In meinem letzten Artikel über die Abgrenzung von den eigenen Eltern habe ich beschrieben, wie das eigene verletzte Kind immer mit diskutiert und gleichermaßen die Verantwortung (NICHT Schuld oder Versagen!) für unversöhnliche Auseinandersetzungen trägt. Wir können unsere Eltern nicht ändern (auch wenn es das für uns so viel einfacher und angenehmer im besten aller Sinne machen würde), aber wir können Verantwortung für unsere Haltung unseren Eltern gegenüber übernehmen und eine erwachsene Position einnehmen.

Stellen wir uns einmal folgende Situation vor:

Eine Mutter ist bei ihren Eltern zu Besuch. Das Baby auf ihrem Arm lässt sich aufgrund der ungewohnten Umgebung nicht in den Schlaf tragen oder stillen. Die Eltern (oder ein Elternteil) schauen sich das eine Zeit lang an und schlagen dann vor, dass die Mutter das Kind ins Gästebett legen soll und sich ausweinen lassen solle. Vielleicht kommt auch noch ein Hinweis, dass sie das Baby sowieso „total verwöhnen“.

Wenn das verletzte innere Kind der Mutter nun mit einsteigt, dann wird eine harte Abwehrreaktion erfolgen. Etwas wie: „Das ist ja unmenschlich! Habt ihr bei mir nicht genügend angerichtet? Es hat schlimme seelische Folgen ein Kind in Not alleine zu lassen! Haltet euch da raus! Mit euren veralteten, grausamen Erziehungsmethoden möchte ich nichts zu tun haben!“

Damit macht man in wenigen Sätzen klar:

 

„So, wie ihr es gemacht habt, war es falsch.“

Und: Ihr habt hier nichts zu kamellen. Euer Rat ist nicht erwünscht.

Dies ist weder die Grundlage für ein fruchtbares Gespräch, in dem die Eltern eventuell ihre Haltung überdenken können noch eine Grundlage dafür, dass die Eltern ihre Tochter und ihre Ansichten wertschätzen können.

Jetzt könnte die Tochter natürlich sinngemäß argumentieren mit „Die haben aber angefangen!“, aber wir alle kennen diesen Satz von Kindern und auch, dass der Streitpartner darauf in der Regel antwortet: „Stimmt gar nicht!!“

Was können Sie also tun, um zum einen Ihre Würde zu bewahren und gleichzeitig respektvoll mit Ihren Eltern umzugehen?

 

Das Recht auf eine eigene Meinung

Das Wichtigste: Ihre Eltern haben das Recht eine andere Meinung zu haben als Sie. Sie haben diese ebenso aus der Summe ihrer Erfahrungen getroffen wie Sie und manche Haltungen sind im Grunde ein Panzer, der selbst erlebten Schmerz überdeckt.

 

Sagen Sie „Ja.“

Es ist Ihre eigene Entscheidung, ob Sie sich mit den Ansichten Ihrer Eltern auseinandersetzen möchten oder nicht. Möchte man dies nicht, hat man oft das Gefühl, dass man sich dem Vorschlag der Eltern anpassen müsste. Anstatt „Ja und Amen“ zu sagen, könnte man aber auch einfach sagen: „Ja. Das wäre eine Möglichkeit.“ Der Vorschlag der Eltern IST ja eine reale Möglichkeit, nur eine, die sie aus (für Sie) gutem Grund nicht in Betracht ziehen. Dann könnten Sie sagen: „Ich glaube, es täte uns beiden gut, aus dem Trubel herauszukommen. Danke für den Vorschlag.Ich bin gleich wieder da.“ Die Eltern haben vielleicht nicht GENAU DIESEN Vorschlag gemacht, aber wenn sie mit ihrem Rat Anstoß für eine neue Idee gegeben haben, ist das genauso wertvoll, als hätten sie dies direkt vorgeschlagen.

 

Verlassen Sie die Situation, um sich zu beruhigen

Die Situation verlassen, um sich zu erden, ist immer eine gute Idee. Gerade auch, wenn es um Streite geht, die mit und über das Verhalten von Kleinkindern geführt werden. Meiner Erfahrung nach ist es nicht hilfreich, wenn das Kleine nicht das macht, was von den Großeltern gefordert wird, die Mutter sich mit den Großeltern um diese Anforderung streitet und aufgrund der eigenen Zerrissenheit ihrem Kind gegenüber inkonsistent und unsicher ist. Ziehen Sie sich in solchen Momenten mit Ihrem Kind zurück, um gemeinsam zur Ruhe zu kommen, ob ins Elternschlafzimmer, der Gästetoilette oder in den Garten.

 

Wenn Sie ins Gespräch kommen möchten, fragen Sie nach

Vielleicht möchten Sie mit Ihren Eltern aber auch ins Gespräch kommen. Ins Gespräch kommen heißt auch und gerade: Zuhören. Am Anderen interessiert sein. Dieses Interesse hat null komma nix damit zu tun, die Ansichten der Eltern annehmen zu müssen. Eine komische Sache manchmal, das wir oft meinen alleine durch zuhören irgendwie von der Erwartung der Eltern vereinnahmt zu werden, etwas auch gemäß ihren Vorstellungen umzusetzen. Das ist UNSERE Baustelle. Zuhören und Neugierde auf das obige Beispiel bezogen, könnte sich zum Beispiel so anhören: „Aha. Warum denkst du, dass es gut wäre, sich im Nebenzimmer ausweinen zu können?“ Vielleicht finden sich ja auch Teile in der Argumentation, mit denen Sie sich verbinden können: Es ist zu unruhig im Wohnzimmer und dem Baby täte Ruhe gut. Oder Sie hören Sorge heraus, dass Sie als Mutter und ebenfalls als Tochter Ihrer Eltern sich zu viel verausgaben. Oder Sie hören den Wunsch, dass Sie als geliebte Tochter wirklich präsent sind und Zeit mit Ihren Eltern verbringen, anstatt seit Stunden all Ihre Energie auf die Beruhigung des Babys zu verwenden. Ja, auch Großeltern können eifersüchtig auf Ihre Enkel sein und selbst die Angst, das Baby könne verhätschelt werden, sagt letzten Endes viel mehr über die Großeltern aus, als über Sie als Mutter (auch wenn wir solche Kommentare oft als Kritik an uns selbst wahrnehmen und das Bedürfnis haben, Anerkennung von unseren Eltern zu erfahren).

 

Immer eine Fluchtmöglichkeit: „Darüber werde ich nachdenken“

Wenn Sie genügend Rückfragen gestellt haben, um wirklich verstanden zu haben, worum es Ihren Eltern geht (Nachfragen schützt auch vor vorschnellen Antworten), können Sie reagieren. Wenn das, was Ihre Eltern gesagt hat, Sie zu sehr aufgewühlt hat, dann ist es möglich, das zu sagen und sich fürs Erste aus dem Gespräch zurückzuziehen. „Eure Worte haben viel in mir ausgelöst. Ich möchte da jetzt erst einmal drüber nachdenken. Danke für Eure Erklärung.“ Mit dem Satz „Ich werde darüber nachdenken“ haben Sie übrigens immer eine elegante Möglichkeit sich dauerhaft oder temporär einem Gespräch zu entziehen. Ich versichere Ihnen: In den allermeisten Fällen ist dieser Satz nicht einmal gelogen, denn wenn wir kritisiert werden oder einen (in unseren Augen) unmöglichen Ratschlag bekommen, denken wir unwillkürlich immer wieder daran.

 

„Möchtet ihr meine Gedanken dazu hören?“

Wenn Sie nun Ihre eigene Ansicht darlegen möchten, dann vermeiden Sie Satzkonstruktionen, die mit „Ja, aber“ beginnen. Zum einen klingt das aber immer defensiv, zum anderen kann sich Gegenüber dadurch leicht abgewertet fühlen. Offener klänge es zum Beispiel so: „Danke, ich verstehe euch nun besser. Zu manchen Dingen habe ich andere Gedanken als ihr. Möchtet ihr sie hören?“Wenn wir uns unsererseits darüber aufregen, dass unsere Eltern (Nachbarn, Freunde oder gar Fremde) sich ungefragt in unser Leben einmischen, dann wäre es umgekehrt natürlich auch nur fair, unseren Eltern freizustellen, ob sie sich mit unseren Gedanken (generell oder auch nur zu diesem Zeitpunkt) auseinandersetzen möchten.

 

Die Eltern verhalten sich meinem Kind gegenüber anders, als Sie es gut finden?

Was tun Sie, wenn sich Ihre Eltern abwertend Ihrem Kind gegenüber verhalten, exzessiv loben oder immer wieder Begriffe wie „brav“ „unartig“ oder ähnliches verwenden? Also, grob gesagt, wenn sie einfach völlig andere Maßstäbe ansetzen als Sie?

Am besten nichts.

Das ist die Beziehung zwischen Ihren Eltern und Ihrem Kind. Sie können natürlich in einer ruhigen Minute mit Ihren Eltern über Ihre Gefühle dazu sprechen. Die Worte Ihrer Eltern aber auf die Goldwaage zu legen und in die Konversation ständig einzugreifen, ist nicht förderlich. Solange Ihr Kind nicht täglich mehrere Stunden mit Ihren Eltern zusammen sein muss, wird es ihm nicht schaden. Es erfährt Zuhause, wie man anders miteinander umgeht, dass es wertgeschätzt und geliebt wird, wie es ist. Und vielleicht darf es auch erfahren, wie Ihre Eltern und Großeltern respektvoll mit unterschiedlichen Meinungen und Lebensarten umgehen. Wenn Sie merken, dass Ihr Kind Hilfe braucht oder Sie darum bittet, können Sie natürlich vermitteln. Eine Möglichkeit (wenn es um emotional Unverfängliches geht und Sie sicher sind, dass es Ihrem Kind nicht unangenehm ist) könnte sein, dass Sie Ihrem Kind Stimme geben, also an seiner Stelle das sagen, was es (noch) nicht sagen kann. Manchmal braucht das Kind Sie aber auch als sein erwachsener Fürsprecher, der seine Grenze wahrt.

 

Die Eltern verhalten sich körperlich übergriffig oder gewalttätig?

Wenn Ihre Eltern sich Ihrem Kind gegenüber übergriffig oder gar gewalttätig verhalten, gibt es natürlich nur eines: Schützen Sie Ihr Kind! Und am besten verlassen Sie dann erst einmal die Situation, kümmern sich um Ihr Kind und beruhigen auch sich selbst erst einmal. Die Eltern vorschnell als „Böse“ oder „Täter“ darzustellen, hilft Ihnen und Ihrem Kind nicht. Denken Sie daran, was Sie maximal erreichen können. Sie können Ihre Eltern nicht ändern. Vielleicht können Sie sie aber bitten, sich an Sie zu wenden, mit dem was sie wollen und es Ihnen zu überlassen zwischen den Wünschen Ihrer Eltern und Ihres Kindes zu vermitteln. Es gibt bestimmt Fälle, in denen „Attachment“ mit den Eltern nicht möglich ist und an denen Vorstellungen nicht miteinander vereinbar sind. Übernehmen Sie die Verantwortung für sich und überlegen Sie, was Sie brauchen. Zum Beispiel Ihre Eltern (oder natürlich auch die Schwiegereltern) eine Zeitlang zu sich nach Hause einladen oder Treffen in ein Restaurant zu verlagern.Mit den obigen Gesprächstechniken haben Sie aber vielleicht die Chance, dass die Bande nicht ganz abbrechen und Sie wieder miteinander in Kontakt kommen können.

Vielleicht schaffen Sie eine Atmosphäre, in der es möglich ist sich und Ihr Kind zu schützen und gleichzeitig das verletzte Kind in Ihren Eltern zu entdecken und liebzugewinnen.

 

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen alle fröhliche und friedliche Weihnachtstage voller Verbundenheit und neugieriger Kommunikation!

Shares:


Kostenloses Kennenlern-Gespräch

Mein Beitrag hat Sie berührt? Sie möchten gerne über IHRE Familiensituation sprechen?

Tragen Sie sich hier für ein kostenloses Telefonat zum Kennenlernen ein.

Ich freue mich auf Sie!

 


 

Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.