artgerecht

Wie einige sich vielleicht noch erinnern, habe ich in letztem Jahr eine Ausbildung zum artgerecht-Coach gemacht. (Wen das interessiert: Hier könnt ihr noch einmal von meinen verschiedenen Eindrücken lesen.)

Nun steht die Prüfung an, in der ich sehr viel schreiben und vor allem DENKEN muss. Ich habe mich entschieden Euch aus ressourcenschonenden Gründen blogtechnisch auf diese Reise mitzunehmen.

Die Aufgabe an die ich mich als Erstes wagen möchte, ist das Lesen eines Buches, das Gegenthesen vertritt und zu diesem quasi eine Gegendarstellung zu erstellen. Vorgeschlagen waren hier zum Beispiel Bernhard Buebs „Lob der Disziplin“, natürlich Anette Kast-Zahns „Jedes Kind kann schlafen lernen“ oder Amy Chuas „Die Tigermutter“.

Zu allererst einmal erfreulich, dass diese Bücher alle nicht in „meiner“ Stadtteilbibliothek zu finden waren. Stattdessen unfassbar viele Bücher von Jesper Juul, Herbert Renz-Polster, Katia Saalfrank und so weiter. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Sehr prominent war „Schlaf gut, Baby“ ausgestellt. „Jedes Kind kann schlafen lernen“ fand ich völlig falsch eingeräumt bei den Büchern zum Thema Pubertät und habe es dort einfach mal gelassen. 😉

Entschieden habe ich mich dann für das Buch der amerikanischen Autorin Pamela Druckerman „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“. Da hat mich schon der Titel geärgert. Ist immer eine gute Voraussetzung um auch die Energie aufzubringen, das Buch zu lesen und auseinander zu pflücken.

Zu meiner großen Überraschung finde ich das Buch aber bisher sogar amüsant und es stößt mich auf einige interessante Denkanstöße, die ich nicht erwartet hatte. Auch wenn ich an vielen Stellen zu völlig anderen Schlussfolgerungen komme und das Buch mitsamt seinen Ratschlägen niemals empfehlen würde.

Nun ist der Aufbaukurs vorbei. Unfassbar, wie schnell drei Tage vergehen können und wie schnell es sich völlig normal anfühlte jeden Morgen dort hin zu fahren.

Ich bin ganz beseelt von der warmherzigen Atmosphäre dort. Alle hörten einander zu – selbst ich alte Schnabbeltante bin anderen nicht dauernd ins Wort gefallen. Jeder Mutter und jeder Sichtweise wurde großen Respekt entgegen gebracht. Das war absoluter Balsam für die Seele.
Aber dies ist natürlich Nicola Schmidts und Liane Emmersbergers Vorbild, ihrer guten Vorbereitung, ihrer Liebe und ihrem Einfühlungsvermögen zu verdanken. Ich habe viel beobachten dürfen, was mich für meine eigenen Kurse inspiriert hat.


Kinästhetik – Wie man Säuglinge (und sich selbst) achtsam bewegt und ihre Umgebung bedürfnisorientiert gestaltet

Ein großer Themenkomplex des Kurses war das sogenannte Kinaesthetic Infant Handling.  Liane Emmersberger ist Trainerin bei der Deutschen Gesellschaft für Kinästhetik und Kommukuation e.V. und hat uns an ihrem umfangreichen Wissen teilhaben lassen.
Bei Kinästhetik  handelt es sich um achtsame Berührung und Bewegung. Sie wird insbesondere in der Pflege von Früh- und Neugeborenen und Menschen mit körperlichen oder motorischen Einschränkungen angewendet. Es wäre aber durchaus wünschenswert, wenn einige Grundlagen auch den Eltern Zuhause bekannt wären.
So kann man ganz alltägliche Aktivitäten wie beispielsweise Wickeln so gestalten, dass das Kind sich viel wohler fühlt, aktiv mit einbezogen wird und durch Nutzung von Bewegungsmustern, die das Säuglingsgehirn nachvollziehen kann und die seinen motorischen Entwicklungschritten entsprechen, die Beweglichkeit aktiv fördern. Ebenfalls ist es ein großes Anliegen die Umgebung den Bedürfnissen der Kinder entsprechend zu gestalten und die Bemühungen der Kinder sitzen, krabbeln und stehen zu lernen, auf eine hilfreiche Art zu unterstützen. Leider sind hierzulande viele Bewegungsspiele beliebt, die ungute Muster im Kind fördern – wie zum Beispiel, dass das Kind sich an den Armen der Eltern zum Sitzen hochzieht. Dies könnte man – vorausgesetzt, es würde einem gezeigt werden, wie es geht – in einer anderen Weise viel förderlicher für das Kind unterstützen.
Die Achtsamkeit für die Bewegungsimpulse des Kindes, die volle Hinwendung zum Kind, Begrüßung über bzw. Begrenzung an den Füßen und ein Hochheben und Tragen, das für den Säugling angenehm ist… all das sind Dinge mit denen sich Kinaesthetics Infant Handling beschäftigt.

Wow, ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dass der gestrige Beitrag von mir der bisher meist Gelesene und Geteilte werden würde. Ich schwanke gefühlsmäßig zwischen Freude und Trauer, weil das heißt, dass ich einen Nerv getroffen habe und vielen anderen auch nicht in dieser Prägnanz klar war, wie Bindung bei Kleinkindern entsteht.

Natürlich kennen viele Eltern den Vorwurf an Mütter, die „nicht loslassen“ können und es damit dem Kind schwer machen, aber dieser ist meist an die Forderung gekoppelt, das Kind weinend zurückzulassen und die Erzieher ihre Arbeit machen zu lassen.

Eine Leserin reagierte irritiert auf den massiven Beifall, den mein Artikel erhielt, weil dies doch selbstverständlich sein sollte. Die vielen Reaktionen zeigen mir jedoch, dass es das nach wie vor nicht ist.

Eine andere Leserin verstand mich so, als ob das artgerecht-Projekt Fremdbetreuung im Kindergarten befürworte – auch bei Kindern unter 3 Jahren. Sie fragte, ob das zu verantworten sei, mit dem hohen Krankheitsstand, der Personalfluktuation und der Tatsache, dass die Kinder ja eh nur eine begrenzte Zeit im Kindergarten bleiben, bevor sie in die Schule wechseln. Jemand, den man in den Clan aufgenommen habe, würde man ja nicht von einem auf den anderen Tag aus diesem verstoßen.

Eigentlich wollte ich mir ja heute einen Tag Pause gönnen, aber hierzu möchte ich doch Stellung beziehen.

21:24 Uhr.

Ich bin gerade nach Hause gekommen, da ich (kinderfrei und völlig ohne Verpflichtungen – yeah!) noch mit einigen Frauen vom Kurs Essen gegangen bin.

Deshalb wird der Rückblick heute nur sehr kurz.

Heute ging es um drei Themenbereiche:

Oben rein = Stillen

Unten raus = Windelfrei bzw. Ausscheidungskommunikation

Schlafen

Heute war der erste von sechs Ausbildungstagen zum artgerecht-Coach.

Ich bin gerade, um sieben Uhr abends, nach Hause gekommen und ganz extrem voll mit Eindrücken.

Wir beschäftigen uns in dieser Ausbildung mit der Frage, wie wir Menschen artgerecht leben. Was wir brauchen, damit es uns gut geht. Wie unsere Spezies erdacht und unsere Körper gemacht sind. Wofür sind bestimmte Mechanismen, die wir alle vielleicht schon beobachtet haben, da – welche sinnvolle Funktion haben sie? Und was stört den Ablauf von instinktiven Reaktionen? Hierbei werden ganz unterschiedliche Themenkomplexe angesprochen.

Heute ging es vorherrschend um das Thema „Babys tragen“ und „Geburt“. Carmen Rotterdam-Cluxen von der Trageschule Dresden war bei uns und obwohl ich den Grundkurs bei der Trageschule Hamburg absolviert habe, habe ich für mich wieder viel Nützliches und einiges Neues mitgenommen. Eine der prägnantesten Informationen für mich war, wie kurz in der Menschheitsgeschichte es erst Kinderwägen gibt. Zwar wurden Babys natürlich auch vorher irgendwie transportiert (in Schubkarren, auf Lasttieren oder zumeist in Tüchern oder Körben), aber die erste Fabrik für Kinderwägen gab es erst 1840. Eine britische (?) Adelsfrau ließ sich mangels Alternativen einen Kinderwagen von einem Sargbauer bauen – quasi einen Sarg auf Rädern. Ein wirklich eindrückliches Bild.
Damit möchte ich den Kinderwagen nicht verteufeln, aber seine heutzutage gelebte Normalität und Unausweichlichkeit in Frage stellen.