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Weiter geht es mit dem dritten Teil der Serie „Wie Kinder emotional gesund groß werden“. Die fünf Punkte, die ich behandele, stammen allesamt aus dem absolut empfehlenswerten Buch von Dami Charf „Auch alte Wunden können heilen“ .

Wenn ein Baby lernt sich fortzubewegen vergrößert sich sein Blickfeld und seine Perspektive immens. Ein Kind ist neugierig und möchte die Umgebung erforschen, die Spielregeln der Welt – erst physikalisch, dann sozial – kennenlernen. Es braucht Hilfe zur Selbsthilfe, um Ziele, die es sich selbst setzt, immer eigenständiger erreichen zu können.
Es lernt Gefühle zu benennen und auch Aktivitäten zu benennen, ohne diese sofort auszuführen. Es lernt Wörter mit Objekten zu verbinden. Es lernt seine Körperausscheidungen zu kontrollieren. Es lernt das Ursache-Wirkungs-Prinzip kennen. Und es lernt seine eigenen Gefühle kennen und dass die Gefühle anderer Menschen sich von seinen unterscheiden können.
Diese Phase dauert bis ins vierte Lebensjahr und überschneidet sich mit anderen Lernaufgaben.

Ab dem Zeitpunkt, an dem ein Kind zu krabbeln beginnt, verändert sich die Kommunikation der Bezugsperson. Ein Kind hört nun plötzlich sehr oft das Wort „Nein“. Es wird nun nicht mehr primär als „süß“ wahrgenommen, sondern immer mehr als eigenständiges Wesen, das allerdings immer noch auf sehr viel Hilfe und Unterstützung angewiesen ist. Die Sättigung dieser beiden konträren Pole verlangt den Eltern sehr viel Feingefühl und Reflexionsvermögen ab.

Traditionell werden Kleinkinder in unserer Kultur in Punkten wie motorische Entdeckungen überbehütet und ausgebremst, während bei anderen Themen wie Schlaf, getragen werden wollen
und sich alleine beschäftigen können früh Eigenständigkeit erwartet und forciert wird.

Oft ist die gegebene Unterstützung mit Abwertung verbunden. Da wird ein Kind für seine Unabhängigkeit gelobt, jedoch für seine Bedürftigkeit getadelt. Das muss nicht mal verbal geschehen. Kinder sind Experten für die Körpersprache und die Mimik ihrer Eltern.  Und da sowieso nur maximal 40 Prozent unserer Botschaften über das gesendet werden, was wir sagen, können Kinder innere Abwehr auch erkennen, wenn sie nicht ausgesprochen wird. Oder ein Kind wird liebevoll begleitet, wenn es Hilfe braucht, aber immer gebremst, wenn es etwas alleine machen möchte.
Dabei heißt das Sprichwort, dass ein Kind Wurzeln UND Flügel braucht. Weder braucht es nur Wurzeln, noch ausschließlich Flügel. Die Kombination aus beiden – je nach den Bedürfnissen des uns anvertrauten Kindes – ist der Schlüssel.

Das Spannungsfeld:
„Du bist doch kein Baby mehr!“ versus „Dafür bist du noch zu klein!“

Jeder Mensch hat von Kindheit an eine Rückmeldung auf sich und sein Verhalten bekommen. Das nennt man Spiegelung. Und diese Spiegelung erzeugt durch Wiederholung ein Selbstbild.
So können Kinder beispielsweise erfahren, dass sie nur etwas wert sind, wenn sie etwas leisten und nicht scheitern, in dem sie für Handlungen gelobt werden. Etwas ganz anderes speichert ein Kind über sich ab, das immer wieder hört: „Es ist so wunderbar, dass es dich gibt!“ oder „Ich freue mich immer, dich zu sehen!“ „Ich liebe es, wie du gerade guckst!“ oder „Du bist von Kopf bis Fuß wunderbar!“
Die Menschen, die liebevoll in ihrem Sein wahrgenommen werden, behalten den Kontakt zu sich selbst und können sich freier sowohl selbst entdecken als auch selbst entfalten.

Menschen, die über ihr Tun gespiegelt werden, positiv wie negativ, neigen dazu sich eine Rolle zu basteln, die ihnen möglichst viel Anerkennung einbringt. Darüber verlieren sie den Kontakt zu sich selbst und passen sich meistens dauerhaft der Spiegelung an, die ihnen entgegen gebracht wurde. So entsteht beispielsweise auch der „innere Kritiker“, der uns für Fehler tadelt und uns vor Scham vergehen lässt.

Burn-Out & Co-Abhängigkeit

Sichtbar wird es beispielsweise in der völligen gesellschaftlichen Überstilisierung der hilfsbereiten Frau. Jemandem zu helfen wird vielfach viel höher geschätzt als Hilfe anzunehmen. Und zwar häufig ungeachtet der eigenen Kosten.
Plakatives Beispiel: das Gesundheitssystem in dem sich Pflegekräfte bis zum Burn-Out oder Bandscheibenvorfall in miesesten Bedingungen abrackern und dennoch aus Pflichtbewusstsein immer noch Schwierigkeiten haben, weitere Extraschichten aus Personalmangel abzulehnen.

Co-Abhängigkeit bezeichnet die Symptomatik sein Leben an einem süchtigen Menschen auszurichten, ihn zu stützen und sich selbst so lange es nur geht, passend zu machen. Ich bin mittlerweile der Ansicht, dass so gut wie jeder Mensch in unserer Gesellschaft in irgendeiner Hinsicht süchtig ist und somit auch fast jeder Mensch co-abhängi. Letzteres vor allem, weil wir in unserer Kindheit auf Co-Abhängigkeit getrimmt werden.
Hilfsbedürftigkeit und Unsicherheit zuzulassen fällt diesen Menschen nicht leicht und spätestens in einer Krise hat der Partner das Gefühl nicht wirklich verbunden zu sein, da der Kontakt in einer Krise meist einseitig unterbrochen wird, aufgrund der maßlosen Furcht Verletzlichkeit zu zeigen und sich wirklich einzulassen.

 

Um Hilfe bitten gleich Schwäche oder Faulheit?

Foto von Maria Lindsey Multimedia Creator von Pexels adult-boy-child-1536370

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Brené Brown sagt sinngemäß in ihrem wunderbaren Buch „Die Kraft der Verletzlichkeit“, dass jemand, der ein negatives Werturteil damit verbindet, Hilfe anzunehmen (beispielsweise ein Gefühl von Schwäche), dieses Werturteil auch hat, wenn er anderen hilft. Das heißt, durch seine Hilfe begibt er sich in die Position des Stärkeren und degradiert unbewusst den Anderen. Er begibt sich in eine „Safety Zone“, in der er unantastbar bleibt.
Das sieht man bei Frauen im emotionalen Bereich und bei Männern oft darin, dass sie sich in praktischen Dingen unentbehrlich machen.
Ich kann mit meinem Vater über Gefühle kaum reden, aber wenn ich auch nur ein technisches Problem mit meinem Fahrrad oder etwas Elektronischem bei mir zu Hause andeute, packt er diese Gelegenheit sofort beim Schopfe. Mein Freund würde sich am liebsten überschlagen dabei, Dinge für mich zu erledigen und hat erst nach einiger Zeit gemerkt, wie sehr ihm dabei die Puste ausgeht und die wahre Liebe und Verbindung dabei auf der Strecke bleibt.

Ich bin also überzeugt davon, dass diese Thematik, dass dieser Bereich in der frühen Kindheit eine enorme Bedeutung hat. Und dass es für die Fähigkeit unserer Kinder elementar ist, dass sie in dieser Zeit wirklich in LIEBE GEBADET werden. Und dass sie beschenkt werden mit Zeichen der Liebe, die im gemeinsamen Tun, im Umsorgen liegen. Und dass sie bestärkt werden, wenn sie um Hilfe bitten. Und auch, wenn wir Dinge für sie übernehmen sollen, zu denen sie keine Lust haben. Es geht nicht darum, diese dann immer zu übernehmen. Natürlich nicht.
Aber welch eine Ehrlichkeit steckt in der Aussage. „Boar, mir sind meine alltäglichen Pflichten gerade zu viel und ich sehne mich nach Entlastung!“ Das sollten wir Erwachsene ruhig auch einmal öfter sagen und uns zugestehen, erschöpft zu sein. Stattdessen antworten wir oft reflexartig irgendetwas, wo das Wort „faul“ drin vorkommt und zählen unseren Kindern auf, was wir alles heute schon für sie getan haben und dass es dann doch wirklich jetzt nicht zu viel verlangt sei, wenn sie jetzt mal…Also echt!

 

Hilfe annehmen können ist ein Zeichen geistiger Gesundheit

Helfen wir unseren Kindern also dabei, freien Herzens und ohne schlechtes Gewissen oder innerer Abwertung Hilfe annehmen zu können, wenn sie angeboten wird und explizit nach Hilfe fragen zu können, wenn ihnen etwas zu viel oder groß ist. Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht und dass man es „nicht alleine schaffen muss“, ist ein Zeichen von geistiger Gesundheit und nicht von Schwäche. Für sich zu sorgen, ist ein Akt des Selbstrespektes und nicht ein Beweis dafür, dass man zu faul ist oder andere ausnutzt.

Kleinkinder sind von Natur aus auf sich selbst bezogen und leben in einem Flow mit sich selbst. Sie HABEN noch kein Selbstbild wie wir, sondern sie SIND ihre gelebte Emotion. Aber in allen Menschen ist der Wunsch zurückzugeben und wertvoll für die Gemeinschaft zu sein, tief im Wesen verankert. Das brauchen wir nicht bewusst zu fördern, denn wie man an unserer Gesellschaft sehen kann, führt diese einseitige Förderung zu Unglück und Selbstzerstörung. Vorleben und Gelegenheiten geben mit konkreten Bitten und dem Zeigen unserer eigenen Hilfsbedürftigkeit reicht vollkommen aus.
Ich habe schon längst keine Angst mehr vor kindlichen Tyrannen, wenn ein Kind im besten aller Sinne von halbwegs geistig gesunden Erwachsenen gehört, geachtet und „verwöhnt“ wird. Ich habe Angst vor all den Kindern, die in ihrer Kindheit von sich selbst entkoppelt wurden, massive Abwertung für ihr Sein erfahren haben, Nicht-Beachtung, Terror, Krieg, Flucht, existenzielle Nöte… Ich habe Angst vor massiv traumatisierten Erwachsene, die ihren kleinen verzweifelten, abhängigen Seelenschiffen keinen emotionalen Hafen bieten können.
Diese Menschen werden zur Geißel ihrer Mitmenschen.

Die Kindheit von Donald Trump ist da ein genauso gutes Beispiel wie die Kindheit von Adolf Hitler (letztere wurde beschrieben in dem Buch „Am Anfang war Erziehung“ von Alice Miller).

Und in diesem Zuge mag ich direkt mal folgendes Buch von Herbert Renz-Polster empfehlen:

„Erziehung prägt Gesinnung“


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Natascha Makoschey (Baujahr 1983) hat einen 9-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.

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