In der letzten Ausgabe des Unerzogen-Magazins habe ich über die Schwierigkeit geschrieben, sich im Leben mit Kindern als Paar nicht aus den Augen zu verlieren. Wie leicht es passiert, dass Paare immer mehr aneinander vorbei oder sogar gegeneinander leben. In diesem Artikel soll es nun um praktische Ideen für den Alltag gehen. Wie können Partner einander im oft stressigen Alltag mit Kindern wirklich sehen? Sich nahe sein, obwohl so vieles anders ist als sie es haben möchten? Viele meiner Gedanken wirken auf den ersten Blick vielleicht banal. Bei genauerem Hinsehen bergen sie aber doch so manche Herausforderung in sich.

Seinen Partner wirklich wahrzunehmen und zu versuchen ihm immer wieder wirklich zu begegnen, kostet Achtsamkeit auf der einen und Überwindung auf der anderen Seite. Vielen Paaren hilft es, gemeinsam zu überlegen, welche Inseln sie sich schaffen möchten und wann und in welcher Art sie sich auf diese zurückziehen. Die Regelmäßigkeit kann bei der Etablierung helfen, bis sich der neue Umgang ganz natürlich anfühlt.

Der nun folgende Ideenkatalog kann natürlich beliebig erweitert und angepasst werden. Es geht nicht darum, möglichst viele davon umzusetzen, sondern darum, für sich selbst und als Paar zu überlegen, an welcher Stelle mehr Beziehung nötig und gewünscht ist. Und auch an welcher Stelle am ehesten Ressourcen verfügbar sind, etwas Neues auszuprobieren.

 

Den Partner mit offenem Herzen und Ohren fragen, wie es ihm geht

Kennen Sie das? Der Partner kommt von der Arbeit nach Hause. Sie räumen gerade die Spülmaschine ein oder aus. Sie stehen mit dem Rücken zu Ihrem Partner und fragen beiläufig, wie sein Tag war, warten aber die Antwort gar nicht ab. Oder Sie fragen gar nicht erst, sondern erzählen, was die Kinder den Nachmittag gemacht haben, dass seine Mutter angerufen hat und er sie dringend zurückrufen soll. Außerdem würde der Farbeimer immer noch im Kellereingang stehen. Den wollte er doch gestern schon wegräumen…

Und haben Sie es im Gegenteil schon einmal erlebt, wenn jemand Vertrautes Sie wirklich ansieht, Sie fragt, wie Sie sich fühlen und Sie innerlich ganz offen und verletzlich werden? Das ist gemeint. Seien Sie für einen kurzen Moment ganz bei Ihrem Partner und sehen ihn so an, als hätten Sie ihn noch nie gesehen. Ist der Raum zwischen Ihnen geschaffen, können Sie auch wieder die Spülmaschine einräumen und den Tisch decken. Aber es braucht häufig die Öffnung der Kanäle, die bewusste Hinwendung zum Anderen, um im Gespräch eine wirkliche Verbindung zueinander herzustellen.

 

Einen Raum für regelmäßigen Austausch schaffen

Das Ziel für den Austausch ist, dass Sie einander sehen. So wie Sie wirklich sind. So wie es Ihnen wirklich geht. Und sich gehört und ernst genommen fühlen, auch wenn der Partner Ihre Sicht der Dinge nicht bestätigt und seine nicht unbedingt ändert.

Einander wirklich zuzuhören, ohne zu unterbrechen erfordert jede Menge Geduld, gibt einander aber die Freiheit ganz bei sich bleiben zu können und – fürs Erste – nur auf sich selbst zu schauen. Viele Themen werden bei Paaren zu Reizthemen. Hat man in einem Gespräch eine bestimmte Abbiegung genommen, geht der Rest des Gespräches in der immer gleichen Abfolge weiter, wie ein gut eingeübter Tanz.

Weil die Ansichten oder Ängste des Partners Zweifel und Ängste in einem selbst auslösen, die schwer auszuhalten sind.

Weil man sich über eine Ansicht ärgert.

Weil man sich nach etwas bestimmten sehnt und der Partner einfach nicht so sein möchte, wie man ihn gerne hätte.

Eine große Übung um bei sich zu bleiben (und somit den anderen so stehen lassen zu können, wie er ist, gerade sein kann oder sogar sein möchte) kann darin bestehen, immer mal wieder nur für sich selbst zu reagieren, zuerst mit sich selbst in den Dialog zu gehen über das, was der Partner gerade gesagt hat. Und sich erst danach mit seinen Gedanken und Gefühlen an den Partner zu wenden.

Es entsteht eine Atmosphäre der Achtsamkeit, wenn man Folgendes hört (oder zum Partner sagt): „Ich habe mir Gedanken gemacht zu dem, was du gesagt hast. Ich würde sie dir gerne mitteilen. Bist du bereit, sie zu hören?“ Wenn der Partner bereit dazu ist, kann er nach einem günstigen Zeitpunkt gefragt werden. Freiwilligkeit ist eine der wichtigsten Faktoren in Liebesbeziehungen. Dazu gehört auch, Gedanken und Gefühle klar zu äußern, aber es danach dem Partner überlassen, wie er darauf reagieren möchte. Ein Signal geben, wer man ist und wer man sein möchte. Und nun wird der Partner dasselbe über sich herausfinden müssen. Und dabei kann natürlich auch herauskommen, dass dieser sich mit Ihren Gedanken aktuell nicht beschäftigen möchte. Womit der Ball dann wieder in Ihr Spielfeld zurück gespielt wird.

 

Versuchen auf Vorhaltungen, Besserwisserei und korrigierendes Eingreifen zu verzichten

Viele Auseinandersetzungen bei Paaren, die Eltern werden, drehen sich um den Umgang mit Kindern. Sie entstehen in Konfliktsituationen mit den Kindern, wenn das eigene innere Kind in Ihnen oder Ihrem Partner schmerzhaft berührt wird. In den Gesprächen über diese Situationen sollte es nicht um „Richtig“ oder „Falsch“, „Schuld“ oder „Unschuld“ gehen, sondern um gegenseitiges Verstehen und der Überlegung, welches Verhalten die Partner als hilfreich empfinden würden. Welche Art von Unterstützung wünschen Sie sich in emotional schwierigen Situationen von Ihrem Partner?

Ich selbst beispielsweise hätte mir oft Hilfe gewünscht, wenn ich ungeduldig oder wütend mit meinem Sohn geworden bin. Jemand, der mir die Möglichkeit gegeben hätte, die Situation zu verlassen und wieder einen kühlen Kopf zu kriegen. Einen kühlen Kopf kann jemand nicht bekommen, wenn ihm von einer geliebten Person Vorwürfe gemacht werden und dadurch weiterer Druck entsteht. Auch das demonstrative Trösten des Kindes als Ausdruck der Parteinahme für das Kind gegen den Partner führt zu mehr Verhärtung. Trost des Kindes ist natürlich wichtig, jedoch wäre es für die Beziehung gut, einen Weg zu finden, bei dem man sich nicht gegeneinander stellt.

Für den Partner gilt tatsächlich dasselbe wie für das Kind: Hätte er zu diesem Zeitpunkt eine bessere Strategie gekannt, um seine Bedürfnisse zu erfüllen, hätte er diese gewählt.

 

Einander regelmäßig im Arm halten und die Verbindung zueinander fühlen

Sich zu umarmen, den anderen umfassen und selbst umfasst werden, aber so zu stehen, dass beide Umarmende ganz alleine für Ihr Gleichgewicht verantwortlich sind, ist eine große Kunst. Welche Gefühle auch immer präsent sind und werden – sie dürfen da sein. Dies immer wieder so lange zu tun, bis bei beiden Entspannung eintritt und jeder ganz bei sich ist – und damit auch ganz bei dem Anderen ist eine mächtige, kraftgebende Erfahrung.

Körperkontakt ist natürlich grundsätzlich ein heikles Thema. Viele Frauen berichten mir, dass ihr Interesse an Sex und körperlicher Verbindung in den Jahren nach der Geburt massiv gesunken ist. Dies ist zum einen durch den veränderten Hormonspiegel durch das Stillen zu erklären, zum anderen durch die körperliche Erschöpfung und hoher Belastung der Mutter in ihrem Alltag. Viele Mütter berichten außerdem, dass durch das viele Stillen oder Kuscheln des Kindes ihr Bedarf an Körperkontakt schon gedeckt ist. Wenn nun aber Körperkontakt wichtig ist für die beständige Verbindung zwischen den Partnern, wenn das sogenannte Bindungshormon Oxytocin in hohem Maße bei Körper- und vor allem bei Hautkontakt ausgestoßen wird, könnte es dann nicht wertvoll sein, diesen zu etablieren, obwohl man sich „nicht danach fühlt“? Miteinander mit möglichst viel Hautkontakt oder auch ganz unbekleidet zu kuscheln – vielleicht auch als ganze Familie (solange die Kinder dies möchten) – kann ein großer Gewinn sein, um immer wieder neu Verbindung entstehen zu lassen. Vielleicht ist für diesen Schritt die Überwindung größer als für die anderen Ideen. Dafür ist die Ebene der Verbindung eine andere, möglicherweise ursprünglichere und es ist weniger bewusste Kommunikationsarbeit nötig. Und noch ein anderer Gedanke ist für mich wichtig: Das Vermeiden von Körperkontakt ist oft ein Zeichen für Ablehnung und dem Gefühl nicht miteinander verbunden zu sein. Oft verbirgt sich dahinter ein offener oder versteckter Vorwurf an den anderen, so dass keine Lust auf Nähe vorhanden ist. Körperkontakt wird zu einer Währung, die sich verdient werden muss. Damit will ich nicht sagen, dass Frauen über ihre Grenzen gehen sollen und Dinge mit sich tun lassen sollen, die sie nicht möchten. Jedoch haben sie die Verantwortung zu schauen, wo ihre Grenzen wirklich sind, welche Botschaft sie mit diesen senden und auf welche Weise sie ihrem Partner körperlich begegnen könnten. Wie schön wäre es, wenn auch auf dieser Ebene ein „unden“ möglich wäre und vor allem das wertungsfreie Annehmen der unterschiedlichen Bedürfnisse.

 

Rituale der Verbundenheit schaffen

Das kann so ziemlich alles sein: vom täglichen Gassi gehen mit dem Hund oder dem gemeinsamen Spülen und Abtrocknen des Geschirrs. Die Zeit kann schweigend oder im Austausch miteinander verbracht werden. Jede Tätigkeit kann verbindend sein, wenn sie achtsam gelebt wird. Ich kann mich beim Geschirr spülen streiten, wer heute was nicht gemacht hat oder ich kann versuchen einen gemeinsamen Moment der Verbundenheit zu erleben. Blickkontakt, Händchenhalten, gemeinsam singen, ein Kuss über dem Wäschekorb … die Schwierigkeit liegt nicht daran, solche Möglichkeiten zu finden, sondern sie wahrzunehmen und bewusst gemeinsam zu erleben.

 

Was aber, wenn der Partner nicht „mitzieht“?

Manchmal ist das Interesse an solchen paarbildenden Maßnahmen schon erloschen oder die Angst vor Veränderung ist zu groß. Das Schöne ist, dass es für alle Veränderungen nur einen einzigen Menschen braucht: Sie.

Wenn Sie Ihrem Partner mit offenem Herzen begegnen, wenn Sie beginnen, das Abdecken des Abendbrottischs als Momente der Verbundenheit zu erleben, wenn Sie Ihren Partner öfter mal einfach so von hinten umarmen und ihm einen Kuss auf den Nacken geben, dann verändert sich etwas. Auf jeden Fall in Ihnen.

In dem Buch „Gespräche mit Gott – Bd.1“ von Neale Donald Walsh rät das Gegenüber, das Walsh für sich als „Gott“ erkennt folgendes:

„Du wirst deiner Beziehung – oder irgendjemandem – nie einen schlechten Dienst erweisen, wenn du mehr in den anderen siehst, als sie dir offenbaren. Denn da ist mehr – erheblich mehr. Nur ihre Angst hält sie davon ab, es dir zu zeigen.“

Die Angst, wir müssten uns mit irgendetwas „zufrieden geben“, bringt oft eine beständige innere und äußere Nörgelei mit sich. Dabei ist in jedem Moment alles schon da. Ich sehne mich manchmal danach, wie ich mit meinem früheren Partner sein konnte und eine ähnliche Sehnsucht kenne ich auch von anderen, die sich die Leichtigkeit der Anfangszeit zurückwünschen, die viele gemeinsam erlebte Zeit. Aber noch einmal: Alles, wonach Sie sich sehnen, ist in Ihnen. Brauchen Sie wirklich jemand anderen, um zu strahlen? Um die vielen unglaublichen Facetten Ihrer Persönlichkeit zu leben? Jeder Moment ist, was Sie aus ihm machen. Was Sie in ihm sehen. Wie Sie bei sich selbst und bei Ihrem Partner sind. Oder wie Sie es nicht sind, wenn Sie glauben, dass Sie weniger bekommen, als Sie verdient hätten.

Wer sind Sie und wer möchten Sie sein? Und brauchen Sie wirklich Ihren Partner und ein bestimmtes Verhalten von ihm, um das sein zu können ?

Mich zieht es dahin, mich selbst nicht mehr zu verlassen und damit auch nicht mehr mein Gegenüber. Ich wünsche mir, dass ich selbst immer mehr das Gegenüber für die Menschen werden kann, die mir begegnen, das ich mir wünschen würde. Und das unabhängig davon, wie diese mir begegnen.

 

 

 

Weiterführende Literatur:

„Ich brauche deine Liebe – ist das wahr?“ von Byron Katie

„Die Psychologie sexueller Leidenschaft“ von David Schnarch

„Partnerschaften wie im 7. Himmel“ von Ariel & Shya Kane

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Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.