Nun haben wir fast alle Lernaufgaben kennen gelernt, die unsere Kinder emotional gesund groß werden lassen.
Der letzte Baustein ist: Liebe und Sexualität.

Meine Artikel sind natürlich nie reine objektive Wissensvermittlung, sondern auch ganz viel Meinung und Erfahrungsbericht. Das ist bei diesem speziellen Thema noch mehr so. Und ich werde in einem weiteren Teil auch das Thema des Sexuellen Missbrauchs behandeln. Also bitte ich Euch gut auf Eure eigenen Grenzen zu achten, ob der Artikel für Euch heute dran ist und liebevoll für Euch zu sorgen, wenn Teile davon Euch stark berühren. Mir ging und geht es selbst nicht anders.


Worum geht’s in dieser Entwicklungsphase?

Zwischen dem dritten und sechsten Lebenjahr beginnt das Kind sich als sinnliches Wesen wahrzunehmen. Es beginnt verschiedene Rollen auszuprobieren und auch zu flirten. Die meisten Kinder beginnen in dieser Zeit ihren Körper genauer zu entdecken und auch die klassische Phase der „Doktorspiele“ mit anderen Kindern fängt hier an. Kinder möchten in ihrer Geschlechtlichkeit wahrgenommen werden.

Entwicklungsschritte, die Kinder in dieser Zeit meistern ist das Sprechen in ganzen Sätzen und das fließende Wechseln von Realität zu Fantasie. Auch die ersten „Lügen“ fallen in diese Zeit und sind Meilensteine des Gehirns. Eine Voraussetzung für das Lügen ist das Verstehen davon, dass jemand anderes etwas anderes weiß als man selbst (oder eben auch nicht) und das Erkennen von Ursache und Wirkung.

Ein zweijähriges Kind, das sich hinter seinen eigenen Händen versteckt und glaubt, man könne es dort nicht sehen, weil es bei ihm selbst gerade dunkel ist, ist einfach nicht in der Lage zu flunkern.


Geschlechteridentität, Gender-Zementierung und Feminismus

Kinder zwischen drei und sechs beschäftigen sich stark mit ihrem eigenen Geschlecht und Geschlechterrollen. Viele zelebrieren in dieser Zeit das über, was sie für ihr eigenes Geschlecht als „salonfähig“ erkannt haben. Dabei hilft unsere Industrie natürlich fleißig und gern mit. Selten gab es so viel geschlechtergetrenntes Spielzeug und Kleidung wie heute.

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Manche Kinder empfinden in dieser Phase (und auch darüber hinaus) ihr biologisches Geschlecht als fluid und wechseln zwischen ihnen hin und her.

Oder sie möchten eine ganze Zeit lang eben genau das andere Geschlecht sein, dass sie „sind“. Einen Freund meines Sohnes mussten wir etwa ein halbes Jahr mit einem Mädchennamen ansprechen und er trug Kleider. Mein Sohn trug zwischendurch Kleider und Nagellack, aber war sich seiner Identität als Junge immer sehr bewusst. Er hat nur „Mädchen gespielt“, während es seinem Freund bitterernst war und es Tränen und Wutgeschrei geben konnte, wenn man ihn versehentlich mit seinem eingetragenen Namen rief.

Es geht also um das Herausfinden der eigenen Geschlechteridentität und was es überhaupt heißt, dass es unterschiedliche Geschlechter gibt. Die ständig hervorgehobene Dualität in unserer Gesellschaft hilft da nicht wirklich weiter und führt auch immer noch zu nervtötenden Stereotypen.

Ich erinnere zum Beispiel ein Gespräch mit meinem Sohn, in dem er sagte, dass ich ja eine Frau sei und VIEL MEHR Angst als er habe. Er sei ja ein Mann und deshalb quasi per se furchtlos.
Zum einen fühlte ich mich natürlich in meiner persönlichen Ehre gekränkt. Hatte ich doch gerade erst einen Tag vorher mit meiner Spinnenphobie gedealt und eine große Spinne mit einem Glas nach draußen gesetzt, während mein Sohn schreiend auf dem Küchentisch gestanden hatte, bis die Spinne endlich weg war. Aber noch viel gefährlicher fand ich, dass er glaubt, dass „Angsthaben“ etwas Schlechtes ist und dass die Tatsache, dass man sich tapfer und teilweise großkotzig verhält, angeblich darauf schließen hat, dass man keine Ängste empfindet.

Mein sehr persönliches Gefühl ist, dass Frauen in unserer Gesellschaft immer noch stark benachteiligt und vor allem sexualisiert werden, das aber kleinen Mädchen mittlerweile eine größere Rollenvielfalt zugestanden wird als Jungen. Das Geschlechterbild für kleine Jungs ist nach wie vor sehr eng und es hat mich erschreckt, wie ich im „ach so toleranten Köln“ teilweise von Männern angefeindet wurde, weil ich meinen Jungen Kleider tragen ließ. Offensichtlich müssen Männer immer sehr aufpassen, dass ihnen durch das Tragen von bestimmten Kleidungsstücken nicht versehentlich ein Stück Penis verloren geht.
Sau-gefährlich *ironieoff*.

Andererseits werden auch schon kleine Mädchen nach wie vor häufiger als „zickig“ bezeichnet, während Jungen eher dafür gelobt werden ihre Meinung durchzusetzen. Dass in einem Einzelfall ein Vater ein vierjähriges Mädchen fragte, „ob es seine Tage habe“ als es schlecht gelaunt war, zeigt nur die Spitze der Absurdität und häufig fehlenden Wertschätzung. Auch der Satz zu einem weinenden Jungen „Du bist doch kein Mädchen!“ zeigt eine deutliche Herablassung und ist leider immer noch kein Einzelfall.


Große Gefühle und Erfahrungen

Zu der herausfordernden ersten Auseinandersetzung mit Rollenbildern und dem Geschlechterbild entwickeln sich bei Kindern in dieser Zeit aber auch erste sehr enge Freundschaften und auch Verliebtheiten. Auch kleine Kinder haben romantische, sinnliche und auch sexuelle Gefühle – für sich selbst und für andere Menschen. Diese Gefühle wollen auch gelebt und zelebriert werden – die Ausprägungen sind natürlich von Kind und Kind unterschiedlich.

Der Umgang des Umfeldes mit dem Kind und die Erfahrungen, die ein Kind in dieser Zeit macht, entscheiden auf jeden Fall zum großen Teil darüber, ob es im späteren Leben Liebe und Sexualität miteinander vereinbaren kann. Ob es in der Lage ist Nähe und Sexualität auseinander zu halten. Ob es seine eigenen Grenzen im ersten Schritt wahrnehmen und im zweiten Schritt schützen kann. Ob es sich selbst als sinnliches Wesen wahrnehmen kann und sich daran freuen kann. Und ob es Sexualität als natürlichen Teil einer lebendigen Liebesbeziehung erfahren kann.

Was braucht ein Kind dafür um das zu lernen und die ihm angeborene Freude über seinen Körper und sinnliche Gefühle zu erhalten?


Unverzichtbar: Regelmäßige Berührungen und Körperkontakt!

Zuallererst: Menschen, die von Geburt an mit ihm in einer auch körperlich-sinnlichen Liebesbeziehung stehen. Und das in einer Weise, die in keiner Weise missbräuchlich, grenzüberschreitend und überfordernd ist!

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Alle Menschen sind zutiefst sinnliche Wesen. Jeder von uns ist auf zärtliche Berührungen angewiesen. Enge Umarmungen, Streicheln, zärtliches Anschauen mit den Augen… Ich rede hier nicht von Sex. In unserer sexualisierten Gesellschaft ist es allerdings so, dass Menschen, die keinen Partner haben kaum Berührungen gibt – zumindest wenn man nicht gerade weiblicher Teenager ist, wo es halbwegs geduldet wird, dass sie zärtlich zueinander sind.

Die meisten von uns sind also körperlich ziemlich verhungert. Die Tatsache, dass Berührung meist nur im Zusammenhang mit Sex zu haben ist, sorgt dann für eine weitere seelische Deformierung, die gerade Frauen häufig in eine innere Hab-Acht-Stellung gehen lässt und manches Mal sogar jedwede Art von körperlicher Berührung ablehnen lässt.
Ob der Hang zu sexualisiertem Druck oder gar Gewalt bei Männern eine Folge davon ist, dass Männer auf der einen Seite körperlich und emotional mangelernährt sind und ihnen gleichzeitig oft abtrainiert wird, empfindsam, bedürftig, kuschel- und schutzbedürftig zu sein, vermag ich nicht zu sagen – in meinem Kopf wäre das allerdings schlüssig.


Für Kinder gilt das Bedürfnis nach Berührung noch viel stärker als für uns Erwachsene. Zum einen ist Berührung, die Information über sich selbst, die sie über Berührung erfahren, ihre erste Sprache. Zusätzlich ist sie das wirkungsvollste Instrument zur Co-Regulierung, zum Trösten und Beruhigen, ja, auch zur Prophylaxe von Wutanfällen und Meltdowns in der Autonomiephase.


Kinder, die zu wenig liebevollen Körperkontakt bekommen, zeigen nachweislich mehr Verhaltensauffälligkeiten und sind ebenfalls anfälliger für Krankheiten jeder Art. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass die Ursache der Magersucht ihren Ursprung darin haben könnte, dass diese Menschen in einer sensiblen Phase der Hirnreifung nicht ausreichend taktile Botschaften bekommen haben.


Ideale Bedingungen versus Alltagsrealität

Inwiefern vernachlässigt aber ein „normaler“ Alltag kleine Kinder in unserer Gesellschaft? Wenn ein Kind ab dem zweiten Geburtstag wochentags von 9 bis 17 Uhr im Kindergarten ist? Wenn auf eine Erzieherin zehn Kinder kommen? Wenn sie also schon rein rechnerisch nicht jedes Kind ausreichend in den Arm nehmen kann? Hinzu kommt, dass manche Kindergartenleitungen einen distanzierten Umgang mit den ihnen anvertrauten Kindern empfehlen aus Angst vor Mißbrauchsskandalen. Und selbst wenn das nicht vorliegt, entscheiden sich einige Erzieher aus eigener Vorsicht dazu. Auch Tagesmütter habe ich schon getroffen, die mir erzählt haben, dass sie ihnen anvertraute Babys (!) nicht so viel kuscheln, damit die Eltern auf die gute Bindung nicht eifersüchtig werden. Das mögen Ausnahmen sein, aber ich glaube, dass in vielen Kindergärten schon der normale Alltag weniger Körperkontakt zulässt als den Kindern gut tun würde.

Als der Mißbrauchsverdacht gegen einen Mitarbeiter des Spielkonzeptes „Original Play“ an die Öffentlichkeit kam, empörten sich viele Eltern nicht nur über diese Mißbrauchsvorfälle (vollkommen zu Recht), sondern auch gegen dieses Spielkonzept, das auf ursprünglichem Spiel wie Toben und Umherzwälzen besteht. „So etwas darf nur zu Hause stattfinden“ las ich oft in Facebook-Gruppen.

Aber vom Kindergarten weg gedacht – FINDET denn zu Hause ausreichend Kuscheln und Toben statt? Ich gehe davon aus, dass meine Leser hauptsächlich bedürfnisorientierte Eltern aus dem „Attachment Parenting“-Bereich sind, das sie also grundsätzlich von Baby an schon einen körperbetonteren Umgang mit ihren Kindern hatten als der Mainstream. Und ich möchte hier wirklich niemanden anklagen, sondern nur unsere gängige Lebens-Art hinterfragen.
In vielen Familien schlafen Kinder zwischen drei und sechs bereits in ihrem eigenen Zimmer. Morgens ist es vielfach stressig und es bleibt vor dem Kindergarten kaum Zeit zum Auftanken von Körperkontakt. Hier in Köln ist es eine vielgelebte Realität, dass Kinder erst zwischen 16 und 17 Uhr aus dem Kindergarten abgeholt werden. Drei bis vier Stunden später – oft nach einem Nachmittagsprogramm – werden die Kinder dann wieder ins Bett gebracht. Sicherlich werden viele Eltern ihre Kinder zwischendurch in den Arm nehmen. Aber REICHEN diese kurzen Fenster der Berührungen in einem durchgetakteten langen Alltag, in dem die Kinder durch „Funktionieren müssen“ einem permanenten hohen Stress ausgesetzt sind?

Ich habe darauf keine Antwort. Mein Gefühl ist allerdings so, dass es vielerorts nicht reicht. Viele „Verhaltensauffälligkeiten“ von Kindern beobachte ich als Schrei nach Liebe. Nicht nur intellektueller Liebe. Sondern körperlicher Liebe. Anfassen, riechen, balgen.

Und in diesem Artikel geht es ja dann auch noch im die Entwicklung der sexuellen Gefühle. Bezeichnenderweise fällt in dieses Alter ja eben auch die Zeit, in der unsere Kinder uns heiraten wollen, also tiefe Liebesgefühle für ihre – meist gegengeschlechtlichen – Elternteile haben.


„Mama, wenn ich groß bin, heirate ich dich!“

Die Art, wie diese Liebesgefühle beantwortet werden, entscheidet mit darüber, welche Gefühle zuallererst mit Liebe verbunden werden. Fühlen sich unsere Kinder gesehen, angenommen und gewollt? Oder merken sie, dass ihre Liebesbekundungen uns unangenehm sind? Fühlen sie sich abgelehnt in ihrem Wunsch ihre Liebe auszudrücken?

In unserer Gesellschaft kommt es ja relativ oft vor, dass Frauen Männer hinterher rennen, die sich gar nicht für sie interessieren oder sie gar schlecht behandeln. Ich glaube nicht an Monokausalität; jedoch ist der „abwesende Vater“, den viele von uns als Kinder erlebt haben, ganz klar eine Ursache dafür. Viel arbeitend oder vielleicht irgendwann abgehauen. Nicht viel Zeit und nicht viel Lust zum Spielen. Oft erst nach Hause kommend, wenn wir schon geschlafen haben.

Jahrelang habe ich mich an diesem Bild an meinen Partnern abgearbeitet.

Männer sehen in ihren Partnerinnen oft ihre kontrollierenden Mutter. Die Gleichung „Liebe gleich Kontrolle gleich Verlust der Freiheit“ scheint hier öfter vorzukommen. Kaum ein Sketch in dem nicht das Klischee der Männerrunde aufgenommen wird, in dem sich der Ehefrau passiv-aggressiv verweigert wird und sich gegen sie verbündet wird, als müsse man einer Kontrollinstanz entkommen.

(Wen das Thema interessiert, kann ich für den leichten Einstieg folgende Bücher empfehlen:
„Schluss mit dem Beziehungskrampf“ von Michael Mary
„Wenn Frauen zu sehr lieben“ von Robin Norwood
„Sie sagt, er sagt“ von Doris Kumbier)

Zusätzlich zu einer innigen körperlichen Beziehung, scheint es sich also für Mütter zu empfehlen Abstand von einem vereinnahmend-kontrollierenden Umgang zu nehmen und für Männer wiederum das Arbeits- und Lebensmodell zu überdenken, in dem sie leben und ausreichend verfügbar zu sein.

In dem Maße, in dem Rollenbilder sich immer mehr angleichen oder natürlich auch bei gleichgeschlechtlichen Elternpaaren, muss natürlich jeder Elternteil alle Aspekte bedenken.


Wie sieht es in unserer Familie aus?

Danke an Pezibear und Pixabay!

Hilfestellungen für Überlegungen können sein:

-> Wird in unserer Familie oft genug gekuschelt oder/und getobt? Wo ist in unserem Alltag Platz für Rückenkraulen, Massagen, Raufen, Spiele und Tänze in denen sich berührt wird? Was passt zu uns und was passt zu unserem Kind oder unseren Kindern?

-> Welche Erfahrungen habe ich selbst in meiner Kindheit gemacht? Gibt es etwas, was mich an einem sinnlich-körperlichen Umgang mit meinen Kindern hindert und was ich anpacken darf?

-> Wie viel positive, PROAKTIVE Aufmerksamkeit erfahren meine Kinder? Proaktiv heißt, ich nehme sie positiv wahr und Kontakt zu ihnen auf, BEVOR sie Kontakt zu mir aufnehmen oder mir gar zeigen, dass sie bereits im Mangel sind.

-> Wie verläuft die Zeit außerhalb von Fremdbetreuung in unserer Familie? Wie ist die Stimmung? Wie voll oder leer ist unser elterlicher Tank? Wie verläuft das Abendessen und das Zu-Bett-gehen in der Regel? Ist es mehrheitlich eine schöne Zeit oder ist es sich täglich wiederholender Stress?

-> Wie ist der Umgang und das Menschenbild der Erzieher oder Tageseltern, die mein Kind betreuen? Nehmen sie die Kinder in den Arm oder kuscheln regelmäßig „mit den Augen“? Haben sie einen wohlwollenden, vertrauenden Blick auf Kinder oder sind sie nur gestresst damit beschäftigt eine Katastrophe nach der anderen zu verhindern?

-> Wie reagieren wir auf Liebesbezeugungen unserer Kinder oder auch auf die Entdeckung ihres Körpers und ihre körperlichen Erfahrungen mit anderen Kindern?

-> Was haben wir selbst in unserer Kindheit erlebt? Wer war unsere erste große Liebe im Kindergarten oder in der Grundschule? Wie gestaltete sich die Liebesbeziehung zu unseren Eltern?

Das werden bestimmt sehr spannende und emotionale Gespräche und ich wünsche Euch einen klaren Blick, den Mut und die Liebe Unterschiedlichkeit auszuhalten und dem eigenen Eltern-Sein ins Auge zu blicken!

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Natascha Makoschey (Baujahr 1983) hat einen 9-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.

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