Schuld

Mit unserer eigenen Wut umgehen

Letzte Woche habe ich Ihnen ein paar Werkzeuge für Ihren Werkzeugkoffer vorgestellt, wie Sie der Wut Ihres Kindes begegnen können.

Aber was ist eigentlich mit UNSERER Wut?
Ganz ehrlich: Ich kann ja Bücher lesen und Texte schreiben so viel, wie ich will — an manchen Tagen herrscht in meinem Werkzeugkoffer eine unfassbare Unordnung und ich finde nicht, was ich brauche und an anderen – ist der ganze Koffer plötzlich spurlos verschwunden!

Übrig bleiben – um in der Metapher zu bleiben – immer nur zwei Dinge: Der erzieherische Schraubstock und die Brechstange. Das Ergebnis ist häufig ein paar Dezibel zu laut und beinhaltet eine Anhäufung von „Wenn-Dann“-Sätzen. Hinterher geht es sowohl mir als auch meinem Kind schlecht. Gleichzeitig mit der Scham pocht noch die Wut in meinen Adern und mein Kind fühlt sich gedemütigt, fremdbestimmt und – im Endeffekt – ungeliebt.

Kürzlich las ich in einer Eltern-Zeitschrift einen Artikel zum Thema „Benehmen 2015“. Hier wurde aufgelistet, was Kinder in welchem Alter lernen können (sollen?). Zwischen drei und fünf Jahren sollen Kinder wissen (und anwenden?), dass man sich begrüßt und verabschiedet, „bitte“ und „danke“ sagt, mit Besteck isst, sich entschuldigt und mancherlei mehr. Zu Beginn des Schulalters kann es einem Kind bereits zugetraut (zugemutet?) werden, eine Stunde mit den Erwachsenen am Tisch zu sitzen, Erwachsene zu siezen, mit Messer und Gabel zu essen und ähnliches.

Wenn ich mich in diesem Artikel dagegen positioniere, dies meinem Kind aktiv beizubringen, heißt das natürlich nicht, dass ich etwas dagegen hätte, wenn mein Sohn ein freundliches und zugewandtes Kind ist, das man z.B. auch mal mit in ein Restaurant nehmen könnte.

Allerdings geht mir das Belehren, das ich allerorts wahrnehme, gehörig auf den Senkel. „Wie heißt das Zauberwort?“ „Hast du auch danke gesagt?“ „Sagst du noch ‚Auf Wiedersehen‘?“ „Jetzt entschuldigst du dich aber!“