„Es gibt keine schwierigen Kinder“ steht auf dem Klappentext des Buches „Das überreizte Kind“ von Dr. Stuart Shanker. Und damit hatte er mich schon für sich gewonnen.

Als ganzes Zitat geht das dann so:
„Problematische Verhaltensweisen sind Ausdruck der Unfähigkeit eines Kindes, in diesem Augenblick auf alles, was um es herum vor sich geht – Geräusche, Lärm, Ablenkungen, unangenehme Empfindungen, Gefühle -, zu reagieren.“

Aber oft genug sehen Eltern, Erzieher und Lehrer nicht die VERHALTENSWEISEN der Kinder als problematisch an und suchen gemeinsam nach den Ursachen, um diese zu minimieren, sondern das ganze KIND wird als problematisch beschrieben. Oft immer und immer wieder. Und daraus formt sich natürlich ein negatives Selbstbild mit all seinen daraus resultierenden Problemen.

Shanker plädiert dafür, uns zu fragen, wie wir die natürliche Neigung unseres Kindes zu Fürsorge und Mitgefühl fördern können anstatt uns zu fragen, wie wir aus ihm einen anständigen Menschen machen können.

Im Vorwort beschreibt Shanker sehr eindrücklich, wie eine Erzieherin in einem Kindergarten wirklich davon überzeugt ist, ein böses Kind in ihrer Gruppe zu haben. Als Shanker das Licht ausmachte, das sowohl blendete als auch einen Summton von sich gab und die Tür schloss, damit es leiser wurde, entspannte sich der Junge sofort sichtbar. Shanker hatte bereits vorher beobachten können, dass der Junge die Augen zusammengekniffen hatte und mehrfach bei lauten Geräuschen zusammen gezuckt war.

Was kann Stress verursachen?

Stress kann natürlich auf ganz vielen Ebenen entstehen:

Da sind körperliche Empfindungen wie Kälte, Hunger, unangenehme Kleidung, Müdigkeit, laute Geräusche und so weiter.

Da sind starke Gefühle wie Angst, Wut, Trauer oder Hilflosigkeit.

Da sind soziale Situationen in denen eigene Gefühle und die von anderen erkannt und interpretiert werden müssen, in denen man herausfinden muss, ob das Bedürfnis sich anzupassen größer ist oder das Bedürfnis zu seinem Selbst zu stehen. In denen durch Freunde oder Lehrer Druck von außen entsteht.

Da ist die kognitive Ebene, die geistige Prozesse umfasst wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung, rationales Denken und Problemlösen und auch Dinge wie Selbstwahrnehmung und zielgerichtetes Denken. All das erfordert viel Hirnkapazität.

Und zuletzt ist da die prosoziale Ebene, die beispielsweise die Fähigkeit umfasst eigene Bedürfnisse den Bedürfnissen anderer Menschen oder einem höheren Zweck unterzuordnen, die Mitgefühl, Selbstlosigkeit und kollektives Interagieren umfasst. In diesem Bereich kann es natürlich viele Stressoren geben, wenn starke Gefühle eines anderen auf eine Gruppe prallen, wenn eine Diskrepanz zwischen persönlichen Werten und Gruppenwerten zutage tritt und vieles mehr.
Gute Lehrer, Sporttrainer oder Führungskräfte haben hohe prosoziale Fähigkeiten und können eine Gruppe führen und unterschiedlichste Menschen zu einem Team vereinen und Spannungen in einer guten Weise auflösen.

Argumentieren hilft nicht

Und immer wenn Stress entsteht, ist der Zugang zu kognitiven Fähigkeiten versperrt, ist der Weg zur Empathie versperrt, hört soziales Verhalten auf.
Menschen schreien, machen dicht, schlagen Türen, schmeißen mit Geschirr, petzen, lästern, stören, rauchen zu viel, beißen ihre Wangentaschen kaputt oder kauen Fingernägel.

Und all das ist bei kleinen Menschen noch viel mehr so.

Das liegt zum einen schlicht daran, dass nicht nur ihr Gehirn noch nicht so gut entwickelt ist. Es ist sogar bei ganz kleinen Menschen schlicht nur rudimentär vorhanden. Ein Baby kommt mit einem Viertel der Hirnmasse eines Erwachsenen auf die Welt. Erst mit sechs Jahren hat ein Kind annähernd so viel Hirnmasse wie wir Großen. Und die Masse hat ja noch nichts mit den neuronalen Verbindungen zu tun. Diese ist sogar in Kleinkindjahren um ein vielfaches vernetzter als bei großen Menschen, so dass ein einzelner Reiz sehr viel längere Wege und vor allem Umwege zurück legen muss, um verarbeitet zu werden. Erst später werden alle Verbindungen, die für das Kind nicht wichtig zu sein scheinen, gekappt. Man geht davon aus, dass die Gehirnentwicklung und somit auch die Regulierungsfähigkeiten erst mit Anfang 20 abgeschlossen sind. Und wie wir alle wissen besteht auch danach noch die Möglichkeit (und die Notwendigkeit!) der Weiterentwicklung.

Leider nehmen wir Erwachsenen viel zu kurz Rücksicht auf ein kleines Menschenwesen. Wir erwarten Dinge von ihm, die es einfach noch nicht KÖNNEN KANN.
Für einen kleinen Hundewelpen, der Schuhe zerkaut oder an einem hochspringt, haben wir mehr Verständnis als mit unseren -im Grunde genommen noch mini- Vorschulkindern.

„Dieses Gehirn ist vorübergehend nicht zu erreichen.“

Es zählt nicht, dass Dein Kind eigentlich schon ganz gut verstehen kann, was du sagst also schon viele Worte kennt) und sich in ruhigen Situationen auch schon ganz gut ausdrücken kann – gerät dein Kind in Not – aus welchem Grund auch immer – hat es keinen Zugriff mehr auf seine kognitiven Fähigkeiten. Es kann kaum noch sprechen, dich kaum noch hören, geschweige denn verstehen.

Stress lässt sich nicht weg argumentieren oder weg belohnen. Und erst recht nicht weg bestrafen. Hier schaffe ich sogar negative Assoziationen im Kind, die in der nächsten ähnlichen Situation reaktiviert wird und schon Stress auslöst, bevor überhaupt „etwas passiert“ ist.

Was passiert denn nun eigentlich in uns und in unseren Kindern, wenn sie aufgeregt sind?

Sind sie noch Babys und sie schreien, springt bei den meisten Eltern instinktiv das „Beruhigungsprogramm“ an. Wir tragen, kuscheln, machen beruhigende Laute, schaffen eine ruhige Umgebung und sind einfach mit viel Körperkontakt präsent. Ein Baby kann sich noch nicht alleine beruhigen. Es braucht dafür seine Eltern (oder andere nahe Bezugspersonen). Das nennt sich Co-Regulation. Aber durch das, was „Limbische Resonanz“ genannt wird, kann es sein, dass nicht wir die Kinder beruhigen, sondern dass die Kinder UNS aufregen.
Wir lassen uns vom Stress des Kindes „anstecken“.

Wenn wir extrem unausgeschlafen sind.
Wenn wir glauben, dass ein Baby nicht weinen darf und dass wir sie unter allen Umständen beruhigen können müssen.
Wenn die Frequenz und die Tonlage so schrill oder jämmerlich sind, das uns die Haare zu Berge stehen.
Wenn eigener unverarbeiteter Schmerz in den uns berührt wird…

Nun entsteht eine Stress-Spirale nach oben. Denn das Baby spürt nun den Stress seiner Bezugspersonen und nimmt deshalb an, dass hier wirklich ein Alarmzustand gegeben ist. Es stimmt wirklich was nicht! Seine Mutter spürt es auch! Die limbische Resonanz ist natürlich eine sinnvolle Errungenschaft vieler Säugetiere, dass sie einander mitteilen können, wenn existentielle Gefahr droht – beispielsweise ein Raubtier sich dem Dorf nähert oder ähnliches. In der persönlichen Interaktion ist sie jedoch manchmal hinderlich.

Vor allem, wenn dann, sobald das Kind beginnt zu sprechen, die rechte, instinktive Hirnhälfte des Kindes kaum oder gar nicht mehr angesprochen wird.
Das Kind beginnt zu weinen, weil wir „Nein“ gesagt haben, oder etwas weggenommen haben und wir beginnen, dem Kind zu erklären, warum wir das gemacht haben. Möööp!

Und das Kind fühlt sich durch unseren belehrenden Tonfall abgelehnt mit seinem Schmerz und die Stress-Spirale steigt.
Es schreit lauter.
Wir argumentieren mehr.
Wir drohen und manipulieren.
Bis wir vielleicht irgendwann brüllen: „Verdammte Scheiße, jetzt reicht es aber! Hör auf zu weinen! Jedes Mal so ein Theater mit dir!“
(Also, wenn Euch bisher nie so etwas raus gerutscht ist – mir schon. Und ich bin nicht stolz drauf, aber verstehe jetzt immerhin, was da passiert ist.)

Und wenn wir so von unseren Kindern fordern, dass sie aufhören sollen zu weinen, dass sie still sein sollen, wenn wir denken, dass sie das doch jetzt gefälligst langsam mal können sollten, dann verwechseln wir etwas ganz Entscheidendes:

Still sein ist nicht dasselbe wie ruhig sein.

Selbstkontrolle ist nicht dasselbe wie Stressregulierung.

Je mehr Druck wir auf ein Kind ausüben, dass es leise sein soll, still sitzen soll, je mehr Angst wir ihm machen (und das tun wir, alleine schon, weil wir so viel größer und mächtiger sind als unser Kind), desto weniger wird ein Kind seinen Stress regulieren lernen. Manche Kinder können ihn kontrollieren, sie reißen sich für uns zusammen, so wie wir das als Kind für unsere Eltern auch getan haben. Mit großen Folgen für die psychische Gesundheit.
Und natürlich bleibt der innere Stresslevel so hoch, dass es wahrscheinlich eine weitere, ähnliche Situation nur kurze Zeit später geben wird.

 

Wie können wir mit dem Stress unseres Kindes hilfreicher umgehen?

Das Schöne ist, dass das Regulieren von Stress immer in beide Richtungen geht. Wir haben alle was davon – die Kinder und wir Erwachsenen. Es passiert eine „kognitive Verschiebung“. Was immer wir Erwachsenen dafür tun: Wir GEBEN und NEHMEN gleichzeitig.

Voraussetzung dafür, Selbstregulierung zu entwickeln, ist das Wissen darum, wie es sich anfühlt, wirklich ruhig und entspannt zu sein.
Hast du das selbst erfahren? Wann? Was hast du dabei getan? Wo hast du die Entspannung in deinem Körper gefühlt? Und was kannst du tun, um einen Zustand der Entspannung aktiv herbeizuführen?
Diese Fragen können uns helfen unsere eigenen Ressourcen zu finden und zu stärken.
Ich weiß beispielsweise, dass ich nirgends so entspannt bin, wie auf dem Fahrrad. Dort fühle ich Leichtigkeit und Freiheit. Und wenn ich schlaflos im Bett liege, übe ich mich nun im Meditieren (was hochtrabend klingt und für mich letztendlich nur bedeutet, das ich versuche mich auf meine Atmung zu konzentrieren).

Das Erste, was wir tun können um unseren Kind zu helfen, ist also, aufmerksamer mit uns selbst zu werden.
Das Zweite ist zu beobachten, wann unser Kind stark gestresst ist.
Zu welcher Tageszeit? Wenn es alleine ist oder in Gruppen spielt?
Und WAS stresst dein Kind?
Müdigkeit? Hunger? Licht? Andere Kinder? Ein bestimmtes Kind? Wie hoch ist sein „Kernstresspegel“, also ist es grundsätzlich eher angespannt?

Ist es gut gelaunt oder übererregt?

Ist es wirklich innerlich ruhig oder ist es die Ruhe eines Dampfkochtopfs?

Die nächste Frage ist herauszufinden (oder auszuprobieren), was dein Kind beruhigt. Und ich rede nicht davon, Wutimpulse auszulöschen oder wegzumachen. Aber wie könnt ihr gemeinsam durch stressige Momente gehen und dabei genährt werden?

Und was beruhigt DICH in Stresssituationen?

Hier stelle ich beispielsweise fest, dass Schimpfen und Monologisieren meine Form des Stress-Abbaus ist. Ich reiche den quasi an den nächsten weiter. Blöde Strategie, wie ich ja bereits erklärt habe. Sie regt mein Kind nur weiter auf (und damit im nächsten Zug auch wieder mich).

Rechtshirn- zu Rechtshirn-Kommunikation

Eine der ersten Sachen, die wir versuchen können zu etablieren, ist das bewusste Herunterfahren von Reizen:
Körperkontakt und Atmen: Wir können beispielsweise das Licht ausmachen, uns erst mal neben unser Kind setzen, ihm einfach nur eine Hand auf die Schulter legen und dabei selbst mehrmals bewusst ein- und ausatmen, bevor wir etwas sagen. Auch große Kinder, auch Teenies, ja, selbst wir Erwachsene brauchen es manchmal einfach nur im Arm gehalten zu werden und nicht voll getextet zu werden.

Kurze Worte: Wenn etwas ausgesprochen werden muss, können wir während des Atmens überlegen, was das in aller Knappheit möglichst wertungsfrei sein könnte und diese Worte danach langsam und leise an unser Kind richten.

Erinnern wir uns daran, dass es darum geht, bei unserem Kind (und auch bei uns selbst!) weiteren, also zusätzlichen Stress zu vermeiden.
Ob Schreck, Schmerz, Wut, ambivalente Gefühle aufgrund von Streit (Selbstbestimmung vs. Harmonie)… jeder weitere Druck wird unser Kind weiter von uns und unserem Wunsch es zu beruhigen, es „zur Vernunft zu bringen“, entfernen.

Unser Gehirn braucht etwa 90 Sekunden, um einen Adrenalin-Flash wieder herunterzufahren. Voraussetzung dafür ist, dass das Stress-System nicht weiter befeuert wird. Es gilt also darum Zeit zu gewinnen. Hier könnte man (vielleicht mit dem Kind zusammen) eine Stressreduktions-Liste erstellen, die gut sichtbar an üblichen „Kriegsschauplätzen“ aufgehangen wird. Diese kann für kleinere Kinder natürlich bebildert sein.

Hier eine Zusammenstellung von Ideen:

¥ Langsam zum Lichtschalter gehen und das Licht löschen.

¥ Laut ein- und ausatmen (als wenn der Hausarzt die Lunge abhört)

¥ Ein beruhigendes Mantra sprechen oder singen

¥ Bis zehn zählen, gerne in mehreren Sprachen.

¥ Die Hände auf das Gesicht legen und mit Druck die Augenbrauen streicheln.

¥ EFT (leicht zu lernende Klopfakupressur) anwenden

¥ Auf die Zehenspitzen stellen und langsam wieder abrollen

¥ Figuren wie „Den Wolkenteiler“ oder „Die fliegende Taube“ aus dem Qi Gong ausführen

¥ Einen Stressball kneten

¥ Sich gemeinsam mit dem Kind ein Anti-Stress-Lied aussuchen und vereinbaren, dass erst wieder geredet wird, wenn das Lied zu Ende ist (an kritischen Tageszeiten bleibt die CD einfach im Player oder die Playlist offen)

¥ Der „Wut-Sitz“, wenn Umarmungen nicht gehen: Sich mit dem Rücken aneinander setzen und sich auf die entstehende Körperwärme konzentrieren

¥ An einem Duftöl riechen (bitte bei Babys und Kleinkindern Vorsicht mit ätherischen Ölen, vor allem Eukalyptus, Kampher und Pfefferminz)

¥ Knackfrösche knacken

¥ Einen langen Pfeifton erzeugen (geht natürlich auch mit Instrument oder Stimme)

¥ Bei Stress-Situationen in Bad und Küche: Kaltes Wasser über die Innenarme (hilft mir immer besonders gut).

Eure persönliche Liste sollte natürlich auf einige wenige Punkte beschränkt sein, die auch am meisten ansprechen.

Emotionale Sprache etablieren

Die Frage „Was ist passiert?“ ist auch für große Menschen oft zu kompliziert. Vor allem, da es selten genau um das geht, worum man gerade gestritten hat. Nehmen wir das Klischee der offenen Zahnpastatube: Diese ist wahrscheinlich ein mini-bisschen störend, aber ohne die großen unerfüllten Bedürfnisse in einem Menschen „gesehen werden zu wollen“ oder „wichtig zu sein“, würde diese eigentliche Lappalie niemals so eskalieren.

Um unseren Kindern also zu helfen immer mehr auch selbst ihr Gefühls-Wirrwarr auflösen zu können, hilft es, wenn wir wirklich lernen über Gefühle zu reden. Welche gibt es? Wie geht es UNS? Welche Bedürfnisse können hinter unserem oder dem Verhalten unseres Kindes stehen? Welche Strategien haben wir gewählt um diese zu erfüllen und welche anderen hätte es noch gegeben?

Eine große Hilfe können dabei Elemente der „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg sein. Diese wird auch Giraffensprache genannt, weil sie uns hilft, alles von weiter oben zu betrachten. Außerdem wird Giraffen ein großes Herz zugesprochen.

Das wertfreie Aussprechen von Beobachtungen, das Formulieren von Gefühlen und Bedürfnissen und eine klare Aussage, was gebraucht wird, kann ein hilfreiches Gerüst sein, um auch selbst seine Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse besser kennenzulernen und wirklich empathisch mit unserem Gegenüber zu sein.

Hanna Brodersen sagt dazu „Dich durch mein Herz sehen“ und hat so auch ihr erstes Buch genannt, das alle Aspekte von Achtsamer Elternschaft, gewaltfreier Kommunikation mit Kindern und bedingungsloser Liebe in sich vereint. Ich kann es nur wärmstens empfehlen.

Negative Gefühle verbrauchen Energie, die unsere Kinder dann nicht mehr für Neugierde und neue emotionale oder kognitive Erfahrungen nutzen können. Negative Gefühle, die mit ursprünglicher Freude einher gehen (beispielsweise starke Angst, die nicht aufgefangen wird), schafft körperlich-emotionale Assoziationen, die uns mit unseren Kindern in ähnlichen Situationen manchmal jahrelang begleiten können.

Wie geht es dir gerade? Wie geht es mir?

Ein Bestandteil in manchen Verhaltenstherapien für Menschen mit Stressregulationsstörungen ist das Einschätzen des persönlichen Anspannungslevels. Shanker nennt das „Gemeinsam die Tankuhr ablesen“. Leider werden wir ja ohne eine Füllstandanzeige geliefert, aber dennoch haben wir eine „innere Tankuhr“, die wir lernen können zu lesen.

Wie fühlt es sich an, wenn mein Tank voll ist? Woran merke ich, dass er leerer wird? Was passiert, wenn er wirklich leer ist? Womit tanken wir und was ist unser „Super-Treibstoff“ (siehe Die 5 Sprachen der Liebe“)? Können wir vielleicht manchmal frühzeitig aus Konflikten aussteigen oder eine Pause einlegen, wenn wir merken, dass wir gleich in den „roten Bereich“ kommen.

Es gibt noch andere Redewendungen aus dem Motorsport, die wir in Bezug auf starke Gefühle anwenden. Beispielsweise „auf 180 sein“ oder „von Null auf Hundert gehen“. Gerade bei letzterem ist wichtig zu erkennen, dass sich zwar ein VERHALTEN von jetzt auf gleich komplett verändern kann, aber die dahinter liegenden Gefühle schon eine ganze Weile unbemerkt existieren. Zu lernen, schwelende Gefühle bei uns und unseren Kindern rechtzeitiger wahrzunehmen ist also eine große Investition in unsere Stressregulierungsfähigkeit und damit auch vermutlich in die Qualität unserer Familienkonflikte.

Eine meiner Lieblingsaussagen: Empathiefähigkeit resultiert aus erlebter Empathie. Immer und immer wieder erlebter Empathie.

Nochmal:
Es geht um Regulierung der Emotionen und nicht die des Körpers!

„Sitz still“ oder „Bleib doch mal liegen“ sind kontraproduktiv und damit wären wir dann ganz praktisch beim Gestalten von Familienmahlzeiten oder dem täglichen Ins-Bett-Bringen.

Es ist wichtig, dass wir lernen, uns selbst zu steuern und nicht unsere Kinder steuerbarer zu machen.

Es ist wichtig, dass wir lernen, unseren Kindern zu helfen, mit ihren sprichwörtlichen „Hummeln im Hintern“ umgehen zu lernen.

Der Weg dahin sieht natürlich ganz unterschiedlich aus, je nachdem, was die Stressquelle Eures Kindes ist.

Nehmen wir das Beispiel Familientisch:

Hier könnte die Stressquelle sozialer Natur sein, durch die verschiedenen Menschen am Tisch. Es könnten aber auch körperliche Empfindungen die Ursache für Stress sein: laute Gespräche, grelles Licht, Unordnung in der Küche, ein ständig brummender Kühlschrank… Oder aber der Stress ist emotional, beispielsweise durch einen nur schlecht verhüllten Streit, den die Eltern beim Kochen hatten, inquisatorische Fragen bei Tisch oder anderweitiger schlechter Stimmung.

Dementsprechend unterschiedlich sehen natürlich dann auch die Lösungansätze aus.

Besonders gefühlsstarke Kinder

Etwa jedes siebte bis zehnte Kind ist schneller überfordert als andere, kann Reize schlechter filtern, fühlt Gefühle viel, viel stärker als andere und erlebt deshalb auch viel mehr Katastrophen am Tag. Nora Imlau hat für diese Kinder in Abgrenzung zu all den negativen Bezeichnungen, die wir im deutschen Sprachraum sonst für solche Kinder haben (Tyrann, Zicke, verwöhnte Prinzessin…) einen wertschätzenden Begriff ins Leben gerufen – gefühlsstarke Kinder.
(In Amerika gibt es die sogenannten „spirited childs“ im Sprachgebrauch schon länger.)
Hier ist das Erlernen von Stressregulationsmechanismen natürlich für Eltern und Kinder umso wichtiger, damit diese Kinder ihr unglaubliches Potential auch entfalten können.
Für die Eltern dieser Kinder hat sie das wunderbare Buch „So viel Freude, so viel Wut“ geschrieben, das Ende Mai im Kösel-Verlag erschienen ist.
Es beschäftigt sich auf ganz praktische Weise mit dem Wesen dieser Kinder und wie man mit schwierigen Situationen beziehungsfördernd umgehen kann und den Alltag gestalten kann.
Auch Imlau bezieht sich an einigen Stellen auf „Das überreizte Kind“ – das ganze Buch bezieht sich aber viel mehr auf den Alltag mit Kindern als Dr. Shankers Buch es tut. Besonders gelungen finde ich das Kapitel zur (Fremd-)betreuung. Gerade die Liste, woran ich einen guten Kindergarten für mein Kind erkennen kann und auch wie eine sanfte und sichere Eingewöhnung verlaufen sollte, finde ich enorm hilfreich. In meinen Augen ein absolutes Highlight-Buch, das sicherlich vielen Eltern helfen wird!

Hier nochmal alle Bücher, um die es im Artikel geht im Überblick:

(Achtung, es folgen affiliate-Links. Für alle Produkte, die Ihr nach Anklicken der Links kauft, erhalte ich eine kleine Provision. Also vielen Dank für Eure Unterstützung!)


„Das überreizte Kind“ von Dr. Stuart Shanker


„So viel Freude, so viel Wut“ von Nora Imlau

Das Buch von Hanna Brodersen „Dich durch mein Herz sehen“ gibt es bisher bei Thalia.de nicht zu kaufen. Ihr könnt es direkt beim Tologo-Verlag bestellen:
https://www.tologo.de/dich-durch-mein-herz-sehen/

 

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Natascha Makoschey (Baujahr 1983) hat einen 9-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.

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