Letzte Woche habe ich mich im Rahmen meiner artgerecht-Prüfung mit den einleitenden Kapiteln des Buches „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“ von Pamela Druckerman beschäftigt. Es ging hier um das Thema ‚Schwangerschaft und Geburt‘.

Im folgenden Kapitel beobachtet Druckerman, dass französische Babys schon mit 2-3 Monaten durchzuschlafen scheinen und macht sich auf die Suche nach Antworten, woran das liegen könnte.

Sie hört die Behauptung, dass Mütter ihren Kindern erst beibringen nachts im 2-Stunden-Rhythmus gestillt zu werden. Mit seinem Kind nachts wach zu bleiben, wird nicht als „elterliches Engagement“ gewertet.

 

Mängel

Leider geht Druckerman nicht präzise darauf ein, was in ihren Augen „durchschlafen“ bedeutet und sie lässt verschiedene Fachleute zu Wort kommen, die diesen Begriff unterschiedlich auszulegen scheinen. Ebenfalls schimmert eher so nebenbei durch, dass davon ausgegangen wird, dass französische Babys von Geburt an im eigenen Zimmer schlafen. Sie zitiert aus dem französischen Schlafbuch „L’enfant et son sommeil“ von Hèléne De Leersnyder, das folgendes besagt:

„Die Entdeckung langer, ruhiger Nächte, die Akzeptanz der Einsamkeit – ist das etwa kein Anzeichen dafür, dass das Kind seinen inneren Frieden gefunden, sein Leid überwunden hat?“

Auch auf das Stillen nicht eingegangen. Somit ist das Kapitel insgesamt völlig unverwertbar, auch wenn es wieder einige interessante Gedanken in sich birgt.

 

Stillen in Frankreich

Laut meinen Recherchen in verschiedenen Artikeln stillen die meisten französischen Mütter ihre Babys vor ihrem Wiedereinstieg in ihren Vollzeit-Beruf, der meist erfolgt, wenn das Baby drei Monate ist, ab. Nur etwa 10% der Babys erhalten mit sechs Monaten noch die Brust. In Deutschland sind es immerhin 40%. Ein Großteil der Säuglinge „besucht“ mit drei Monaten täglich 9-10 Stunden eine Krippe.

Grundsätzlich kann man also sagen, dass sich die Verhältnisse in Deutschland GOTT SEI DANK völlig von denen in Frankreich unterscheiden, und dass wir Deutschen mit unserer Sympathie für französische Lebensverhältnisse sehr vorsichtig sein sollten. Die verschiedenen Artikel, die ich finde, sind so gruselig, dass ich das Buch nicht mehr ganz unvoreingenommen lesen kann, da die Autorin eine sehr verklärte Sicht auf die Franzosen zu haben scheint, die der Wirklichkeit nicht wirklich gerecht wird.1

 

Plötzlicher Kindstod??!

Auch auf den Plötzlichen Kindstod und sinnvolle Präventionsmaßnahmen wird in dem Buch aber gar nicht eingegangen, was ich ziemlich fahrlässig finde.

Grundsätzlich ist ein frühes Durchschlafen für Flaschenkinder natürlich aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht ganz so bedenklich wie für gestillte Babys. Allerdings sehen die deutschen Empfehlung zum Schutz vor dem Plötzlichen Kindstod sowohl vor, Babys in den ersten Lebensmonaten zu stillen als auch, dass Säuglinge im gesamten ersten Lebensjahr im Elternschlafzimmer schlafen.2 Und gerade der Zeitpunkt mit ca. drei bis vier Monaten, in dem Säuglinge erstmalig einen längeren Zeitraum schlafen, stellt die Spitze in der SIDS-Gefährdung dar. Übrigens auch gerade in der zweiten Nachthälfte. Verfrühtes Durchschlafen (länger als 6 Stunden am Stück) vor dem 6. Lebensmonat kann ein Risikozeichen sein.3

So, und nachdem ich das vorweg geschoben habe, kann ich mich nun auch auf den Theorien des Buches widmen.

 

La Pause“

Das „Geheimnis“ der Franzosen scheint die sogenannte „pause“ zu sein – die kleine Zeitspanne, die eine Mutter nicht zu ihrem Baby rennt, es direkt hochnimmt und anlegt. Diese „pause“ beginnt man, wenn das Kind zwei bis drei Wochen alt ist. Ich vermute, dass dieser Zeitpunkt gewählt wird, weil sich dann das Stillen und die Familie einigermaßen eingespielt hat. Betont wird, dass es sich hier nicht um eine Variante der Ferber-Methode handelt. Die Babys werden nicht schreien gelassen. Der französische Kinderarzt Michel Cohen, der in den USA praktiziert fasst es wie folgt zusammen: „Wenn Ihr Kind auf der Welt ist, stürzen Sie sich nachts bitte nicht sofort darauf. Geben Sie Ihrem Kind die Chance, sich selbst zu beruhigen. Nie reflexhaft reagieren, nicht einmal direkt nach der Geburt.“

Die Länge des „kurzen Abwartens“ scheint je nach Geräusch-Intensität des Babys zu variieren. In einem Beispiel einer Mutter dauert die Spanne 5-10 Minuten, bis sie das Baby hochnimmt. Allerdings ignoriert sie das Baby nicht, sondern beobachtet es sorgsam. Ein Baby weint ja nicht immer direkt, sondern es wälzt sich herum, es macht leise wimmernde Geräusche, meckert ein bisschen… Babys wachen zwischen ihren Schlafzyklen immer wieder auf. Sie lernen erst mit der Zeit diese Zyklen miteinander zu verbinden. Für Michel Cohen ist ein wenig Weinen in dieser Zeit normal. Wenn Eltern ihren Säugling direkt aufnehmen und sein Weinen als Forderung nach Nahrung oder als Anzeichen für Unwohlsein interpretieren, wird es diese Unterstützung immer weiter benötigen und nicht lernen, die Schlafzyklen miteinander zu verbinden.

Auch laut Cohen sollen Babys nachts gestillt werden, aber nicht ohne vorher innezuhalten und sie zu beobachten.

„Werden die Forderungen des Kindes drängender, muss man es natürlich stillen. Ich meine nicht, dass Sie Ihr Baby schreien lassen sollen“, so Michel Cohen. „Aber geben Sie Ihrem Kind die Chance etwas zu lernen.“

 

Die nicht belegte Studie

In der amerikanischen Elternbroschüre „Help me take it through the night: Behavioral Entrainment of Breast-Fed Infant’s Sleep Patterns“ der Autoren Pinella/Birch, die im Rahmen einer Studie an einen Teil der Mütter herausgegeben wurde, heißt es, dass Eltern ihr wochenaltes Kind zwischen Mitternacht und fünf Uhr erst stillen sollen, wenn wickeln, tätscheln oder mit ihm herumlaufen nicht erfolgreich ist. Eltern sollten ihr Kind nicht in den Schlaf wiegen und unterscheiden lernen, wann ihr Baby weint und wann es sich nur in den Schlaf wimmert.

Nach vier Wochen schliefen bereits 38% nachts durch, nach acht Wochen angeblich alle Babys. In der Kontrollgruppe waren es nach vier Wochen 7% und nach acht Wochen 23%.

Leider wird diese Studie nicht benannt und in den Quellen belegt, so dass ich die Ergebnisse einfach nur übernehmen kann.

 

Wenn alles zu spät ist (für die Franzosen): Ferbern

Laut den verschiedenen im Buch zu Wort kommenden Experten gibt es für das Erlernen von Schlaf ein Lernfenster, das mit vier Monaten abgeschlossen ist. Kinderarzt Michel Cohen hat für die Eltern, die dieses Zeitfenster verpasst haben, einen „grandiosen Tipp“: Das Baby baden, mit ihm kuscheln, es zu einer „vernünftigen Zeit“ ins Bett legen und erst morgens um 7 Uhr wieder ins Zimmer hineingehen. Auch in anderen Ratgebern werden, laut Autorin, Varianten des Weinenlassens empfohlen.

Zu der weit verbreiteten Sorge, das Baby könne dann Hunger haben, äußert sich Michel Cohen folgendermaßen:

„Es ist hungrig. Aber es muss nichts zu essen bekommen. Auch Sie sind mitten in der Nacht hungrig. Aber Sie haben gelernt, nichts zu essen, weil es Ihrem Magen gut tut, sich auszuruhen. Und dem Magen Ihres Kindes tut es auch gut.“

Wenn ich so etwas lese, fällt es mir schwer ruhig zu bleiben, aber ich halte mich noch ein wenig zurück. Also, durchatmen.

Schlecht schlafende Babys werden als Grund für postnatale Depressionen und schlecht funktionierende Familien angeführt.
Dass Kinder lernen sollen, Teil einer Familie zu sein und sich an die Bedürfnisse der Familienmitglieder anzupassen.
Dass Schlafenlernen eine wichtige Lektion für das Selbstvertrauen ist und darin, sich alleine wohlzufühlen.
Wichtig ist der Autorin, dass dieser Lernprozess sanft auf das eigene Baby abgestimmt ist. Allerdings erklärt sie nicht, was sie genau damit meint.

Das übernehme netterweise ich nun für sie. 😉

 

La pause“ und Schlaf aus „artgerecht“-Sicht

Auch Nicola Schmidt schreibt nämlich in ihrem Buch „artgerecht – Das andere Babybuch“ über die Gefahr, die es mit sich bringt, wenn Eltern jedes Geräusch und jede Regung des Kindes als „Hunger“ auffassen. Also, Gefahr in dem Sinne, dass man sich als Mama sonst ziemlich lange auf schlaflose Nächte einstellen kann.

Dem Baby ein wenig Zeit zu geben, es zu beobachten, was es uns wirklich sagen möchte, ist also grundsätzlich keine verkehrte Idee. Wichtig dafür ist einerseits, dass sich das Stillen bereits eingespielt hat und die Gewichtsentwicklung unauffällig ist und dass das Baby uns in der Nähe hat für zärtliche Berührungen, beruhigende Worte und wohltuende Körperwärme. So lernt das Baby auch andere Brücken in den Schlaf kennen. Wer „windelfrei“ praktiziert, wird auch erfahren, dass Babys manchmal wach werden, wenn sie „müssen“. Hält man sie ab, schlafen sie danach wieder ein.

Ein von Nicola Schmidt mehrfach verwendeter Satz ist:

„Schlaf hat oberste Priorität.“

 

La Pause“ und die aus Stillbegleiter-Sicht „zu lange Pause“

Aus Stillbegleiter-Sicht sind mir dabei aber zwei Faktoren wichtig zu benennen:

  • Muttermilch ist am späten Abend sehr sättigend. Vielleicht ist dies ein Überbleibsel einer Zeit, in der Mütter tagsüber mit ihrer existenziellen Versorgung beschäftigt waren. Wenn ich versuchen möchte, dass das Baby eine längere Zeit am Stück schläft, kann es sinnvoll sein, es zwischen 23 und 24 Uhr noch einmal ausgiebig anzulegen.
  • Immer wenn ein Baby wachsen möchte und es mehr Milch braucht, muss es an der Brust seine „Bestellung aufgeben“. Will heißen: Es muss deutlich häufiger und länger an der Brust trinken als üblich, damit der ressourcenschonende mütterliche Körper weiß, dass die im Moment produzierte Milchmenge nicht mehr ausreicht. Das gilt natürlich auch für Nachtmahlzeiten. Ganz besonders, da Babys Gehirn gerade nachts besonders viel arbeiten.

Das ist auch eines der Hauptargumente gegen die Antwort von Michel Cohen, in dem er den nächtlichen Hunger von Erwachsenen mit dem eines Säuglings vergleicht:Alleine in den ersten vier Monaten verdoppelt der Säugling sein Gewicht. Er wächst und entwickelt sich an allen Fronten. Auch das Hirn hat bei Geburt nur 25% seiner späteren Größe. Das schnelle Hirnwachstum hört erst mit 3 bis 4 Jahren auf. Ein Baby verbraucht also nachts und überhaupt VIEL MEHR Kalorien als wir Erwachsenen. Das nächtliche Hüngerchen, das ich manchmal nachts habe, lässt sich also überhaupt nicht mit dem eines 6-Monate-alten Babys vergleichen. Und alleine die Tatsache, dass es in diesem Alter über einen längeren Zeitraum ohne Nahrungsaufnahme seinen Blutzuckerspiegel auf einem akzeptablen Niveau halten kann, heißt noch nicht, dass es ab diesem Zeitpunkt für das Baby sinnvoll wäre, auf nächtliche Mahlzeiten zu verzichten.4

 

Die Angst vor kindlichem Frust 

Die kleine „pause“ und die Gedanken dazu, finde ich aber tatsächlich – mit dem eben genannten Hintergrundwissen – sinnvoll. Tatsächlich glaube ich nämlich auch, dass man auch von der anderen Seite vom Pferd fallen kann und seinem Kind nichts Gutes tut, immer sofort – ohne genauer hinzusehen – die Brust anzubieten. Also, Essen als Mittel gegen Alles. Natürlich bietet die Mutterbrust auch Trost und Geborgenheit, aber sie ist ebenfalls auch nicht der einzige Weg Trost und Geborgenheit zu erhalten. Achtsam zu sein, was das Baby wirklich braucht, es wirklich kennenzulernen, ihm aufmerksam ins Gesicht zu schauen, mit ihm zu kommunizieren, halte ich für absolut elementar. Und tue ich das, kann es natürlich auch sein, dass ich sofort unmissverständlich sehe, dass das Kind Hunger und nichts anderes als Hunger hat. Dann ist der Gedanke an eine „pause“ natürlich sofort zu verwerfen.

Viele deutsche Eltern haben aber solch eine große Angst vor kurzer Frustration ihres Kindes, das sie gar nicht auf die Idee kommen, es zu beobachten und mit ihm zu sprechen. Diese Angst vor Frustration kennen die Franzosen – laut Druckerman – nicht. Und in kleinen Dosen, nicht absichtlich verlängert, und in Begleitung von liebevollen, aufmerksamen Bezugspersonen, ist Frust und viele, winzig kleine Schritte, um zu lernen, mit ihm umzugehen, auch nichts Schlechtes. Die Aufgabe Frust zu begleiten, ohne ihn weg zu erziehen oder andererseits von seiner Wucht weggerissen zu werden, kommt den Eltern ja auch später in der Autonomiephase zu. Vielleicht ist diese Art der achtsamen Verbundenheit auch ebenfalls für sie eine Art „Training“ (und ich weiß, in Deutschland muss man mit solchen Begriffen vorsichtig sein, damit nicht bald ein neuer Ratgeber erscheint, der in etwa so heißt: „Wie Eltern daran wachsen, ihren Babys beim leiden zuzusehen“ oder so).

 

Weinen zum Stress-Abbau

Die Entwicklungspsychologin und Autorin Aletha Solter wendet sich dem Gedanken der achtsamen Begleitung in ihren Büchern ausführlich zu. Allzuoft sind Eltern damit beschäftigt, das Weinen ihrer Kinder abzustellen, sie mit allen Mitteln zu beruhigen. Vergessen wird häufig, dass es neben allen körperlichen Ursachen und dem Wunsch auf den Arm genommen zu werden, auch Dinge gibt, die eine kleine Seele täglich verarbeiten muss. Weinen ist nicht nur eine Art zu kommunizieren. Weinen ist eine Art körperlicher Selbstreiniger – es reinigt den Körper von Stresshormonen, die mit den Tränen ausgeschieden werden. Deshalb kann es m a n c h m a l vonnöten sein, seinem Kind einfach nur zuzuhören beim Weinen, ihm Raum zu geben, seinen Frust, seine Angst, seine Überreizung loszuwerden. Diese Theorie wird sehr kritisch gesehen und ich verstehe auch, wie man sie an tausend Stellen missverstehen kann. Aletha Solter stellt aber deutlich klar, dass diese Art des „betreuten Weinens“ auf dem Arm immer nur angeboten wird, wenn ALLE ANDEREN Ursachen wie Hunger, Übermüdung, volle Windel, Schmerzen etc.pp. ausgeschlossen sind. 5

 

Fazit

Alles in allem interessant, aber ohne Hintergrundwissen über das Stillen, die Wichtigkeit nächtlicher Mahlzeiten und die Funktion des Nicht-Durchschlafens beim Baby und nicht zu vergessen die Präventionsmaßnahmen vor dem plötzlichen Kindstod, absolut irreführend und gefährlich. Alleine dieses Kapitel ist schon Grund genug, es niemals einer werdenden Mutter zu empfehlen.

 

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Als nächstes muss ich übrigens ein Kapitel dazu lesen, warum die Franzosen der Ansicht sind, dass „Feste Fütterungszeiten“ für Babys ab vier Monaten eine total großartige Idee sind. Ich freu mich jetzt schon. Nicht.

 

 

1 http://www.zeit.de/2013/37/frankreich-kinder-staatliche-fruehfoerderung

http://www.spiegel.de/politik/ausland/familie-in-frankreich-wo-man-sich-hausfrauen-nicht-leisten-kann-a-414259.html

4 http://www.nestling.org/der-traum-vom-durchschlafen/

5 http://www.trostreich.de/Themen/Weinen/weinen.html

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Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.

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