Mit unserer eigenen Wut umgehen

Letzte Woche habe ich Ihnen ein paar Werkzeuge für Ihren Werkzeugkoffer vorgestellt, wie Sie der Wut Ihres Kindes begegnen können.

Aber was ist eigentlich mit UNSERER Wut?
Ganz ehrlich: Ich kann ja Bücher lesen und Texte schreiben so viel, wie ich will — an manchen Tagen herrscht in meinem Werkzeugkoffer eine unfassbare Unordnung und ich finde nicht, was ich brauche und an anderen – ist der ganze Koffer plötzlich spurlos verschwunden!

Übrig bleiben – um in der Metapher zu bleiben – immer nur zwei Dinge: Der erzieherische Schraubstock und die Brechstange. Das Ergebnis ist häufig ein paar Dezibel zu laut und beinhaltet eine Anhäufung von „Wenn-Dann“-Sätzen. Hinterher geht es sowohl mir als auch meinem Kind schlecht. Gleichzeitig mit der Scham pocht noch die Wut in meinen Adern und mein Kind fühlt sich gedemütigt, fremdbestimmt und – im Endeffekt – ungeliebt.


Strategien um Wutausbrüche zu verhindern

Gerne möchte ich solche Situationen vermeiden und ich habe im Laufe der Jahre sicherlich einiges gelernt:

  • Deutlich und klar zu sprechen
    (Hierzu gibt es bald einen eigenen Artikel)
  • Meine eigenen Grenzen und Bedürfnisse wahrzunehmen
    (Anstatt erst nach dem Explodieren zu merken, dass ich schon Stunden vorher am Limit war)
  • Mir Ruhepausen zu gönnen bzw. mich rechtzeitig zurückzuziehen
    (Aber das ist nun ja auch kein Kunststück mehr, denn mein Sohn ist ja mittlerweile schon 8)
  • Mir Wut und Ärger zuzugestehen
    (Das ist nicht dasselbe wie beides ungefiltert auszuleben)
    und mir diese Gefühle nicht mehr zu verbieten
  • Wut in Bewegung umleiten
    (Warum sollte das nur bei meinem Kind helfen?)
  • Kurze Atem-Meditationen um wieder aus meiner Härte ins Fühlen zu kommen
  • Diskussionen vertagen und stattdessen lieber etwas Leckeres für uns alle anbieten
    (Geschmacks- oder Geruchssinne aktivieren hat sich schon oft als sehr hilfreich und stimmungsaufhellend erwiesen)
  • Meinem Kind in die Augen sehen, um wieder in Verbindung zu ihm zu kommen und seinen Schmerz zu fühlen, anstatt in meinem eigenen Drama gefangen zu bleiben

Und dennoch kommt es vor, dass Situationen total entgleisen, dass mich mein Kind mit dem, was es sagt, tut oder auch nur, wie es guckt, so piekst, dass ich nicht mehr adäquat reagieren kann.

 

Was kann ich tun mit all meinen Scham- und Schuldgefühlen?

In meiner täglichen Arbeit begegne ich vielen Eltern, vor allem vielen Müttern. Ich beobachte, dass viele Mütter unter einem enormen Perfektionsdruck stehen. Sie wollen sooo gern alles „richtig“ machen. Gemeinerweise ist dieses „Richtig“ nicht so einfach festzulegen. Zusätzlich stehen wir, unsere eigene Geschichte und unsere persönlichen Begrenzungen, diesem „Richtig“ oftmals im Weg. Ich kenne Mütter, die all diese Wut, die sie empfinden, am liebsten wegamputieren würden. Die sich als mangelhaft empfinden, wenn sie wütend werden. Die am liebsten immer geduldig, empathisch, verständnisvoll, gebend und voller Liebe wären. Ich war lange Zeit genauso.

Mittlerweile weiß ich aber, wie wichtig es ist, mir meine Wut, Trauer und Hilflosigkeit zuzugestehen. Meinen Wunsch nach Freiheit und nach einfachen Lösungen.

 

Der Kampf gegen uns selbst bindet Energien.

Wenn mein Haus brennt, hilft es nicht, wenn ich von ihm erwarte, dass es nicht brennt, oder dass ich Menschen einen großen Bogen um es machen lasse, damit es auch ja niemand bemerkt.
Erst wenn ich annehme, dass mein Haus gerade brennt, kann ich um Hilfe bitten, kann ich die Feuerwehr rufen und kann mich und die, die ich liebe, in Sicherheit bringen.

 

Annehmen“ ist nicht gleich „Gutfinden“…

Das Haus brennt.

Sie sind müde.

Sie sehnen sich nach Ruhe, obwohl Ihr Kind noch mindestens 4 Stunden wach und sehr energiegeladen sein wird.

Das Schreien Ihres Kindes macht Sie unglaublich aggressiv und Sie wollen einfach nur, dass es aufhört.

Sie sind hilflos und wissen nicht, wie Sie der Situation begegnen sollen.

 

…sondern heißt „Verständnis für sich selbst haben“

Ihr Kind kann Ihr Bedürfnis nicht sehen (das ist auch nicht seine Aufgabe). Eventuell auch gerade kein Anderer. Unter Umständen kann niemand Ihnen gerade in Ihrer misslichen Situation helfen.

Aber SIE können sich sehen!!! SIE können sich ernst nehmen!

Das ist mindestens ebenso wichtig, wie Ihr Kind ernstzunehmen.

„Ja, ich stehe gerade furchtbar unter Druck. Ich muss eigentlich jetzt losgehen, aber mein Kind möchte gerne weiter spielen. Mir ist es wichtig pünktlich zu sein, aber mir ist es auch wichtig, dass es meinem Kind gut geht. Das ist ganz schön vertrackt und gerade weiß ich nicht, wie ich das lösen soll.“

Ich glaube, dass es oft die Tatsache ist, dass wir unseren Perfektionswunsch nicht aufgeben können, die Situationen so eskalieren lässt. Wir tun alles, um eine einvernehmliche Lösung zu erreichen und dieses „dumme Kind“ weiß das einfach nicht zu würdigen und weigert sich trotzdem sich anzuziehen.

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Mein absolutes Lieblingszitat stammt von Eckhart Tolle:


„Akzeptiere – und handle dann.“

„Was immer der gegenwärtige Moment enthält, nimm es an, als hättest du es selber so gewählt. Gehe mit, gehe nicht dagegen an. Mache den Moment zu deinem Freund und Verbündeten, nicht zu deinem Feind. Das wird auf wundersame Weise dein ganzes Leben verändern.“

Wenn wir anerkennen könnten, dass es hier eventuell gerade keine einvernehmliche Lösung geben kann, so sehr wir uns auch bemüht haben, dann könnten wir vielleicht zu unserem Kind RUHIG sagen:

„Ich weiß, du willst hier bleiben. Du möchtest nicht weg. Aber heute geht es nicht. Ich habe einen Termin und mir ist Pünktlichkeit wichtig. Ich BRAUCHE jetzt, dass wir uns anziehen und losgehen! Das ist doof für dich und es ist okay, dass du wütend bist. Ich freue mich darauf, dass wir es ein anderes Mal so machen können, wie du es möchtest.“

Stattdessen war es bei mir oft so, dass ich viel zu lange alles versucht habe und gehofft habe, dass sich mein Kind irgendwie erweichen lässt, anstatt die Verantwortung für die Situation zu übernehmen, bis weder zeit- noch energietechnisch irgendetwas bei mir ging. Und das führte dann zu oben beschriebenen Dezibel-Explosionen, Brechstangen-Methoden, unkontrollierter Wut, Tränen und großer Scham hinterher.

Wie begegne ich nach einem Ausbruch meinem Kind?

Das Erste und Wichtigste?


Sagen Sie Ihrem Kind, dass es Ihnen Leid tut.shutterstock_146261885

und dass es keinerlei Schuld daran trägt, was gerade passiert ist.

Oft bin ich, wenn ich das sage, immer noch total angespannt und wütend. Dennoch weiß ich, dass mein Kind Kontakt braucht und ich brauche ihn auch.

Deshalb sage ich meinem Sohn genau das und frage ihn, ob er auch gerade eine „Kuschel-Einheit“ braucht. In den meisten Fällen sagt er „Ja“ und kuschelt sich auf meinen Schoß. Und dann höre ich erst einmal eine ganze Weile auf seinen Atem, spüre seine Hände, die mich umfassen, seinen Kopf auf meiner Schulter, rieche seinen geliebten „Kleine-Jungs-Duft“ und komme erst einmal einfach wieder zu mir. Und zu uns.

 

Lassen Sie Ihr Kind Ihr „Inneres Kind“ kennenlernen.

Im Grunde genommen weiß ich ja, dass die wenigsten meiner starken Gefühle irgendetwas mit meinem Kind zu tun haben, sondern mit alten Verletzungen, die niemals geheilt sind.

Und so kennt mein Sohn schon ziemlich lange „die kleine Natascha“ in mir, die öfter mal verzweifelt weint und schreit, wenn sie sich überfordert, ohnmächtig und/oder ungerecht behandelt fühlt.

Manchmal fragt er auch in einem Streit nach, ob gerade die „kleine Mama“ wieder schreit. Das hilft mir, wieder klarer zu sehen. Auch hat mein Sohn eine bestimmte Art, mich mit extra-großen Augen anzusehen, die mich immer zum Dahinschmelzen bringt. Ich habe angeregt, dass er dieses vielleicht in Momenten tut, in denen er merkt, dass ich sehr aufgebracht bin. Von anderen Müttern weiß ich, dass sie mit ihren Kindern Notfall-Codewörter verabredet haben. (Das Kind soll natürlich nicht die Verantwortung tragen, aber vielleicht gibt es etwas, was Ihrem Kind in diesen Momenten die Ohnmacht nimmt und dass Sie wieder klarer sehen lässt. So helfen Sie sich gegenseitig.)

Weder ich noch Sie sind nämlich allein damit, zwischendurch die Kontrolle zu verlieren.

 

Wie können Sie Ihren Schuldgefühlen begegnen?

Lassen Sie mich an dieser Stelle etwas über Scham sagen:

Es ist richtig, wenn wir feststellen, dass Kinderseelen davon verletzt werden, wenn sie beschimpft und angeschrien werden. Es ist wichtig, dass wir uns auf die Suche nach unseren Verletzungen machen und versuchen Wege zu finden, diese Momente auf ein Minimum zu reduzieren.

Aber der Teil, der uns einredet, dass wir schlecht sind, dass unser Kind besser eine andere Mutter hätte, dass wir zu nichts nutze sind, weil wir unsere Impulse nicht in den Griff bekommen, wo doch „alle anderen“ das offenbar spielend hinbekommen permanent gut gelaunte Mütter zu sein, labert schlicht und ergreifend MÜLL.

Und noch mehr: Diese Form von Schuld macht alles nur noch schlimmer, weil wir uns so schlecht fühlen, dass wir keine ernsthafte Verbindung mehr zu unserem Kind aufnehmen können, uns vor ihm verstecken, was langfristig eine ganz andere Form von Verletzung und Beziehungsabbruch hervorruft.

Setzen Sie sich mit Ihren Schuldgefühlen an einen Tisch: Was wollen sie Ihnen sagen? Was möchten Sie ändern? Was KÖNNEN Sie ändern? Wie können Sie Ihr Kind ehrlich und aufrichtig mit ins Boot nehmen und die Verantwortung dafür übernehmen, dass Sie fehlbar sind und somit vielleicht Ihrem Kind zeigen, wie man barmherzig mit sich umgehen kann, auch – oder GERADE dann – wenn man Fehler macht?

 

Selbstbarmherzigkeit

Wenn Sie mich fragen ist das das Wichtigste, was Sie Ihrem Kind mitgeben können:

Wie man sich selbst liebt und liebevoll mit sich umgeht, wenn man nicht das erreicht, was man sich gewünscht hat.

Ich halte das für viel wichtiger als Perfektion. Perfektion wäre gut für unser Ego, aber nicht für unser Kind, das neben uns bestehen muss. Selbst fehlbar zu sein ist viel schwerer, wenn man es in der Nähe von Menschen erleben muss, die so tun als wären sie dies nicht.

 

Verantwortung übernehmen heißt Aufarbeiten!

Hier lege ich jedoch großen Wert darauf nicht missverstanden zu werden: Wir sind fehlbar – ja. Kinder brauchen und erwarten keine perfekten Eltern. Auch das ist richtig.

Und gleichwohl ich Ihnen sagen möchte, dass es okay war, dass Sie Ihr Kind gestern angeschrien haben und dass es fatal wäre, wenn Sie sich selbst nicht vergeben könnten und sich nicht mehr trauten, offen auf Ihr Kind zuzugehen, ist es mir ebenso wichtig, dass Sie im Blick haben, wo etwas in Ihrem Leben bereinigt werden muss.

Je nachdem, was Sie erlebt haben, ist es sinnvoll, sich einen Menschen zu suchen, der mit Ihnen gemeinsam Ihre Verletzungen aufarbeitet. Es ist wichtig, dass Sie wissen, WO Ihre empfindlichen Punkte liegen und dass Sie sich darüber im Klaren sind, dass es nicht Aufgabe Ihres Kindes ist, die ganze Kindheit einen Eiertanz um diese Stelle zu machen, um Sie nur ja nicht zu pieksen.

Heute sind Sie die Erwachsene und nun ist es IHRE Aufgabe, Ihr Kind zu schützen, so wie es früher die Aufgabe Ihrer Eltern war, Sie zu schützen. Wir sind alle im gewissen Sinne Opfer unserer Kindheit. Jeder von uns hat Gefühle in sich verborgen – gute und schlechte. Wenn wir in unserer Kindheit daran gehindert wurde, Gefühle auszuleben, haben wir diese in uns vergraben. Wir konnten mit ihnen nichts anfangen. Sie mussten verschwinden, damit wir überleben konnte.

 

Gefühle werden lebendig begraben.

Das Fatale daran ist, dass Gefühle nicht tot begraben werden, sondern lebendig. Sie sind in Ihnen aktiv. Und jeder, der hier nicht aus seiner Opferrolle aussteigt, wird als Elternteil zum Täter.

Nochmal: Es geht nicht um Perfektion. Es geht darum, dass Sie im Rahmen Ihrer Möglichkeiten aufarbeiten, wachsen, heilen. Hier kann Körperarbeit helfen, Begleitung durch Therapeuten oder Coaches und natürlich die Beschäftigung mit Ihrem „Inneren Kind“ durch Bücher, Meditationen und Gespräche.

Ganz persönlich war für mich das Buch „Gefühlsintelligenz“ von Janice Berger von unschätzbarem Wert.

Wenn Sie das Gefühl haben, dass es Ihrem Kind gut tun würde, selbst einiges aufzuarbeiten, was ihm widerfahren ist oder dass Sie Hilfe benötigen, um wieder mit Ihrem Kind in eine gute Verbindung zu kommen, dann gibt es auch hierfür Menschen, die Ihnen dabei Begleiter sein können.

 

Verzeihen Sie sich das Gestern. Tragen Sie Sorge für das Morgen.

Apropos Morgen:

Ich bin wirklich alles andere als der Meditationstyp. Aber es gibt eine Meditation oder Imaginationsübung, die ich Ihnen gerne vorstellen möchte, weil sie auch direkt IN einem Konflikt anwendbar ist, um Kraft und positive Energie zu bündeln:shutterstock_112200590

Stellen Sie sich vor, Sie stehen am frühen Morgen auf einer Wiese. Das Gras ist benetzt mit Tau; es ist noch ziemlich kalt. Die Haare auf Ihren Unterarmen stellen sich auf. Sie frösteln. Doch langsam geht die Sonne auf und immer mehr von Ihnen und Ihrer Umgebung wird in warme Sonnenstrahlen eingetaucht. Ihr ganzer Körper wird von Licht durchflutet.
Bald sind Sie bis in den letzten Winkel erleuchtet und erwärmt. Sie sind verbunden mit sich selbst, ganz im Jetzt und Hier und voller Energie und Liebe.

Und mit diesem Licht und der Wärme in Ihrem Herzen wenden Sie sich wieder Ihrem Kind zu und sind offen dafür, wie sich die Situation nun entwickelt…

jetzt wo Sie (und vielleicht auch bald Ihr Kind) in Sonnenlicht gebadet sind.

Gibt es absichtliche Wutanfälle und – wenn ja – wie gehe ich mit ihnen um? Das beantworte ich in meinem nächsten Beitrag.
Wie kann ich grundsätzliche starkes Wüten und Weinen hilfreich und liebevoll begleiten? Darüber schrieb ich in Teil 2.
Und welche Strategien sind nicht beziehungsfördernd und können mein Kind kränken? Damit fing alles an.

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Ich freue mich auf Sie!

 


 

Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.

    8 Comments

  1. Kathrin Kippert

    Antworten

    Liebe Natascha,
    ich bin begeistert von diesem Text. Er fasst komplett zusammen worauf es ankommt und spricht genau das an was ich auch gerne erreichen würde und woran ich, noch ganz am Anfang, an mir arbeite.
    Ich finde es schön es so auf den Punkt präsentiert zu bekommen, um sich zwischendurch immer wieder ins Gedächtnis zu rufen was wichtig ist.
    Danke!
    Kathrin

    • Natascha Makoschey

      Oh je, liebe Jennifer! Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie ein wenig loslassen lernen und liebevoll mit sich selbst umgehen können! Ich bin überzeugt davon, dass Sie jederzeit das Beste tun, was Ihnen zur Verfügung steht.
      Danke für Ihr Feedback und alles Gute!

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