Wenn ich „frech“ war, wurde ich auf mein Zimmer geschickt und durfte erst wieder rauskommen, wenn ich „wieder lieb“ war.

Meine Eltern durften uns anschreien, wir sollten aber nett und höflich mit ihnen reden. Hielten wir uns nicht daran, mussten wir uns entschuldigen. Sie hingegen entschuldigten sich nicht. Denn wir hatten sie durch unser Verhalten zu ihrer Reaktion gezwungen und waren somit verantwortlich.

Hatten wir etwas angestellt, bekamen wir etwas auf den Po.
„Popoklatsche mit Ananas“ war ein häufiges Schlagwort und auch die Drohung, dass „bald andere Saiten aufgezogen werden würden“. Da immer mal wieder ein Kochlöffel zerbrach, bekam meine Mutter irgendwann von einer Verwandten einen riesigen Großküchen-Kochlöffel, der bestimmt nicht kaputt gehen würde. Mit diesem wurde auch gerne gedroht. Er kam allerdings nie zum Einsatz. Dennoch hatten wir natürlich Angst vor ihm.

Verbockten wir etwas, mussten wir es wieder ausbügeln, „damit wir etwas daraus lernen“.

Es konnte stundenlang eine Eiseskälte herrschen, wenn wir nicht das taten, was verlangt wurde oder meine Mutter gefangen in ihrem Zorn war.

Negative Verhaltensweisen wurden ignoriert, damit wir nicht auch noch dafür belohnt würden.

„Wer nicht hören kann, muss fühlen“ war ein häufig genutzter Spruch und „Weil ich es sage“ eine ausgefeilte elterliche Argumentation.

Leseverbot (weil Stubenarrest bei mir eine Belohnung gewesen wäre), Nachtischverbot, ins Bett gehen ohne Essen, vom Boden essen müssen (weil ich so viel kleckerte wie ein Hund und dann auch direkt wie einer essen könne)… all das waren Reaktion auf mein kindliches Tun.

Mit von der Partie waren natürlich auch ständige Bewertungen: Natürlich tat ich alles Schlechte „extra“ und für meine Eltern war klar, dass ich ganz anders hätte sein können, wenn ich mir nur etwas Mühe geben würde. Oder auch, wenn meine Eltern mir etwas bedeuten würden und ich nicht so egoistisch wäre.


Fatale Doppelbotschaften

Gleichzeitig sagten meine Eltern, dass sie uns liebhätten. Und dass alles nur zu unserem Besten wäre. Dass es jetzt weh tun würde, aber dass das wichtig wäre, damit wir lernen, „dass das so nicht geht“. Dass sie das tun MÜSSTEN.

Ein einziges Mal sagte meine Mutter mir, dass sie mich SO nicht mehr liebhaben könne.

Dazu kamen natürlich noch die Gender-Sachen. Was ein Mädchen tut und was nicht. Zwar durften wir toben und uns dreckig machen, aber genauso war klar, dass wir freundlich, höflich und hilfsbereit sein sollten und wissen sollten, wie Dinge im Haushalt funktionierten. Und meine Mutter zeigte uns durch die klassische Rolle, die sie ausfüllte und mit der sie sehr unglücklich war, was von einer Frau erwartet wurde. Aber sie hatte ja nun wegen uns – konkret wegen mir – meinen Vater geheiratet – das war das Los das sie nun tragen musste.

Was ist aus diesem Mädchen geworden?

Neben vielen großartigen Sachen, die mir in den letzten Jahren begegnet sind und die ich über mich erfahren durfte, bin ich eine Frau, die immer noch Liebe mit Schmerz und Leiden verknüpft. Die immer noch darum kämpft „gut genug zu sein“, um „liebenswert“ zu sein. Und die sich nicht traut, sich einen Partner zu suchen, der ihr gut tut und bei dem sie sich die Liebe nicht erst verdienen muss.

Es gibt viele Bücher zu diesem Thema. Frauen, die Liebe immer aus der Brille des Mangels wahrnehmen. Frauen, die sich für ihre Männer aufopfern, verbiegen und sich gar Gewalt antun lassen. Ich scheine also hier nicht die Einzige zu sein.

Auch kann ich nur schwer meine Beziehungen gestalten. Direkt äußern, was ich denke und fühle (es sei denn, ich raste aus), ohne es dreitausend mal durchdacht, argumentativ unterlegt und dadurch vor mir selbst legitimiert zu haben. Dadurch wirke ich oft arrogant. Anstatt meiner Therapeutin zu sagen, dass ich mich von ihr nicht gehört fühle und dass ich mir von ihr etwas anderes wünsche, sage ich ihr, dass sie ihren Job falsch macht und beweise ihr das mit Fachliteratur. Geht es wirklich nur noch um meine Gefühle, habe ich das Gefühl, es stürzt gleich die Welt ein, wenn ich sage, was mich bedrückt, was mich stört und was ich anders brauche, um mich wohlzufühlen.

An vielen Punkten (zum Glück werden sie weniger) ist mein Leben geprägt von Scham, Versagensgefühlen, irrationaler Wut und Misstrauen gegenüber mir und anderen.


Fragen Sie sich gerade auch, warum ich das hier schreibe?

Warum schreibe ich das alles und posaune so viele private Details über mich und mein Leben in die Welt hinaus?

Weil mir klar geworden ist, wie sehr unser Verhalten unseren Kindern gegenüber auch davon abhängt, welche Gefühle wir uns selbst gegenüber haben. Meine Eltern waren und sind alles andere als böse Menschen. Sie haben uns sehr lieb gehabt. Aber sie wussten, dass das, was sie zeitweilig mit uns taten, uns weh getan hat. Und das haben sie in Kauf genommen, weil sie der festen Überzeugung war, dass es nötig sei, um uns zu „guten Menschen zu erziehen“. So wie es damals bei ihnen nötig gewesen war. Auch wenn sich immerhin beide einig waren, dass ihre Eltern sie misshandelt haben und dass DAS definitiv falsch war. Die Eltern haben halt damals die Kontrolle über sich verloren. Aber natürlich war es nötig, meine Eltern als Kinder zu erziehen. Sonst wären ja fürchterliche, egoistische und verwöhnte Menschen aus ihnen geworden.


Beziehung zu anderen bedeutet immer gleichzeitig Beziehung zu mir selbst!
(Katia Saalfrank)

Viele Eltern haben nette und unterstützenswerte Erziehungsziele. Ihnen sind Werte wichtig, die grundsätzlich zu befürworten sind.

Wenn sie jedoch ein negatives Menschenbild haben, dann glauben sie, dass sie ihre Kinder „zu ihrem Besten“ da hin ZIEHEN müssen. Durch Manipulation, Bestrafungen und Belohnungen.


Eine Misstrauens-Botschaft, die ein Kind über Jahre einatmet und verinnerlicht

Die Botschaft an die Kinder ist:

„Euch ist nicht zu trauen. Wenn wir nicht aufpassen, dann wird nichts Gutes aus euch.“

Hart gesagt also: „Aus euch heraus, seid ihr nicht gut (genug).“

Meines Erachtens hat das verheerende Folgen für das Selbstwertgefühl eines Kindes und es ist diese misstrauende Grundhaltung Menschen(-kindern) gegenüber , die ich ablegen möchte und immer mehr durch eine vertrauende Haltung ersetzen möchte.

Das Vertrauen in das grundsätzliche GUTSEIN von Kindern. Die wichtig für uns sein wollen, die von uns gesehen werden wollen, die bis zu einem bestimmten Alter anstandslos unsere Werte und Normen übernehmen und die uns durch bestimmte Verhaltensweisen nicht zeigen, dass „sie uns auf der Nase rumtanzen“, sondern dass es ihnen nicht gut geht. Dass sie überfordert sind. Dass wir sie gekränkt haben. Dass wir zu viel von ihnen erwarten. Dass wir mit zweierlei Maß messen (vielleicht ohne es zu merken – ich erwähne noch einmal das Beispiel des gebrüllten „Nicht in diesem Ton, Frollein!!!“).

Bekannterweise lehnen Menschen vor allem das am Anderen ab, was sie an sich selbst nicht leiden mögen. Das heißt im Umkehrschluss natürlich auch, dass wir unserem Kind gegenüber besonders hart bei Dingen sind, die wir an uns selbst verachten oder die unsere Eltern an uns am stärksten bestraft haben.

Schreiben Sie Kindern das bestmögliche mit ihrer Tat zu vereinbarende Motiv zu“ (Alfie Kohn)

Ich möchte also selbst immer mehr zu einer vertrauenden Haltung mir selbst gegenüber kommen und diese auch meinem Kind entgegenbringen. Letzteres ist im Augenblick sehr leicht, denn mein Kind ist einfach großartig, wie es ist und gerade sehe ich an so vielen Punkten, wie sehr sich das Vertrauen gelohnt hat und dass er ganz von alleine wächst, Verantwortung übernimmt, selbständig wird… All die düsteren Prophezeiungen, was aus meinem Kind wird oder nicht wird, haben sich nicht bewahrheitet. Und zusätzlich bin ich einfach immer wieder berührt von dem absoluten Vertrauen, das er mir entgegen bringt. Dass er weiß, dass er immer gehört wird. Und wenn ich gerade mal in alten Mustern gefangen ist, weiß er, dass er einen Augenblick später gehört wird, wenn ich wieder runter gekommen bin. Darüber bin ich so unglaublich froh und dankbar.


Das Geschenk meines eigenen Gutseins

Ich erlebe im Augenblick das Geschenk, immer mehr von meinem eigenen Gutsein erfahren zu dürfen. Wenn zum Beispiel die Dinge an mir, die für meine Eltern und viele Lehrer immer problematisch waren, heute zu den Eigenschaften gehören, die andere (und auch ich selbst) am meisten an mir schätzen. Der Wille etwas zu bewegen. Ungerechtigkeiten nicht hinzunehmen. Kommunikativ zu sein. Präzise zu sein und Sachverhalte IKEA-regal-mäßig in meinem Kopf auseinander zu sortieren. Direkt zu sein. Verbindung stiftend.

Wenn ich erfahre, dass ich doch ganz ohne Druck, freiwillig Sachen lernen möchte und dann nach der Zeit die ICH brauche, um in eine neue Aufgabe hineinzuwachsen, diese auch annehme (z.B. indem ich jetzt meinen Blog schreibe, Kursleiterin bin und Eltern berate). Dass ich auf meine innere Stimme hören darf und deshalb nicht „faul und feige“ bin, sondern mir zugestehen darf, dass man sich für Veränderungen auch Zeit geben muss und in neue Aufgaben hineinwachsen darf, anstatt ins kalte Wasser zu springen.


Wie mit unseren Eltern als Erwachsene umgehen?

Im Umgang mit meinen Eltern war da von meiner Seite aus neben viel Schönem und kiloweise Gesprächen und Aufarbeitung immer wieder viel Ärger und viele verletzte Gefühle. Mehr und mehr überwiegt jedoch die Trauer. Trauer darüber, welche Tiefe wir miteinander verpasst haben. Trauer darüber, wie negativ sie meine Geschwister und mich gesehen haben, wie negativ sie jetzt ihren Enkel an manchen Punkten und vor allem sich selbst sehen. Dass hinter der vermeintlichen Arroganz auch bei ihnen ein sehr verletztes Kind steht, das gesehen werden möchte. Gleichzeitig ist es nicht meine VERANTWORTUNG das zu tun und oft ist erst Selbst-Empathie nötig, um dann in FREIHEIT Empathie für unsere Eltern aufbringen zu können, die uns verletzt haben.

Deshalb wird es im nächsten Artikel um das Thema Abgrenzung und Versöhnung von und mit den Eltern gehen.


P.S.:
Es gibt viele großartige Bücher zu diesem Thema. Drei, die mir besonders geholfen haben waren folgende:

  • „Gefühlsintelligenz“ von Janice Berger
  • „Vergiftete Kindheit“ von Susan Forward
  • „Liebe und Eigenständigkeit“ von Alfie Kohn


P.P.S.:
Mama und Papa, ich habe euch lieb! Ich weiß, dass ihr euer Bestes gegeben habt und vieles war soo wunderbar! Es geht hier um Heilung und nicht um Anklage. Danke für alles, was ihr mir gegeben habt und immer noch gebt.

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Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.

    3 Comments

  1. Claudia

    Antworten

    Natasche, du – deine Themen – berühren mich sehr! Du bist schon so viel weiter als ich in vielen Punkten. Es gibt noch so vieles, an dem ich arbeiten muss, weil ich das so wichtig für meine Beziehung zu meinem Kind finde.

    Ich ertappe mich so oft dabei, wie ich meinen Vater aus meinem Mund sprechen höre. Ich finde das furchtbar und kriege es trotzdem viel zu oft nicht anders hin. Noch eher selten gelingt es mir meinem Kind gegenüber empathisch zu bleiben. Wenn es mir allerdings gelingt, dann merke ich das daran, dass mein Kind dann viel weicher wird. Ich mag das sehr…

    Deswegen werde ich mich jetzt hinsetzen und 1000 Mal: „Ich schreibe meinem Kind das bestmögliche mit der Tat zu vereinbarende Motiv zu. Und mir auch!“

    Ich danke dir für deine Arbeit!

  2. Claudia

    Antworten

    Nein, natürlich werde ich das nicht 1000 mal schreiben, aber ich werde mir das wieder einmal zu Herzen nehmen und mir eine tägliche Erinnerung installieren. Weiß nur noch nicht wie…

  3. Pingback: Abgrenzung von den Eltern – Teil 1 – Familienbegleitung Köln