Für alle, die auch als Erwachsene noch mit ihren Eltern kämpfen
und das Gefühl haben, sich aus der Rolle des Kindes nicht befreien zu können

Viele Menschen können die Gefühle ihrer Eltern nicht betrachten, ohne sie mit ihrem eigenen Handeln in Verbindung zu bringen. Aus ihrer Kindheit sind sie es gewohnt, für die Gefühle der Eltern zur Verantwortung gezogen zu werden („Mama ist traurig, wenn du das machst.“ „Ihr treibt mich in den Wahnsinn!“) .

Ich erlebe Mütter in den Beratungen, die von Verletzungen und ständigen Diskussionen berichten. Der bloße Versuch sich in die Gefühlswelt der Eltern hineinzuversetzen, führt zu Schuldgefühlen oder dazu, dass sich diese Menschen wie ein „schlechtes Kind“ fühlen. Alleine der Versuch die Situation wertfrei von allen Seiten zu beleuchten scheitert, da häufig durch diesen Vorschlag das Gefühl entsteht, ich würde mich auf die Seite der Eltern stellen und erwarten, dass nun die Mutter, die mir gegenüber sitzt, „nachgeben“.

Was das mit „Abgrenzung“ zu tun hat, fragen Sie? Nun, wenn ich mich als ein völlig selbständiges, von den Wünschen, Hoffnungen und Erwartungen meiner Eltern losgelöstes Wesen FÜHLEN würde, dann wäre es problemlos möglich, sich ohne Schuld- oder Druckgefühle in die Eltern hineinzuversetzen. Wir könnten unseren Eltern zuhören, ohne unangenehm das unsichtbare Gummiband zu spüren, das uns sagt, dass wir es unseren Eltern schuldig sind, uns so oder so zu verhalten.


Das Gefühl ein schlechtes Kind zu sein führt zu Scham oder Rebellion

Hat man das Gefühl als Kind versagt zu haben oder schlecht zu sein, führt das entweder zu Scham und demzufolge Anpassung beziehungsweise Rückzug oder aber zu Rebellion und Wut. Letzteres führt naturgemäß zu weiteren Verletzungen und noch mehr Distanz.

Die emotionale Ablösung von den Eltern ist oft ein langwieriger Prozess. Wem in der Kindheit die Verantwortung für die Gefühle und Bedürfnisse seiner Eltern übertragen wurde, kann sich nur schwer von diesem Mechanismus befreien – auch in Beziehung zu seinen eigenen Beziehungspartnern.

Ich kenne viele Menschen, die in der Beziehung zu ihren Kindern erstmalig den Mut haben neue Wege zu gehen.


Neue Wege fordern unser Umfeld hinaus

Diese neuen Wege führen häufig zu massiven Konflikten mit den eigenen Eltern und den Schwiegereltern. Es ist schwer, eine neue Haltung zu finden, sie zu leben und sie zu verteidigen. Und noch schwerer ist es, wenn Teile in uns immer noch nicht aufgehört haben, um die Anerkennung seiner Eltern zu kämpfen (und hier finden sich bestimmt einige Menschen -inklusive mir selbst- wieder). Eine andere Schwierigkeit entsteht dadurch, dass wir Gefühlsäußerungen und Meinungen oft – gewohntermaßen – nur mit dem „Appell-Ohr“ hören können.

 

Wir haben verlernt unseren Eltern wirklich zuzuhörenshutterstock_238709809

Wir haben verlernt mit unseren Eltern in Dialog zu gehen und ihnen wirklich zuzuhören. Gerade das Selbstoffenbarungs-Ohr wird oft sehr vernachlässigt (das 4-Ohren-Modell der Kommunikation wird hier erklärt).

Gefühle und Beweggründe sind erst einmal wertfrei und ohne Aufforderungscharakter.

Wenn sich ein Mensch beispielsweise müde und erschöpft fühlt und sich nach Unterstützung sehnt, ist das erst mal eine Tatsache, die mit niemand anderem etwas zu tun hat.

Häufig werden Befindlichkeiten aber dazu missbraucht, andere Menschen damit zu etwas zu bewegen. Sie haben Aufforderungscharakter und beinhalten häufig auch eine nicht ausgesprochene Anschuldigung. Gerade in Mutter-Kind-Beziehungen, denn es ist ja unglaublich, wie VIEL Arbeit wir Mutti täglich machen! Da kann man doch mal ETWAS zurückgeben und wenigstens ein BISSCHEN dankbar sein!

Kommt Ihnen das bekannt vor? Und erinnern sich an das zähe Gefühl eigentlich keine Lust zu haben, zu helfen, aber irgendwie moralisch dazu verpflichtet zu sein und sich vor allem die lange Jammer-Tirade ersparen zu wollen?

Was haben Sie und ich also gemacht?

Wir haben widerwillig geholfen und zwar kein Handschlag mehr, als gefordert. Überraschenderweise (achtung, Ironie!) entsteht in dieser Hilfe keine Nähe. Unsere Mutter war danach kein bisschen mehr gesättigt und zufriedener als vorher. Sie nörgelte weiter. Und auch wir waren irgendwie angeekelt von uns selbst. Es fühlte sich nicht gut an zu helfen. Und das Gefühl, dass es eh nie genug sein kann, ließ uns bestimmten Situationen aus dem Weg gehen. Die Distanz zu unseren Eltern wuchs.

Bei vielen von uns hat das Tauziehen auch nicht aufgehört, als wir ausgezogen sind. Die Beziehungen bleiben auf der Machtebene:

Wer gibt zuerst nach? Wer hat den „längeren Atem“?

Das kann unglaublich erschöpfend sein. Auch – und gerade – wenn die eigenen Kinder noch mit da rein gezogen werden und im Kampf um Recht und Unrecht instrumentalisiert werden.


Die andere Seite vom Pferd:
Übertriebene Unempfindlichkeit gegenüber den elterlichen Gefühlen

Die Antwort auf jahrelanges „verbogen werden“ ist oft eine übertriebene Kaltschnäuzigkeit den Bedürfnissen der Eltern gegenüber. Man hat sich mühsam frei geschaufelt. Man möchte es anderen – und erst recht seinen Eltern – nicht mehr Recht machen. Deshalb wird vieles als illegitimer Anspruch empfunden und aus Prinzip abgewehrt. Es gibt „Schwarz oder Weiß“. Jemand ist „für mich oder gegen mich“. „Die sollen mich/uns so nehmen, wir wir sind oder eben gar nicht.“ Dann wird der Kontakt abgebrochen und in ganz schweren Fällen wird auch der Kontakt zu den Enkelkindern verwehrt.

Der erste Schritt dies zu beenden, ist Beobachtung.

Beobachten und Nachfragen, kann Verständnis für den anderen wecken. Dieses wiederum KANN bewirken, dass man durch den offenen Dialog den Kern des Streites findet.

Wo wurden unsere Eltern verletzt – vielleicht sogar von uns? Welche Geschichte tragen sie mit sich herum? Wo werden durch unseren Weg wunde Punkte in ihnen berührt?

 

Attachment Parenting“ und „Attachment with Parents“

Bei „Attachment Parenting“ geht es darum, achtsam zu sein, in Beziehung zu sein oder wieder zu kommen. Wir möchten verstehen, warum unsere Kinder auf eine bestimmte Art und Weise reagieren. Wir finden es wichtig, den Prozess einen eigenen Weg zu finden, nicht zu unterbinden. Wir möchten, dass unsere Kinder erfahren, dass alle Gefühle gut sind, dass sie uns etwas über uns und unsere Bedürfnisse sagen können. Wir reden hier von Achtsamkeit miteinander. Und dass wir den Stand unseres Kindes berücksichtigen möchten. Dass wir annehmen möchten, dass es immer sein Bestmögliches gegeben hat und dass wir ihm immer “das Bestmögliche, mit einer Tat zu vereinbarende Motiv” (Alfie Kohn) unterstellen.

Ein deutlich ausgedrücktes Gefühl des Kindes soll uns dazu zu bringen, zuzuhören, zu erspüren, was es braucht. Es soll nicht dazu führen, dass wir kopflos alles tun, was ein Kind “in seinem Gefühl” verlangt.

Um wirklich in jeder Hinsicht „attached“ zu sein, ist die eigene Präsenz wichtig. Mich verletzlich zu machen, indem ich mich zeige mit meinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen. Mit dem, wie ich mich wohlfühle in der Beziehung und womit definitiv nicht. Denn sonst entsteht da trotz allen Gebens eine Leere im Kind, das nicht wirklich mit unserer Seele und unserem Sein in Berührung kommt. Dies ist jedoch die größte Sehnsucht aller Menschen.

(Jesper Juul formuliert das sinngemäß so: „Ich liebe dich und ich würde dir gerne alles geben, was du willst, aber wenn ich dir das gebe, verletze ich meine Integrität und das möchte ich nicht tun, denn damit schade ich dir und mir.“)


Jede Auseinandersetzung ist eine Einladung genau hinzusehen

All diese Prinzipien sind auf jede Art von Beziehung anwendbar. Jeder Streit, jede Auseinandersetzung ist eine Einladung, genau hinzusehen. Die Frage zu erlauben: “Was hat dieser Streit mit mir zu tun?” “Warum rege ich mich so darüber auf?” “Was würde ich mir wünschen?” “Was wünscht sich wohl der Andere?” Den Mut zu haben genau dies zu fragen: „Ich höre, dass du unzufrieden bist. Was wünschst du dir von mir?“

Wenn ein Dialog anders geführt wird, geht es manchmal gar nicht mehr zentral um die Lösung, die am Ende gefunden wird, sondern um den Prozess, der zu ihr hinführte.

Selbstreflexion kann man nicht einfordern. Ich glaube, dass es manche Menschen gibt, die schlichtweg nicht dazu in der Lage sind oder wo die Mauern des Selbstschutzes vor vergangenem Schmerz einfach zu dick sind.

Aber selbst wenn man es könnte:

Das, was gerade dran ist, werde ich erkennen. Und nur das. Wenn etwas jedoch für mich dran ist, ist es sehr schwer, diesen Prozess zuzulassen, wenn unser Gegenüber einfordert, dass man “gefälligst an diesem oder jenem Punkt arbeiten müsse” oder einen “bestimmten Punkt doch schon längst erreicht haben müsste”.


Wie zwei Bettler, die einander in die Tasche greifen und vom anderen erwarten, sie satt zu machen

Und so stehen Eltern und ihre erwachsenen Kinder einander unnachgiebig gegenüber und fordern gegenseitig von sich an einem anderen Punkt zu sein, an dem sie aktuell sind und sein können. Und dies alles aus einer Situation der absoluten Bedürftigkeit heraus. Robert Betz hat diesen Vergleich eigentlich über Beziehungspartner gezogen, aber ich finde, dass er ganz oft auch auf verhärtete Eltern-Kind-Beziehung anwendbar ist: Die beiden Bettler, die sich gegenseitig in die Taschen greifen und empört und enttäuscht feststellen, dass der andere auch nichts hat, was er einem geben könnte.

Viele Streite entstehen in Situationen, in denen die Eltern ihre Enkelkinder begrenzen. Sie finden, dass ihre Kinder zu lasch sind, dass es mehr Regeln geben müsste. Das, was bei den Enkelkindern zuhause erlaubt ist, fordert die Komfortzonen der Großeltern immens heraus (Kinder die nackt bei ihnen spielen, mit Essen spielen, nicht am Tisch sitzen bleiben und so weiter). Und mehr als das: Das Leben, das ihre Kinder nun mit den Enkelkindern führen, wird oft als Angriff auf die Lebensentscheidungen empfunden, die die Eltern früher getroffen haben, was zumeist ja immerhin insofern richtig ist, als dass wir Kinder unsere Lebensentscheidungen in Abgrenzung zu dem treffen, was wir in unserer Kindheit kennengelernt haben. Großeltern fühlen Hilflosigkeit darüber keinen Einfluss mehr zu haben. Sie fühlen ihre schwindende Wichtigkeit, die auch Ängste bezüglich des Alterns und der Vergänglichkeit berühren. Großeltern fühlen wie ihre Kinder ihnen entgleiten und versuchen mit verschiedenen (oft nicht beziehungsfördernden Mitteln) dagegen anzukämpfen.


Tolerant sein – eine Einbahnstraße?

Viele von uns jungen Eltern wünschen sich, dass ihre Eltern ihnen mit Toleranz und Wertschätzung begegnen. Wir wünschen uns, dass unsere Eltern uns und unsere Entscheidungen endlich ernst nehmen.

Aber das Tolle (und Gemeine!) an Toleranz ist ja, dass sie ein dehnbarer Begriff ist.

Wir stellen uns vielleicht vor, dass Toleranz in diesem Fall hieße, dass unsere Eltern Rücksicht auf die Gefühle von uns und unseren Kindern nehmen müssten. Unsere Eltern stellen sich indessen vor, dass Toleranz hieße, dass wir sie in ihren Vorstellungen über Tischmanieren und Lebensführung tolerieren müssten. Wer hat nun „Recht“?

Toleranz ist vielleicht einfach zu übersetzen mit „Sehen und Annehmen“.

Den Wunsch des eigenen Kindes nach beispielsweise Nacktheit genauso hoch einzuschätzen wie das großelterliche Bedürfnis nach wenigstens einem bisschen Stoff am Körper.

In vielen Beratungen erlebe ich stark verletzte große Kinder, die die Wünsche ihres Kindes respektiert sehen möchten. Selbst können sie häufig diese Form des Respektes den Wünschen ihrer Eltern gegenüber nicht aufbringen. Das legt dann die Vermutung nahe, dass über das Enkelkind der verzweifelte Kampf darum, von den Eltern gesehen und ernst genommen zu werden, weiter geführt wird. Dass also die Wünsche des kleinen Kindes eine Art Verlängerung der Sehnsüchte der Eltern darstellen. Und nehmen die Großeltern das Enkelkind nicht ernst, dann fühlen die Eltern das so, als würde es ihnen selbst (wieder) passieren.

Ich rede hier nicht von “schlechtem Gewissen” und “Nachgeb-Zwang”.

Wenn wir aber davon ausgehen, dass Bedürfnisse und Gefühle nicht falsch sind, dann gilt das für die Bedürfnisse unserer Eltern auch (wie ungeschickt und bescheuert kommuniziert sie auch sind). Wir haben oft also zwei (oder sogar noch mehr) gleichrangige Bedürfnisse, die sehr konträr sind.

Wie aber damit umgehen? Wie aus altbekannten eingefahrenen Mustern der Streitführung aussteigen?

Darüber werde ich (mehr so theoretisch, denn in der Praxis kollidieren Wunsch und Wirklichkeit hier auch noch häufig) in einem meiner nächsten Artikel schreiben.

Hier hat die Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern übrigens begonnen.

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Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.

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