gerne mit deiner Erlaubnis auf unserer Seite Posten würde. Wir können gar nicht aufmerksam genug sein nicht nur der Außenwelt sondern auch uns selbst gegenüber.

  3. Jessx

    Antworten

    Danke :-*
    Mein großer ist grad in der ttotzphase
    .
    Vielleicht denk ich erst drüber nach wie es in ihn aussieht bevor ich mich aufrege
    Danke für den Denkanstoß

  4. Lena E.

    Antworten

    Nun hinterlasse ich Dir auch mal einen Kommentar, nachdem ich bisher nur still und staunend mitgegeben habe.
    Es ist berührend, wie genau Du den schmerzhaften Punkt triffst. Und dennoch hat man immer das Gefühl, als würdest Du einem mit Deinen RatSchlägen (absurdes Wort in dem Zusammenhang) in einen warmen Mantel helfen, statt einen mit nassen Handtüchern zu verwamsen.
    Danke für die 7-12 Augen, die Du mir bislang schon geöffnet hast und ich freue mich jetzt schon auf die nächsten 20 🙂

    • Natascha Makoschey

      Danke, liebe Lena! Ich freue mich sehr, das zu lesen. Gerade das mit dem warmen Mantel. Mündlich kriege ich das leider oft nicht so gut hin, auch weil mich Dinge immer so stark berühren (sonst hätte ich ja nie soviel Energie einen Artikel zu schreiben, wo man doch an seinen freien Tagen den ganzen Tag „Royal Pains“ gucken könnte).Da darf ich noch wachsen . Ganz liebe Grüße!

  5. Aisun Herter

    Antworten

    Ach wie herrlich. Danke für diesen Artikel. Und ich nehme es tatsächlich als Selbstverständlich und gegeben hin, dass Fleissige, einfühlsame und bemühte Menschen tolle Artikel schreiben, aus denen ich unglaublich viel lerne und vergesse so oft, einen Kommentar zu hinterlassen.
    Also, hier meine Aufmerksamkeit: vielen Dank für den tollen Artikel! Nach mehreren Wochen mit meinem kranken Sohn zuhause hat er mir wirklich gut getan!! Auch morgen werde ich es wieder schaffen, das berechnete Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Verbindung hinter dem gefühlt 1000fschen Mama- rufen meines Sohnes zu erkennen 🙂

  6. Carina

    Antworten

    Wie herrlich ihr Artikel…😁
    Und ja man sieht sich – ich seh mich – darin wieder 🙈
    Gerade heute gab es wieder eine Situation, eigentlich gefühlt gerade jeden Tag 🤔😱🙈
    Ich nehm es mir zu Herzen und werde mich ändern 👍🏻

    • Natascha Makoschey

      Sei sanft zu dir selbst. Sei auch zu dir liebend und erkenne an, dass du Bedürfnisse hast. Das ist okay. Und wenn du nun immer wieder dein Kind sehen kannst, während du deine Bedürfnisse erfüllst und ihm seinen Wunsch nach Aufmerksamkeit ebenso zugestehst, dann gewinnt ihr beide. Liebe Grüße!

  7. Britta

    Antworten

    Toller Artikel und auf den Punkt gebracht! Es hilft, das eigene Verhalten genauer zu betrachten und ggf. zu korrigieren. Z.B. die Länge der geführten Telefonate, während der eigene Sohn unsere Aufmerksamkeit braucht.

  8. Nicki

    Antworten

    Danke, für diesen /deinen Blickwinkel!!!
    Immer wär ja fast utopisch aber ich werd er versuchen!!
    Das Trotzalter wird ab nun zur spektakulären Bühnenshow und ich werd sein größer Fan!!!
    Danke für deine Zeilen!!!

  9. Jessica

    Antworten

    Super, Danke. Der Beitrag. Hat mir super viel geholfen. Ich bin alleinerziehend und bekomme wenig Aufmerksamkeit. Demnach fällt es mir manchmal schwer dies meiner Tochter zukommen zu lassen. Manchmal ist es auch schwer das eigentliche Bedürfnis bei den kleinen zu entdecken. Und bei sich SELBST .

  10. Karen

    Antworten

    Ohohoh… da hab ich mich gerade beim Lesen voll und ganz ertappt gefühlt 😉 – und zugleich voll und ganz verstanden 🙂
    DANKE, liebe Natascha, für diesen wundervoll-erfrischend-erhellenden, erleichernd-bestätigenden und vor allem grundehrlichen Text <3
    Alles Liebe Karen

  11. Karin

    Antworten

    Liebe Natascha,
    was für ein mutig-ehrlicher Augenöffner!
    Ich bin selbst Körper- und Bindungstherapeutin und mich schüttelt es auch jedes Mal, wenn ich diesen schrecklichen Satz höre. Der Mensch ist so, ob klein oder groß, unser Leben hängt (ursprünglich-biologisch) davon ab, dass andere Menschen uns Aufmerksamkeit schenken. Sonst laufen wir doch Gefahr von der Herde vergessen zu werden und dann… na dann, gute Nacht Marie!
    Schreib du bitte unbedingt weiter so tolle Texte, damit wir dir ganz viel Aufmerksamkeit schenken können. Denn du schenkst uns wahnsinnig viel in retour!
    Danke für deine Arbeit und von Herzen alles Gute!

    • Natascha Makoschey

      Liebe Karin!
      Ich danke dir für deine herzlichen Worte! Gerade war ich auf deiner Homepage und bin gerade sehr berührt von deinem „Über dich“-Text. Wie du deinen Weg gehst, wie du die Dinge verwandelst, die dir geschehen sind, beeindruckt mich sehr.
      Wie schön, dass es so viele Menschen gibt, die mit ihrer Arbeit Licht und Frieden in die Herzen bringen.

      Sei ganz lieb gegrüßt,
      Natascha

  12. Adina

    Antworten

    Ich freue mich, dass ich deinen Blog (jetzt schon) entdeckt habe! Ich habe den ersten Wutanfall noch vor mir und bin schon gespannt, ob ich das (hoffentlich) gut meistern kann! Deine Anregungen und Tipps sind auf jeden Fall super und werden gleich ausgedruckt <3

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