Vertrauen

Zuallererst die ganz unbequeme Wahrheit:

WIR haben unseren Kindern den Schnuller angewöhnt. Kein Kind hat darum gebeten, lieber ein komisches Plastikteil mit einem Silikon- oder Latex-Vorsatz in den Mund gestopft zu bekommen, anstatt an Mamas Brust zu saugen und dabei ihre warme Haut zu fühlen und ihren ganz besonders tröstenden „Zu-Hause-Geruch“ zu riechen. Das meine ich nicht so vorwurfsvoll wie es vielleicht in manchen Ohren klingen mag. Und mir ist auch klar, dass nicht in jedem Fall eine bewusste Entscheidung der Eltern dahinter steckte, ihrem Baby einen Schnuller anzubieten. Irgendwie gehört dieser in Deutschland für einen Großteil der Menschen zum inneren Bild von einem Baby.

Und in die deutsche Nachkriegsgeschichte passt dieser ja auch durchaus rein.
Letzte Woche habe ich aus einem offenen Bücherschrank ein Säuglingspflegebuch von 1966 gefunden und natürlich direkt mitgenommen. Natürlich kannte ich die Empfehlungen bereits, die dort drin standen, aber es war dennoch spannend das alles im „Original-Ton“ mit all seinen damals aktuellen wissenschaftlichen Begründungen nachzulesen.

Im Buch heißt es:
„In den ersten 24 Stunden nach der Geburt wird das Kind noch nicht zum Stillen angelegt. Es hat aus dem Mutterleib genügend Reserven für den ersten Lebenstag. Außerdem ist die Mutterbrust am ersten Wochenbetttag noch sehr unergiebig. (…) Vom zweiten Lebenstag an wird das Kind in drei- bis vierstündigen Abständen täglich fünfmal gestillt, zum Beispiel um 6, 10, 14, 18 und 22 Uhr. Untergewichtige, schwache und zu früh geborene Säuglinge müssen gegebenenfalls häufiger angelegt werden, also etwa sechs- bis achtmal. (…) Manchen Säuglingen ist die achtstündige nächtliche Nahrungspause zu lang. In solchen Fällen darf man von der grundsätzlichen Regelmäßigkeit der Mahlzeiten abweichen. Man sollte aber jeweils nur so viel Nahrung geben, wie gerade ausreicht, um den Säugling zum Schlafen zu bringen, ihn also nachts nicht etwa restlos die Brust entleeren lassen. Bei Flaschenfütterung reicht meist gesüßter Tee an Stelle der etwas schwerer verdaulichen Milchmischungen aus. Die meisten Säuglinge haben sich nach sechs bis acht Wochen an die lange Nachtpause gewöhnt und schlafen durch, ob man sie nun mit einer zusätzlichen Nachtmahlzeit versorgt hat oder nicht. (…) Das Schreien beginnt meist vier Stunden nach der letzten Mahlzeit. (…) Die Gewöhnung ist leichter, wenn das Baby nachts in einem anderen Raum schläft als die Eltern. Bekannt ist, dass Eltern das Kind im Nebenzimmer viel eher schreien lassen.“

Also ehrlich, unter diesen Bedingungen würde ich keinen einzigen Tag ohne Schnuller aushalten! Nach heutigem Wissen trinken Säuglinge üblicherweise zwischen 8-12x pro Tag an der Brust. Und sie haben ausgeprägte Clusterfeeding-Phasen, in denen sie die Brust mehrfach hintereinander leeren möchten. Ehrlich gesagt, frage ich mich, wie überhaupt auch nur eine Frau mit 5x Stillen in den ersten Tagen eine vernünftige Milchmenge aufbauen konnte!

Zum Jahreswechsel fassen ja viele Menschen Vorsätze, was sie im neuen Jahr so alles verändern möchten. Sie möchten beispielsweise gesünder leben, mehr Sport machen, weniger trinken, sich ausgewogener ernähren. Oft wird sich weniger Stress gewünscht und mehr Zeit im Leben mit Dingen und Menschen zu verbringen, die einem gut tun. Menschen möchten sich weniger ärgern und mehr lieben. Gerade Eltern nehmen sich vor geduldiger zu sein und weniger zu schimpfen, wollen die kurze Zeit, in der ihre Kinder klein sind, wirklich auskosten.

Und dann finden sie sich wieder in täglichen Zerreiß-Proben mit ihren Kindern, die abends stundenlang nicht einschlafen oder die schlechte Esser sind. Kinder, die morgens niemals das Haus verlassen möchten, so dass es eine kaum zu bewältigende Herausforderung ist, pünktlich zum Kindergarten und danach zur Arbeit zu kommen. Kinder, die das Anziehen, Zähneputzen oder Windelwechseln verweigern.

Die Situationen verhärten sich und manches Mal wappnen sich die Eltern schon vorher innerlich gegen den Protest und machen sich auf einen Kampf gefasst. Die Redewendungen sind hier mit Bedacht gewählt, denn viele Eltern befinden sich genau da, wonach es klingt: Im Krieg.

Vielleicht wird sich mit Geduld bewaffnet; oder aber mit Kreativität. Vielleicht wird aber auch Konsequenz und Durchsetzungsvermögen befohlen. Was auch immer die Waffe der Wahl ist, eines ist allen gleich:

Die Erwartung eines Konfliktes

Und die Erwartung dessen, wie es eigentlich sein sollte. Was das Kind schon können, essen, verstehen sollte. Weil andere Kinder das tun. Weil irgendein Buch oder eine Homepage behauptet, dass das „normal“ ist. Weil die elterlichen Ressourcen erschöpft sind. Weil Körperpflege doch wichtig ist. Oder das Kind doch langsam etwas anderes braucht als Muttermilch. Und irgend etwas später ja auch nicht mehr gehen wird.

Die Ergebnisse dieser Kriege sind Freudlosigkeit und Stress. Manches Mal beherrscht ein bestimmtes Thema große Teile des Alltags mit dem Kind, als ob sich der entstandene Druck sternenförmig ausbreiten würde und somit immer mehr Raum einnimmt. Häufig haben die Eltern ihre „Negativ-Brillen“ an: Sie sehen, was das Kind nicht kann, oder kann, aber partout nicht macht oder wo es nicht kooperiert. Die vielen positiven Dinge können unter Umständen nur noch mit Mühe wahrgenommen werden.

Deshalb ist meine Neujahrsbotschaft an alle Eltern, die sich in solch festgefahrenen Situationen befinden:

Lasst los!

Für meine artgerecht-Prüfung habe ich mich im letzten Beitrag dem frühen Durchschlafen von Säuglingen gewidmet. Über diesen Artikel wurde in einigen Gruppen rege diskutiert und ich darf nun meine Kompetenzen ausweiten, mit Gegenwind umzugehen. 😉

Da ich mich ja themenmäßig an dem Buch „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“ entlang hangele und dieses Buch per se nicht bedürfnisorientiert ist, ist der Sprengstoff quasi schon im Paket mit inbegriffen. Und da meine Aufgabe nicht ist, einfach alles scheiße zu finden, was die Autorin Pamela Druckerman so von sich gibt, sondern mich damit AUSEINANDER zu setzen, werde ich das auch weiterhin tun.

Allerdings möchte ich noch einmal klarstellen, dass es sich hier um MEINE Gedanken handelt und nicht um allgemeingültige Wahrheiten. Denn die gibt es meiner Ansicht nach sowieso nicht.

 

Die Haltung ist entscheidend (und von außen oft nicht erkennbar)

Medienkonsum versus Medienkompetenz

Um es vorab zu sagen: Dieser Artikel gibt meine Meinung und meine persönlichen Erfahrungen mit diesem Thema wieder. Er deckt sich nicht mit den gängigen Lehrmeinungen. Und somit ist er auch keine Empfehlung, sondern lediglich ein kritischer Beitrag der eventuell dabei hilft seine eigene Wahrheit zu finden.

Der Umgang mit Medien scheint für viele Eltern angstbesetzt zu sein. Jetzt passiert ja jede Form von geplanter Erziehung aus der Motivation der Angst und ist somit vertraute Haltung – uns selbst und unseren Kindern gegenüber.

Bei Attachment Parenting spielen jedoch Vertrauen in uns und unser Kind eine zentrale Rolle. Zutrauen darin, dass unsere Kinder ihre eigene Wahrheit finden werden, ihre eigenen Maßstäbe. In dem sie unsere elterlichen Maßstäbe kennen lernen, von unseren Gefühlen oder Meinungen zu bestimmten Dingen erfahren und einen Rahmen erfahren, sich selbst auszuprobieren und herauszufinden, welchen Weg sie selbst einschlagen möchten.

Von daher habe ich früh gemerkt, dass der von Experten vorgeschlagene Weg für mich in der Beziehung mit meinem Sohn und für das, was ich mir für ihn wünsche, nicht hilfreich ist.

Die vorherrschende Meinung von Experten ist ja, dass PC und Fernsehen Zeit rauben, die unsere Kinder sinnvollerweise für etwas anderes verwenden könnten.

 

Alles „raubt“ Zeit.

Fairerweise muss man aber natürlich sagen, dass dies für jede Beschäftigung der Welt gilt.

Wow, ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dass der gestrige Beitrag von mir der bisher meist Gelesene und Geteilte werden würde. Ich schwanke gefühlsmäßig zwischen Freude und Trauer, weil das heißt, dass ich einen Nerv getroffen habe und vielen anderen auch nicht in dieser Prägnanz klar war, wie Bindung bei Kleinkindern entsteht.

Natürlich kennen viele Eltern den Vorwurf an Mütter, die „nicht loslassen“ können und es damit dem Kind schwer machen, aber dieser ist meist an die Forderung gekoppelt, das Kind weinend zurückzulassen und die Erzieher ihre Arbeit machen zu lassen.

Eine Leserin reagierte irritiert auf den massiven Beifall, den mein Artikel erhielt, weil dies doch selbstverständlich sein sollte. Die vielen Reaktionen zeigen mir jedoch, dass es das nach wie vor nicht ist.

Eine andere Leserin verstand mich so, als ob das artgerecht-Projekt Fremdbetreuung im Kindergarten befürworte – auch bei Kindern unter 3 Jahren. Sie fragte, ob das zu verantworten sei, mit dem hohen Krankheitsstand, der Personalfluktuation und der Tatsache, dass die Kinder ja eh nur eine begrenzte Zeit im Kindergarten bleiben, bevor sie in die Schule wechseln. Jemand, den man in den Clan aufgenommen habe, würde man ja nicht von einem auf den anderen Tag aus diesem verstoßen.

Eigentlich wollte ich mir ja heute einen Tag Pause gönnen, aber hierzu möchte ich doch Stellung beziehen.

Heute war der erste von sechs Ausbildungstagen zum artgerecht-Coach.

Ich bin gerade, um sieben Uhr abends, nach Hause gekommen und ganz extrem voll mit Eindrücken.

Wir beschäftigen uns in dieser Ausbildung mit der Frage, wie wir Menschen artgerecht leben. Was wir brauchen, damit es uns gut geht. Wie unsere Spezies erdacht und unsere Körper gemacht sind. Wofür sind bestimmte Mechanismen, die wir alle vielleicht schon beobachtet haben, da – welche sinnvolle Funktion haben sie? Und was stört den Ablauf von instinktiven Reaktionen? Hierbei werden ganz unterschiedliche Themenkomplexe angesprochen.

Heute ging es vorherrschend um das Thema „Babys tragen“ und „Geburt“. Carmen Rotterdam-Cluxen von der Trageschule Dresden war bei uns und obwohl ich den Grundkurs bei der Trageschule Hamburg absolviert habe, habe ich für mich wieder viel Nützliches und einiges Neues mitgenommen. Eine der prägnantesten Informationen für mich war, wie kurz in der Menschheitsgeschichte es erst Kinderwägen gibt. Zwar wurden Babys natürlich auch vorher irgendwie transportiert (in Schubkarren, auf Lasttieren oder zumeist in Tüchern oder Körben), aber die erste Fabrik für Kinderwägen gab es erst 1840. Eine britische (?) Adelsfrau ließ sich mangels Alternativen einen Kinderwagen von einem Sargbauer bauen – quasi einen Sarg auf Rädern. Ein wirklich eindrückliches Bild.
Damit möchte ich den Kinderwagen nicht verteufeln, aber seine heutzutage gelebte Normalität und Unausweichlichkeit in Frage stellen.

Gibt es absichtliche Wutanfälle und – wenn ja – wie geht man mit diesen um?

Kürzlich habe ich das Buch „Achtsame Kommunikation mit Kindern: Zwölf revolutionäre Strategien auf der Hirnforschung für die gesunde Entwicklung Ihres Kindes“ von Daniel Siegel und Tina Bryson gelesen.

In diesem Buch wird eindrücklich beschrieben, dass Kinder noch gar nicht in der Lage sind ihre Reaktionen zu steuern, weil der Teil des Gehirns, der für Logik, Gefühlsregulation, Vernunft usw. gebraucht wird, noch gar nicht fertig gebaut ist.


Das Gehirn als Haus – „Achtung, Baustelle!“

Die Autoren vergleichen das Gehirn mit einem Haus, in das man einzieht, obwohl nur Keller und Erdgeschoss (beispielsweise Reflexe, starke Gefühle wie Wut, Trauer, Freude, Angst) fertig sind. Die oberen Etagen werden erst im Laufe der Zeit errichtet.

Bis alles fertig ist dauert es übrigens. Erst wenn ein Mensch 20-25 Jahre alt ist, ist der Bau abgeschlossen. Wir können ja mal Wetten darauf abschließen, ob der Bau des Berliner Flughafens letzten Endes kürzer oder länger dauern wird. 😉

Deswegen ist es völlig unsinnig von einem Kleinkind logische Reaktionen zu erwarten. Und die Strategie „Ignorieren“ ist auf die lange Sicht des Lebens sogar noch unsinniger, weil dies dafür sorgen wird, dass der Mensch sein Leben lang von starken Gefühlen überschwemmt wird. Diese können nämlich nie „in die obere Etage“ integriert werden.

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade, ins Leben gerufen von den wunderbaren Bloggern von: https://diephysikvonbeziehungen.wordpress.com/
Dort gibt es noch bis Mitte September viele weitere Artikel zum Thema Schule.
Vielen Dank, dass ich daran teilnehmen darf!


Der tägliche Kampf

Jetzt geht es wieder los:

Das fremdbestimmte Leben, wo morgens der Wecker klingelt. Wo ich mein Kind nur noch müde und schlecht gelaunt erlebe, weil es sowohl morgens um halb sieben noch nicht ansprechbar ist und auch nachmittags um 16 Uhr nicht mehr wirklich viel Energie hat. Wo wir uns über Hausaufgaben streiten müssen und ich mit meinen widerstreitenden Gefühlen kämpfen muss.

Das eine, das meinen Sohn frei aufwachsen lassen will und ihm vertrauen möchte. Das andere, das Sorge hat, dass er nicht mitkommt. Das die Drohungen der Lehrer hört und Angst hat, dass mein Sohn mir irgendwann vorwirft, ihn nicht mehr zum Lernen angehalten zu haben.

Aber von vorn:

Schon früh war mir klar, dass ich meinen Sohn sowohl um seinet- als auch um meinetwillen nicht in eine Regelschule geben kann, weil wir beide daran kaputt gehen. Ich selbst habe bereits als Jugendliche gegen die Ungerechtigkeit, das Hierarchiedenken und die Willkür des Schulsystems im Allgemeinen und gegen die einzelner Lehrpersonen im Besonderen rebelliert. Auch hatte ich mich bereits zu Kindergartenzeiten meines Sohnes darüber aufgeregt, wie respektlos oft auch die Eltern behandelt werden und wie sehr sie dazu genötigt werden, sich dem System anzupassen anstatt sich (soweit es möglich ist) den einzelnen Kindern und ihren Bedürfnissen anzupassen.
Ich wollte dieses Gefühl des Ausgeliefertseins und der Unmündigkeit nicht weiter erleben.