Nun ist der Aufbaukurs vorbei. Unfassbar, wie schnell drei Tage vergehen können und wie schnell es sich völlig normal anfühlte jeden Morgen dort hin zu fahren.

Ich bin ganz beseelt von der warmherzigen Atmosphäre dort. Alle hörten einander zu – selbst ich alte Schnabbeltante bin anderen nicht dauernd ins Wort gefallen. Jeder Mutter und jeder Sichtweise wurde großen Respekt entgegen gebracht. Das war absoluter Balsam für die Seele.
Aber dies ist natürlich Nicola Schmidts und Liane Emmersbergers Vorbild, ihrer guten Vorbereitung, ihrer Liebe und ihrem Einfühlungsvermögen zu verdanken. Ich habe viel beobachten dürfen, was mich für meine eigenen Kurse inspiriert hat.


Kinästhetik – Wie man Säuglinge (und sich selbst) achtsam bewegt und ihre Umgebung bedürfnisorientiert gestaltet

Ein großer Themenkomplex des Kurses war das sogenannte Kinaesthetic Infant Handling.  Liane Emmersberger ist Trainerin bei der Deutschen Gesellschaft für Kinästhetik und Kommukuation e.V. und hat uns an ihrem umfangreichen Wissen teilhaben lassen.
Bei Kinästhetik  handelt es sich um achtsame Berührung und Bewegung. Sie wird insbesondere in der Pflege von Früh- und Neugeborenen und Menschen mit körperlichen oder motorischen Einschränkungen angewendet. Es wäre aber durchaus wünschenswert, wenn einige Grundlagen auch den Eltern Zuhause bekannt wären.
So kann man ganz alltägliche Aktivitäten wie beispielsweise Wickeln so gestalten, dass das Kind sich viel wohler fühlt, aktiv mit einbezogen wird und durch Nutzung von Bewegungsmustern, die das Säuglingsgehirn nachvollziehen kann und die seinen motorischen Entwicklungschritten entsprechen, die Beweglichkeit aktiv fördern. Ebenfalls ist es ein großes Anliegen die Umgebung den Bedürfnissen der Kinder entsprechend zu gestalten und die Bemühungen der Kinder sitzen, krabbeln und stehen zu lernen, auf eine hilfreiche Art zu unterstützen. Leider sind hierzulande viele Bewegungsspiele beliebt, die ungute Muster im Kind fördern – wie zum Beispiel, dass das Kind sich an den Armen der Eltern zum Sitzen hochzieht. Dies könnte man – vorausgesetzt, es würde einem gezeigt werden, wie es geht – in einer anderen Weise viel förderlicher für das Kind unterstützen.
Die Achtsamkeit für die Bewegungsimpulse des Kindes, die volle Hinwendung zum Kind, Begrüßung über bzw. Begrenzung an den Füßen und ein Hochheben und Tragen, das für den Säugling angenehm ist… all das sind Dinge mit denen sich Kinaesthetics Infant Handling beschäftigt.


Der Unterschied ist oft schon beim ersten Versuch erfahrbar

Ich habe das große Glück, dass ich schon vor 15 Jahren in der Ausbildung zur Kinderkrankenschwester mit Kinästhetik in Berührung kam und dass mir das mit 18 Jahren auch schon wichtig genug erschien, dass ich manches davon bis heute weiter genutzt und vielen Eltern beigebracht habe. Allerdings hatte ich nur noch meine praktischen Erfahrungen als Grundlage (zum Beispiel kann ich sicher sagen, dass die Neugeborenen deutlich weniger beim Wickeln und Anziehen schreien, als wenn man sie auf „herkömmliche Weise“ wickelt) – der theoretische Unterbau und vor allem auch das Erfahren am eigenen Körper, wie sich der Unterschied bemerkbar macht, fehlten mir allerdings.
Von der Rückenlage in die Seitenlage gebracht zu werden – einmal so, wie man es eben macht und dann mit der Technik der Kinästhetik, war eine enorme Erfahrung. Das Interessante ist, dass es den Bewegenden fast gar keine Kraft mehr kostet, selbst eine erwachsene Person zu bewegen. Die bewegte Person hilft unbewusst mit, wenn die richtigen Zonen an ihrem Körper an gesprochen werden. Nicht zu vergessen, wie viel angenehmer diese Art der Bewegung für denjenigen ist, der sich bewegen lassen muss!!!

Aber natürlich ist hier die Voraussetzung, dass man den Körper und seine natürlichen Bewegungsabläufe sehr gut kennt und das war in einigen Stunden einfach nicht zu lernen. Es wird hierzu eine eigene Zusatzqualifikation für artgerecht-Coaches geben.

Für alle, denen das von mir Geschriebene absolut unverständlich klingt, habe ich beim Schweizer Krankenhaus in Muri kurze, bebilderte Anleitungen für das Wickeln, Tragen und Aufnehmen von Säuglingen nach kinästhetischen Gesichtspunkten gefunden.

http://www.spital-muri.ch/xml_1/internet/de/application/d2/d10/d169/f397.cfm

Auch gibt es hier eine gut zu lesende Facharbeit zum Thema Kinaesthetics Infant Handling in der Neonatologie zum Download:

www.salk.at/DMS/2-20090120-14294579.pdf


Babygebärden – ein weiterer Weg achtsam mit Babys und Kleinkindern zu kommunizieren

Ein anderes Thema waren „Babygebärden“, „Babysignale“, „Zwergensprache“. Verschiedene Namen, da sich hier in Deutschland verschiedene Organisationen zu diesem Thema gebildet haben.
Dafür hat uns Claudia Spelz von der „Zwergensprache“ besucht, die Gebietsleiterin für Nordrhein-Westfalen ist (weitere Infos hier).

Mit Zwergensprache ist die Kommunikation mit Babys mit Sprache und zusätzlichen Gebärden gemeint. Bei gesunden Babys von gehörlosen Eltern, mit denen natürlich konsequent in Gebärdensprache kommuniziert wurde, wurde beobachtet, dass diese teils schon vor dem ersten Geburtstag 3-Wort-Sätze gebärden konnten – also sich zu einer Zeit mitteilen konnten, in der bei lautsprachlicher Kommunikation noch lange nicht daran zu denken ist. So kam man auf die Idee wichtige Wörter wie beispielsweise „Milch“ „mehr/nochmal“, „warte“, „Licht an/aus“, „Musik“ etc. mit Gebärden zu unterstreichen. Für die Kinder hat dies zum einen den Effekt, dass sie durch die Gebärden aus dem Gebrabbel der Eltern leichter einzelne Wörter wiedererkennen können und zum anderen sich – wenn sie möchten – selbst durch die Gebärden verständlich machen können. Es ist erstaunlich, wie selbst kleine Babys schon eine klare Antwort „formulieren“, wenn man sie vor dem Aufnehmen mit einer Geste und Worten fragt, ob sie auf den Arm möchten. Schnell nimmt man hier freudige Erwartung wahr und später ausgestreckte Arme oder aufgeregte Geräusche. Wiebke Gericke berichtet in ihrem Buch „babySignal“ von einem 9 Monate altem Kind, das in einem Kaufhaus das Zeichen für Musik gebärdete und ganz zufrieden strahlte. Ich mag den Gedanken sehr, dass man auch in diesem Alter schon von seinem Baby Informationen darüber erhalten kann, wie es ihm geht, was es interessiert und wahrnimmt.


Babygebärden sind ein Angebot an das Baby

Obwohl ich es eben schon im Nebensatz habe anklingen lassen: Es geht nicht darum, die Babys irgendwie dazu zu kriegen, in Gebärdensprache zu kommunizieren, also irgendeine Form von Zwang. Es geht darum, achtsam mit ihnen zu sprechen und ihnen eine Möglichkeit zu geben, sich verständlich zu machen, wenn sie das wollen. Ob die Babys die Gebärden nutzen oder nicht: Es ließ sich nachweisen, dass der aktive und passive Wortschatz bei größeren Kleinkindern sehr hoch war im Vergleich zu Kindern, die „nur“ durch Hören Sprechen gelernt haben. Es ist aber nur ein Angebot und unter Umständen gebärden die Eltern sehr lange alleine (je früher sie anfangen vor allem). Dies jedoch als Argument zu nehmen, diese Idee abzulehnen, kommt mir seltsam vor, denn wir reden ja auch ziemlich lange mit unseren Kindern, ohne ein gesprochenes Wort zurück zu bekommen.

Ich halte Babygebärden nicht für „notwendig“, aber ich mag die Idee dahinter sehr gerne und freue mich darauf, etwas davon weitererzählen zu können.

Und das mit den geldzehrenden Kursen wird wohl die nächsten Jahre nicht aufhören *seufz*, denn natürlich bin ich bei beiden Themenbereichen jetzt schon wieder total angefixt und möchte unbedingt mehr lernen!


Der Burn-Out von Müttern

Neben den Themen „Abstillen“, „Schlafprobleme“, „Windelfrei in besonderen Situationen“ und „Säuglingstemperamente“ hatte dann der „Mütter-Burn Out“ noch einen großen Raum.

Ich fand es erschreckend, wie viele Mütter, die man so beobachten kann, in akuter BurnOut-Gefahr sind, weil die Vereinbarkeit von Kind, Partnerschaft, Beruf und Haushalt, oft ohne Hilfe und Netzwerk, einfach nicht oder nur zu einem unfassbar hohen Preis möglich ist. Ich denke, ich bin monatelang absolut auf dem Zahnfleisch gegangen und war – im Nachhinein gesehen – kurz davor, zusammenzuklappen. Aber das wäre ja ein persönliche Bankrotterklärung gewesen. Also macht man weiter – und schafft es irgendwie. Aber wie oft ich geweint habe, mich unzulänglich gefühlt habe, wie der letzte Mensch auf der Welt, der weder auf seiner Arbeit noch für sein Kind gut genug sein kann, weil es gefühlt für alles einfach nicht reicht… Das ständige schlechte Gewissen, weil mein Sohn jeden Morgen bitterlich weinte, wenn ich ihn in den Kindergarten brachte… Die chronische Erkrankung, die unfassbar viele Ängste und medizinische Interventionen erforderte und die Erschöpfung noch mehr verstärkte…

Irgendwie sind wir da durch gekommen. Aber es hätte auch alles ganz anders kommen können. Und deshalb bin ich es froh gehört zu haben und schreibe es nun in Großbuchstaben für alle erschöpften Mütter:

NEHMT EUCH UND EURE BEDÜRFNISSE WICHTIG!

LASST EUCH KRANKSCHREIBEN, wenn ihr nicht mehr könnt (auch wenn ihr euer Kind Zuhause betreut – ihr leistet da echt Schwerstarbeit!!)!

SETZT EIN ZEICHEN!

Eine Krankschreibung ist alleine schon wichtig, wenn man irgendwann an einen Punkt kommt, an dem man eine Mutter-Kind-Kur beantragen möchte. Die Krankschreibungen untermauern die Notwendigkeit der Kur und unterstützen also die Bewilligung.


Fazit

Alles in allem kann ich sagen, dass ich sowohl den artgerecht- Grundkurs als auch den Aufbaukurs unfassbar genossen habe. Es war von vorne bis hinten alles großartig organisiert. Nicola und Liane sind nicht nur mit Herzblut dabei, sondern beide auch – auf unterschiedliche Weise – ganz mitreißende Rednerinnen, die eine Gabe haben zu erklären, mitzunehmen und zu begeistern.

Die HandOuts waren umfangreich. Die Kurse waren inhaltlich sinnvoll aufgebaut und es wurde sehr viel Wert darauf gelegt, auch jeden Teilnehmer anzusprechen und zu berücksichtigen. Immer wieder war Zeit für Reflexion, Hinein Spüren in sich selbst. Es wurden Beratungssituationen geübt und der PRIMA-Babyskurs für Schwangere und Eltern von Säuglingen besprochen.

Ebenfalls hatten auflockernde Spiele und Singen ihren Raum. Ich denke, keiner von uns wird das „kotzende Känguruh“ oder den „betrunkenen Wikinger“ vergessen. 😉


Ein wunderbares Abschiedsgeschenk

Eines der schönsten Geschenke bekam ich am Schluss: Wir sollten uns bei jedem Kursteilnehmer bedanken, ganz persönlich für das, was er in diesen Kurs eingebracht hat, wie wir ihn erlebt haben. Die Aufgabe war dies nur dankend anzunehmen, ohne das Gesagte in irgendeiner Form zu kommentieren oder gar herunterzuspielen.

Die Worte, dir mir gesagt wurden, waren wie eine liebende Umarmung. Ich wünschte, ich hätte sie aufnehmen können und könnte sie mir immer selbst vorspielen, wenn ich an mir zweifle und mich klein und wertlos fühle.

Danke Nicola, danke Liane, danke, ihr tollen (werdenden) Mamas für diese unfassbar tolle Zeit mit euch!!!

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Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.

    2 Comments

  1. Jana - unerzogen betreut

    Antworten

    Danke für den Abschlussbericht. Das klingt nach sehr viel Input in der relativ kurzen Zeit.
    Von dieser Kinästhetik habe ich in den Bereich noch nie gehört, das klingt sehr spannend. Ich werde mir die Links auf jeden Fall anschauen.

    • Natascha Makoschey

      Liebe Jana,
      ja, es ist viel Input. Aber dafür hat man im Idealfall ja das halbe Jahr vorher Bücher zu allen Themen gelesen und hat die grundsätzlichen Sachen schon gelernt. Und auch danach hast du ja noch nach Bedarf Zeit dir das Fachwissen zu erarbeiten, bis du die Prüfungsfragen anforderst. Auf die bin ich mal gespannt… 🙂