Ich kann es nicht mehr hören, echt.
In jedem großen Medium, in allen Nachrichten geht die Alarmmeldung herum, dass unsere Kinder während der Zeit der Schulschließung aufgrund der Covid-19-Pandemie schrecklicherweise viel mehr Zeit vor den Bildschirmen verbracht haben als sonst und dafür viel weniger Zeit für Lernen investiert haben als in Präsenzschulzeiten.

Meine Lieblings-Zwischenüberschrift – Ironie – in einem ZEIT-Artikel mit dem Titel „Bereit für die Schüler“ (Ausgabe 33 vom 6. August 2020) von Manuel J. Hartung war „Daddeln statt Didaktik“, auf die er bestimmt selbst beim Schreiben ganz stolz war.

https://www.zeit.de/2020/33/schulstart-sommerferien-corona-krise-lehrstoff-aufholen-homeschooling

Leider steckt in dem Wort „daddeln“ sehr viel Abwertung (sollte es wohl auch) und es greift zu kurz in der Beurteilung, was unsere Kinder da tun.
Miteinander spielen nämlich – was die Hauptaufgabe von Kindern ist und was ein Grundbedürfnis und Grundrecht von Kindern ist, das ihnen in der Corona-Pandemie genommen wurde. Im gemeinsamen Spielen findet soziales Lernen statt. Auch, wenn dieses virtuell stattfindet. Und erst recht ist das virtuelle Spielen nötig, wenn das „miteinander Spielen in echt“ kaum oder nur stark eingeschränkt möglich ist.

Was zählen Erwachsene eigentlich zum „Lernen“?

Da regt mich ja erst mal die eingegrenzte Sichtweise auf die Tätigkeit des Lernens auf. „Lernen“ unsere Kinder denn nichts, nur weil sie sich nicht mit Mathe, Deutsch und Englisch beschäftigen? (Das Angebot an Fächern wie Gesellschaftskunde, Politik, Erdkunde und Geschichte war ja wohl flächendeckend eher sehr mau – dabei wären das wohl in dieser Zeit wohl eher interessante und relevante Themen gewesen.)

Vorab:
Ich finde es auch schlimm, wie viele Schüler monatelang keinen Kontakt zu ihren Lehrern hatten. Dass vielerorts Schulaufgaben unkommentiert und ungeprüft per Mail kamen. Am Schlimmsten, dass kein Austausch statt fand.
„Wie geht es dir? Wie ist eure Situation zu Hause? Womit beschäftigst du dich gerade gerne?“

Aber dass unsere Kinder täglich stundenlang Zeit vor einem Bildschirm verbringen – meins inklusive – finde ich überhaupt nicht schlimm.

Zum einen, weil in den genannten Zahlen überhaupt nicht zwischen jungen und alten Kindern (Teenager bis 18 Jahre) differenziert wird. Ein dreijähriges Kind, dass stundenlang ohne Kuscheln, Ansprache und haptischen Erfahrungen vor dem Bildschirm sitzt, ist nämlich anders zu bewerten, als ein 13-Jähriger, der Bildschirme sowohl zum Entertainen, Kontakthalten mit Freunden als auch zum Lernen und Informationen sammeln, nutzt und seine Eltern deutlich punktueller braucht.

Zum größten Teil jedoch wegen der einen essentiellen Frage:

Was hätten unsere Kinder denn statt „daddeln“ tun sollen, bitteschön?

Was bitte hätten unsere Kinder denn sonst tun sollen??? Womit hätten sie sich denn, der Ansicht der Gelehrten nach, beschäftigen sollen?

Viele Eltern haben auch für ihre Kinder alle sozialen Kontakte eingestellt. So wie ich wochenlang meine Freunde nicht gesehen habe oder nur draußen mit 2 Meter Abstand zum Spazieren gehen, haben es viele Eltern auch mit ihren Kindern gehandhabt.

Die meisten Eltern haben weiter in irgendeiner Form gearbeitet – außerhäusig oder im Homeoffice. Zeit, in der Kinder keinen wirklichen Ansprechpartner hatten.

26% der Kinder sind ihre gesamte Kindheit Einzelkinder; haben also im Haushalt auch kein anderes Kind, mit dem sie spielen können. Wie viele Kinder, so wie mein Kind, in unmittelbarer Nähe, keine Freunde haben, mit denen sie sich verabreden können, ist hingegen gar nicht erfasst. Wie viele Kinder haben keinen eigenen Garten, in dem sie spielen können? Zwar gibt es überall Parks, aber entweder ein Kind muss alt genug sein, um dort hingehen zu können und zu wollen – was soll es da denn alleine – oder aber die Eltern müssen mit ihm zusammen dort hin gehen, was ja nicht geht – weil diese ja arbeiten müssen. Vergessen wir nicht, dass die Spielplätze auch einige Zeit geschlossen waren und das in vielen Schwimmbädern immer noch die Rutschbahnen gesperrt sind und auch die Bibliotheken monatelang gesperrt waren und man sich so auch keinen Lese-Nachschub holen konnte.

Ich bin also ehrlich gesagt unglaublich dankbar, dass mein 12-jähriges Kind über all die Monate täglichen Kontakt mit seinen Freunden halten und online mit ihnen spielen konnte. Auch wenn ich auf der anderen Seite natürlich schon besorgt war, dass er wirklich fast 10 bis 12 Stunden am Tag vorm PC gesessen hat und nicht mehr dazu zu bewegen war, raus zu gehen – es sei denn, ich habe ihm Geld für Fortnite gegen Rausgeh-Zeit angeboten. Und auch ich muss zugeben, dass ich froh bin, dass er jetzt wieder in die Schule geht.

Die meisten Kinder haben sich ihre eigenen Lernfelder fernab von Algebra und Grammatik gesucht

Es stimmt – er hat sich wirklich sehr wenig und sehr ungerne mit Schulaufgaben beschäftigt, aber dafür hat er täglich von morgens und abends mit seinen Freunden gegiggelt und gekichert. Er hat über TikTok-Videos Musikklassiker kennengelernt, er hat sich mit chemischen Elementen und Physik beschäftigt bei einer Alchemy-App und digitalen Achterbahn-Bauen.

Danke an August de Richelieu und Pexels!

Apropos Achterbahnen: Er kann auch von nahezu allen deutschen Achterbahnen sagen, wie schnell sie sind und wie hoch, ob sie Loopings oder „Inversionen“ haben und was es da technisch noch alles zu wissen gibt. Er hat das erste Mal in seinem Leben eine Idee davon, was ihm später beruflich Spaß machen könnte: er möchte Achterbahnen und andere Fahrgeschäfte kreieren, oder bauen oder überprüfen – in irgendeiner Form technisch involviert sein. Wow! (Dass er dafür ganz viel Mathematik, Physik, Statik und was weiß ich alles braucht, ist ihm zum Glück noch nicht klar.)

Auch finde ich die Doppelmoral wieder gänzlich unaushaltbar.

6,3 Stunden pro Tag sind schlimm – really? Wann kommen die Skandal-Meldungen für die Erwachsenen?

Was haben wir Erwachsenen denn in dieser Zeit getan? Nicht umsonst sind Streamingdienste und Porno-Plattformen viel mehr genutzt worden als vor der Pandemie. Und viel unserer Arbeit, aber auch private Treffen zum gemeinsamen Zoom-Essen fanden auch über den Rechner oder das Handy statt.

Leistungsschwache Kinder haben während der Corona-Zeit angeblich statt 4,6 Stunden 6,3 Stunden vor dem Fernsehen, Tablet oder/und Handy verbracht.

Welcher von uns Erwachsenen ist denn mit 6,3 Stunden täglich ausgekommen?

Ich glaube, ich habe meine 6,3 Stunden heute schon wieder längst voll. Ich habe mir zwei Online-Fortbildungen angeguckt, auf Klienten-Mails geantwortet, mit meiner Lieblings-Mal-App gemalt und mit einer Freundin gechattet.

Lernen ohne Beziehung, lernen ohne Gruppe funktioniert für Kinder nicht

Lernen ist keine Einbahnstraße. Alles ist Lernen. Und wir alle lernen dann, wenn wir dazu bereit sind. Je kleiner die Kinder sind, desto mehr brauchen sie zum Lernen Beziehungen. Dass sie sich mit ihren Lernbüchern hinsetzen und alleine aus dem Nichts lernen, ist eher unwahrscheinlich. Und alles Gelesene, was nicht irgendwo im Hirn eines Kindes „andocken kann“, bleibt eine absolut wertlose Informationen, die einfach wieder im Gehirn-Nirvana verschwindet. So funktioniert Lernen halt einfach nicht. Hat es nie. Wird es nie.

(vgl. unter anderem Herbert Renz-Polster: „Menschenkinder“ (Kösel-Verlag) oder Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther: Wie Kinder heute wachsen (Beltz-Verlag)

Danke an Julia M.Cameron und Pexels!

Von daher: Seien wir froh, dass unsere Kinder in dieser Krise die Möglichkeit hatten, ihre Spielfreude und ihr Grundbedürfnis nach sozialen Kontakten und emotionalen Verbindungen mit Online-Angeboten zu befriedigen.

Und seien wir auch froh, dass sie nun langsam wieder in die Schule gehen dürfen. Nicht weil sie endlich wieder so etwas wie richtigen Unterricht haben, sondern vor allem weil sie ihre Freunde wiedertreffen und wieder real-life- Sozialerfahrungen machen –
wenn auch mit Abstand und Maske.

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Natascha Makoschey (Baujahr 1983) hat einen 9-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.

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