Angst

Als ich letzte Woche darüber schrieb, wie ich zum Thema Medien stehe, erhielt ich viele positive, einige nachdenkliche und nur wenige kritische Rückmeldungen. Viele Eltern befassen sich mit dem Thema – die meisten vermutlich wie ich zwangsweise, weil das mit der Regulation der Kinder nicht so einfach ist, wie man sich das mal vorgestellt hat, bevor man Kinder hatte.
Wie ja so ziemlich alles.
Viele suchen nach ihrem Weg… auf einige passt der Begriff „ringen“ vielleicht sogar besser. Und eine Mutter bat mich, doch einmal zu schreiben, wie ich das „geschafft“ hätte, meinem Kind so zu vertrauen.

Ja, und da kaue ich jetzt seit dem drauf herum.

 

HABE ich es geschafft? Habe ICH es geschafft? Habe ich es GESCHAFFT?

Jedes Mal, wenn eine Mutter diesen Satz über ihr tobendes Kind sagt und dies als Grund nennt, warum sie sich ihm nicht zuwendet, möchte ich gerne laut rufen:

Was heißt denn hier, nur???!“

Gestatten, ich heiße Natascha, bin 33 Jahre alt und bin süchtig nach Aufmerksamkeit.

Ganz ehrlich. Ich könnte jetzt versuchen, das schönzureden, aber so ist es.

Bekomme ich keine Aufmerksamkeit, mache ich ganz komische Sachen. Also gut, manchmal kann ich mich davon abhalten, weil mein Verstand mich daran hindert. Manchmal poste ich aber seltsame Sachen auf meiner Facebook-Seite oder mache extra Sachen, von denen ich weiß, dass ich damit Beachtung finde. Schreibe zum Beispiel einen sehr persönlichen Artikel für meine Homepage.

Ups. Erwischt.

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade, ins Leben gerufen von den wunderbaren Bloggern von: https://diephysikvonbeziehungen.wordpress.com/
Dort gibt es noch bis Mitte September viele weitere Artikel zum Thema Schule.
Vielen Dank, dass ich daran teilnehmen darf!


Der tägliche Kampf

Jetzt geht es wieder los:

Das fremdbestimmte Leben, wo morgens der Wecker klingelt. Wo ich mein Kind nur noch müde und schlecht gelaunt erlebe, weil es sowohl morgens um halb sieben noch nicht ansprechbar ist und auch nachmittags um 16 Uhr nicht mehr wirklich viel Energie hat. Wo wir uns über Hausaufgaben streiten müssen und ich mit meinen widerstreitenden Gefühlen kämpfen muss.

Das eine, das meinen Sohn frei aufwachsen lassen will und ihm vertrauen möchte. Das andere, das Sorge hat, dass er nicht mitkommt. Das die Drohungen der Lehrer hört und Angst hat, dass mein Sohn mir irgendwann vorwirft, ihn nicht mehr zum Lernen angehalten zu haben.

Aber von vorn:

Schon früh war mir klar, dass ich meinen Sohn sowohl um seinet- als auch um meinetwillen nicht in eine Regelschule geben kann, weil wir beide daran kaputt gehen. Ich selbst habe bereits als Jugendliche gegen die Ungerechtigkeit, das Hierarchiedenken und die Willkür des Schulsystems im Allgemeinen und gegen die einzelner Lehrpersonen im Besonderen rebelliert. Auch hatte ich mich bereits zu Kindergartenzeiten meines Sohnes darüber aufgeregt, wie respektlos oft auch die Eltern behandelt werden und wie sehr sie dazu genötigt werden, sich dem System anzupassen anstatt sich (soweit es möglich ist) den einzelnen Kindern und ihren Bedürfnissen anzupassen.
Ich wollte dieses Gefühl des Ausgeliefertseins und der Unmündigkeit nicht weiter erleben.

Kürzlich las ich in einer Eltern-Zeitschrift einen Artikel zum Thema „Benehmen 2015“. Hier wurde aufgelistet, was Kinder in welchem Alter lernen können (sollen?). Zwischen drei und fünf Jahren sollen Kinder wissen (und anwenden?), dass man sich begrüßt und verabschiedet, „bitte“ und „danke“ sagt, mit Besteck isst, sich entschuldigt und mancherlei mehr. Zu Beginn des Schulalters kann es einem Kind bereits zugetraut (zugemutet?) werden, eine Stunde mit den Erwachsenen am Tisch zu sitzen, Erwachsene zu siezen, mit Messer und Gabel zu essen und ähnliches.

Wenn ich mich in diesem Artikel dagegen positioniere, dies meinem Kind aktiv beizubringen, heißt das natürlich nicht, dass ich etwas dagegen hätte, wenn mein Sohn ein freundliches und zugewandtes Kind ist, das man z.B. auch mal mit in ein Restaurant nehmen könnte.

Allerdings geht mir das Belehren, das ich allerorts wahrnehme, gehörig auf den Senkel. „Wie heißt das Zauberwort?“ „Hast du auch danke gesagt?“ „Sagst du noch ‚Auf Wiedersehen‘?“ „Jetzt entschuldigst du dich aber!“

Kürzlich erzählte mir eine Freundin, dass sie ihren 3,5-jährigen Sohn nicht mit dem Buggy in den Kindergarten bringen darf. Die Erzieher hätten ihr das verboten. Das Kind könne schließlich selbst laufen und dies dürfe sie ihm nicht abnehmen.

Ich weiß gar nicht, worüber ich entsetzter bin: Über den massiven Eingriff in die Würde der Mutter und ihr Recht, ihre Erziehung nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten oder die totale Pauschalisierung, die völlig an den Wünschen, Bedürfnissen von Mutter (oder Vater) UND Kind vorbei geht.

Ich habe in den nächsten Stunden über diesen Satz „Das kannst du alleine“ nachgedacht.Was ist das eigentlich für eine Aussage?

Fast alle Dinge, um die ich andere Menschen bitte, kann ich alleine.

Dementsprechend dürfte ich niemals um etwas bitten. Ich bitte aber meinen Partner (UND mein Kind) mir etwas anzureichen oder gar zu bringen, weil ich z.B. mit etwas anderem beschäftigt bin oder – ganz ehrlich – auch einfach mal zu faul bin, aufzustehen.

Ich gehe davon aus, dass mein Partner keinerlei Befürchtungen hat, dass ich eine bestimmte Tätigkeit (wie Tisch decken oder die Spülmaschine ausräumen) verlernen könnte, wenn ich sie mal einmal nicht ausübe.

Woher kommt diese Sorge also bei unseren Kindern?