Nah bei dir und nah bei mir

Warum dieser Slogan? Wie bin ich darauf gekommen?

Ich selbst bin als Kind sehr autoritär aufgewachsen, auf althergebrachte Weise mit Strafen, Trennungen (Auszeit) und Liebesentzug. Als ich selbst Mutter wurde, dachte ich, es würde alles besser, wenn ich nur dem Kind nah bin, seine Bedürfnisse sehe und erfülle. Dabei habe ich aber einen wesentlichen Punkt vergessen:

 

Mir als Mutter muss es auch gut gehen.

Es ist unerlässlich (auch für mein Kind), dass ich zufrieden bin, dass ich Dinge tue, die mir gut tun, mich nicht aufopfere (und dieses Opfer meinem Kind „ankreide“ – O-Ton: „Das tue ich alles nur für dich!“). Es ist für mein Kind wertvoll zu sehen, wie mir Dinge Freude machen, wie ich für mich selbst sorge, wie ich vom Leben begeistert bin, mir selbst und anderen mit Offenheit, Wärme und Barmherzigkeit begegne. Von unschätzbarem Wert ist es, wenn ich meine eigenen Gefühle ernst nehme, sie nicht unterdrücke, sie mir zugestehe und fühle, sie meinem Kind mitteile, um dann mit ihm in Dialog zu gehen, über seine Gefühle, die ich genauso ernst nehme wie meine eigenen.

 

Es gibt keine falschen und richtigen Gefühle.

Jedes Gefühl, das ich fühle, ist einfach DA. Ungefragt. Vielleicht zeitlich unpassend. Vielleicht erkennbar irrational. Das ist ja nicht nur bei Kindern so. Eifersucht bei Erwachsenen ist ja beispielsweise ebenso irrational. Hilft es mir, wenn ich meinen Schmerz und meine Verlustangst äußere und jemand anderes sagt mir, dass Eifersucht ein schlechtes Gefühl ist und dass ich außerdem überhaupt gar keinen Grund habe, so zu fühlen?

Eifersucht kann zerstörerisch sein – ja. Sie kann aber auch ein wertvoller Indikator sein, wo mir weh getan wurde und wo ich noch Heilung brauche. Ebenso kann Wut andere verletzen. Sie kann aber auch Energien freisetzen, um mich selbst zu schützen, zu entscheiden, was ich will und was ich nicht will und ein gesetztes Ziel zu erreichen. So ist das mit Gefühlen. Sie sind einfach DA. Und was DA ist, muss gesehen, akzeptiert und angenommen werden.

Das heißt nicht, dass es so bleiben muss oder soll. Aber JETZT ist es so.

 

Annehmen, was ist

Gemein wird es dann, wenn mein Bedürfnis JETZT so ist und das Bedürfnis meines Kindes genau ANDERS ist. Wer hat denn nun Recht?? Ist ein Bedürfnis falsch? Meins? Das meines Kindes??

Und hier ist es so schön, dass es darum nicht geht. Beide Seiten haben ihren Raum und ihren Platz und sind, so wie sie sind, in Ordnung.

Das Kind möchte noch auf dem Spielplatz bleiben und die Sie möchten nach Hause?

Sie müssen Ihr Kind nicht davon überzeugen, dass es doch nun wirklich lange genug auf dem Spielplatz war und dass morgen ja auch noch ein Tag ist und es jetzt doch Abendessen gibt und der Papa nach Hause kommt… in der Hoffnung, dass das Kind das einsieht. Ebenso wenig müssen Sie Ihrem Kind sagen: „Wenn ich sage, wir gehen jetzt, dann gehen wir jetzt!“

Sie können sich ihm zuwenden und seine Lage spiegeln: „Du würdest am liebsten noch hierbleiben, was? Du findest es so schön auf dem Spielplatz und gerade hast du gar keine Lust zu gehen. Und ich bin so müde jetzt und habe Hunger und freue mich so sehr darauf zu Hause Ruhe zu haben und möchte deshalb gerne aufbrechen. Was könnte denn hier die Lösung sein? Kannst du mir sagen, was du unbedingt noch tun möchtest, bevor wir aufbrechen?“ Natürlich kommen hier dann auch mal – vor allem mit fortgeschrittenem Alter – unerfüllbare Wünsche: „Ich möchte noch 1000 mal rutschen.“ Aber hier könnte man dann einfach ein ebenso ehrliches Feedback geben. „Puuh, 1000 ist mir einfach zu viel. Wäre zehn mal in Ordnung und ich zähle ganz laut mit?“

Wir sind einfach „wir selbst“ mit unseren Bedürfnissen und Gefühlen. Und sowohl das Kind als auch wir Großen sind genauso in Ordnung, wie wir sind. Mit dem was ist, dürfen wir dann arbeiten.

 

Mehr „sowohl als auch“ statt „entweder – oder“

Der amerikanische Familienbegleiter Scott Noelle nennt diese Vorgehensweise „to and“ – im Deutschen wäre das „unden“. Also: Gibt es eine Möglichkeit möglichst viel von meinem Bedürfnis UND von deinem zu erfüllen? Dazu gehört übrigens auch die Reflektion des Erwachsenen, worum es ihm eigentlich wirklich geht, ob er ein Bedürfnis zwar akzeptieren kann, aber auch loslassen kann oder dem Kind Kompetenz zusprechen kann, hier selbst zu entscheiden.

Mit dieser Vorgehensweise machen wir unseren Kindern ein riesiges Geschenk: In dem wir uns erlauben, wir selbst zu sein und uns auch so zeigen, mit unseren Gefühlen (auch den negativen, für die wir aber nicht dem Kind die Schuld geben), erfährt das Kind, WER WIR SIND. Gehen wir mit dem Kind genauso respektvoll um, wie mit uns selbst, dann erfährt das Kind, WER ES SELBST IST. Es sieht, wo die Grenze des Erwachsenen ist und seine eigene und behält sein Gespür für sich selbst. Dafür was es braucht, was es möchte, was ihm gut tut.

Und kann dann selbst „nah bei sich und nah bei jemand anderem sein“.

Frei nach dem Motto:

„Ich kann erst aus ganzem Herzen JA sagen, wenn ich auch die Freiheit habe, NEIN zu sagen.“

Natascha Makoschey

Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe.

Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.