Kürzlich las ich in einer Eltern-Zeitschrift einen Artikel zum Thema „Benehmen 2015“. Hier wurde aufgelistet, was Kinder in welchem Alter lernen können (sollen?). Zwischen drei und fünf Jahren sollen Kinder wissen (und anwenden?), dass man sich begrüßt und verabschiedet, „bitte“ und „danke“ sagt, mit Besteck isst, sich entschuldigt und mancherlei mehr. Zu Beginn des Schulalters kann es einem Kind bereits zugetraut (zugemutet?) werden, eine Stunde mit den Erwachsenen am Tisch zu sitzen, Erwachsene zu siezen, mit Messer und Gabel zu essen und ähnliches.

Wenn ich mich in diesem Artikel dagegen positioniere, dies meinem Kind aktiv beizubringen, heißt das natürlich nicht, dass ich etwas dagegen hätte, wenn mein Sohn ein freundliches und zugewandtes Kind ist, das man z.B. auch mal mit in ein Restaurant nehmen könnte.

Allerdings geht mir das Belehren, das ich allerorts wahrnehme, gehörig auf den Senkel. „Wie heißt das Zauberwort?“ „Hast du auch danke gesagt?“ „Sagst du noch ‚Auf Wiedersehen‘?“ „Jetzt entschuldigst du dich aber!“

Kinder sind soziale Wesen

Ich halte Kinder für zutiefst soziale Wesen und erlebe sie – gerade ab dem Vorschulalter – geradezu als „Regeldetektive“, die jeden Verstoß ahnden. Sie wollen dazu gehören und „gutes Benehmen“ ist ihnen wichtig. Zudem vertraue ich darauf, dass Kinder intelligent genug sind, um alles, was wir Erwachsenen tun, für sich entsprechend zu registrieren und im Hinterkopf zu behalten. Hier bin ich also selbst in meiner Haltung gefragt:

Wie reagiere ICH, wenn mich jemand verletzt? Oder wenn jemand anderer Meinung ist als ich? Kann ich mich entschuldigen, wenn ich einen Fehler gemacht habe? Rede ich hinter dem Rücken schlecht über andere? Bin ich beim gemeinsamen Essen ganz präsent, oder verschanze ich mich hinter meinem Smartphone, um eben noch diese Nachricht zu lesen oder jene zu beantworten – „nur mal gerade noch“?

Karl Valentin hat ja den Spruch geprägt, dass jede Erziehung von Kindern völlig unnötig ist, da sie uns sowieso alles nachmachen. Ich halte das für sehr wahr.

Ich habe erlebt, dass mein Sohn auch als kleiner Stöpsel die Sätze zur Konfliktlösung anwendete, die er von mir gehört hatte. Das Repertoire reichte von Methoden aus der Gewaltfreien Kommunikation bis hin zu einem lauten „Jetzt ist aber Schluss!!“. Erstaunlich oft konnten Konflikte selbständig von den Kindern gelöst werden mit teils beeindruckend kreativen Lösungen.

 

Der Schlüssel ist Freiwilligkeit

Zudem halte ich Höflichkeit auch bei Erwachsenen für etwas, für das sich bewusst entschieden wird. Ich überlege mir, wie ich Menschen begegnen möchte und ob es vielleicht bestimmte Menschen gibt, bei denen ich eine Ausnahme mache, die ich vielleicht sogar ignoriere. Ich entscheide mich auch dafür, wie ich wahrgenommen werden möchte, denn natürlich ist Höflichkeit auch eine Form von „Tauschgeschäft“, so wie Small Talk ein Weg ist, mit Menschen in Beziehung zu treten, die ich noch nicht gut kenne. Manche Menschen möchte ich aber vielleicht auch gar nicht kennenlernen (oder auch nur zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht). Der Schlüssel hier ist – wie in allen anderen Beziehungen auch – Freiwilligkeit. Ein Mensch, dem es weniger wichtig ist, wie er wirkt oder dass er in eine Gruppe integriert ist, der zufrieden damit ist, für sich allein zu sein und nur Kontakt zu engen Vertrauten zu haben, entscheidet sich hier vermutlich anders als ich als alter Harmonie-Junkie, der am liebsten von allen gemocht werden möchte.

 

Manchmal sind mir die Beziehungsentscheidungen meines Kindes unangenehm

So hat natürlich auch der Wunsch, dass mein Kind sich so oder so verhält, oft mehr damit zu tun, wie ICH wahrgenommen werden möchte und dass es mich stört, wenn das Verhalten meines Kindes „auf mich zurückfällt“. In meinen Augen missbrauche ich also das Kind als meinen „verlängerten Arm“, wenn ich es dazu auffordere sich zu bedanken, weil ICH ein höfliches Kind möchte, oder weil ICH als kompetente Mutter wahrgenommen werden möchte. Ehrlicher wäre es (und so handhabe ich es auch), dass ich mich als Mutter bei Menschen bedanke, wenn sie meinem Sohn etwas Gutes tun – ganz unabhängig davon, was mein Sohn tut. Ich gestalte also MEINE Beziehung zu anderen Menschen und gestehe meinem Sohn die Freiheit zu, dies ebenfalls zu tun.

Dies KANN natürlich zur Folge haben, dass er es mit Menschen zu tun bekommt, die von seinem Verhalten enttäuscht sind, sich vielleicht sogar persönlich angegriffen fühlen und die eventuell für sich entscheiden, unter diesen Umständen weniger mit meinem Sohn zu tun haben zu wollen.

 

Unhöflichkeit gleich Ablehnung?

Gerade wenn dieser Jemand ein Erwachsener ist, wünsche ich mir hier die Größe und das Reflexionsvermögen mit dem Kind in Beziehung zu treten und ihm zu erzählen, was sein Tun in diesem Moment auslöst – Angst, nicht gemocht zu werden, Ärger, Einsamkeit, das Gefühl unsichtbar zu sein (wenn mein Kind gerade wieder in den ‚Ignorier-Modus‘ geht). Dazu gehört natürlich mehr Mut, als sich hinter Allgemeinplätzen und Urteilen zu verstecken, was ‚man‘ so tut und wie unhöflich das Kind gerade ist. Ein Wort wie ‚unhöflich‘ bedeutet Kindern überhaupt nichts und wer auch immer dieser ‚man‘ ist, der ganz vieles nicht darf oder auf gewisse Art und Weise handhaben muss – auch dies ist für sie völlig uninteressant. Wenn jedoch Menschen, die sie liebhaben, sich zeigen und das auch in ihrer Verletzlichkeit, mit ihrer Schwäche – dann ist das eindrucksvoll. Und wenn dies dann auch noch erfolgt, ohne das Kind für die Gefühle des Erwachsenen verantwortlich zu machen und ohne eine erzwungenen Handlungsfolge des Kindes zu erwarten (Manipulation!), sondern einfach nur ein Zeigen und ein Beziehungsangebot ist, dann ist dies extrem bereichernd. Das Kind hat dann die Möglichkeit in sich zu gehen und zu entscheiden, welche Beziehung er zu DIESEM einen anderen haben möchte, wie wichtig dieser ihm ist und wie weit er bereit ist zu gehen, um die Beziehung so zu gestalten, dass sie auch vom anderen wieder positiv erfahren wird.

Hier habe ich neulich in einem Artikel ein schönes Zitat gelesen: „Ich kann erst aus ganzem Herzen Ja zu etwas sagen, wenn ich die Freiheit habe, nein zu sagen.“

 

Wird mein Kind dankbar(er), wenn ich es zwinge sich zu bedanken?

Gerade beim Thema „bitte und danke“ spielt aber auch noch ein ganz anderer Aspekt mit rein.

Natürlich wünsche ich mir, das mein Kind mit Dankbarkeit durchs Leben geht. Allerdings ist dies nichts, dass ich forcieren könnte, in dem ich es dazu dressiere auf Kommando „danke“ zu sagen. 1000 mal „danke“ zu sagen, wenn man dazu aufgefordert wird, hat wirklich gar nichts mit Dankbarkeit zu tun, sondern ist einfach nur eine Erfüllung von gesellschaftlichen Konventionen. Ich behaupte sogar, dass Kinder aus sich heraus dankbar sind – anders als wir Erwachsenen haben sie aber noch keine Vorstellung davon, wie viel Aufwand oder Geld etwas den anderen gekostet hat, sie sind frei von dem Gefühl, eine Gegenleistung erbringen zu müssen und sie sind ganz selbstverständlich der Ansicht, dass sie alles Gute verdient haben. Wie schön ist das!

Und wie kastriert erscheint das erzwungene Wörtchen „danke“ gegen all die anderen natürlichen Zeichen von Dankbarkeit: die Freude beim Auspacken, die leuchtenden Augen, ganz vielen Menschen von einem tollen Geschenk zu erzählen, es vielleicht eine Zeit lang überall hin mitzunehmen oder es mit Achtung und Vorsicht zu behandeln – hier drückt sich viel mehr Dankbarkeit aus. Die Frage ist, ob wir Erwachsenen dies wahrnehmen und es entsprechend werten. Und die noch viel naheliegendere Frage ist: Warum sind viele Erwachsenen so angewiesen auf dieses erzwungene Wort „danke“, so dass sie beleidigt sind und teils sogar zu Sanktionen greifen, wenn es nicht erfolgt? Was in dem Erwachsenen fühlt sich hier so sehr nicht gesehen, das er so reagieren muss?

Ein abstruses Beispiel habe ich hier mit den Großeltern meines Sohnes erlebt: Diese erwarteten allen Ernstes, dass mein Sohn sich bei ihnen für ein Geburtstagsgeschenk bedankt, noch BEVOR er es überhaupt in seinen Händen halten durfte. Mein Sohn war zu diesem Zeitpunkt 5 Jahre alt. Den reinen Geschenkimpuls zu würdigen ist hier definitiv nicht altersgerecht. Mein Sohn entschied sich unter diesem Druck dazu, das „Geschenk“ nicht zu wollen und wandte sich zur Verblüffung aller anderen Dingen zu. Er hatte ein ganz klares Gespür dafür, dass ein Geschenk, das an eine Bedingung geknüpft ist, kein Geschenk ist, sondern schlichtweg ein Tauschhandel. So wie ich in einem Geschäft Geld gegen Ware tausche, wurde hier von ihm erwartet, dass er ein „danke“ gegen das Geschenk tauscht. Hierzu war er nicht bereit.

Am Ende des Nachmittags flüsterte er mir zu, dass er sich gerne mit mir gemeinsam „bedanken“ wollte. Er hatte sich eine Art des Tauschhandels überlegt, mit der er leben konnte. Die Situation bis drei zu zählen und dann gemeinsam „danke“ zu sagen, hat mir die Abstrusität dieser Erwartung aber erst recht vor Augen geführt. Mit Dankbarkeit hatte dies nichts zu tun; es war ein reines Theater.

 

Das große Thema „sich entschuldigen“

Noch drastischer ist das „Theater“ für mich beim Thema „sich entschuldigen“. Ein Kind, das keine Reue empfindet dazu zu zwingen, sich zu entschuldigen, ist in meinen Augen nichts anderes, als es bewusst zum Lügen zu animieren. Es tauscht die Lüge der Reue ein, um wieder in positive Beziehung treten zu können, dem Druck zu entweichen. Diese Form des Lügens wird dem Kind in anderen Situationen dann gerne wieder vorgeworfen, wenn es z.B. erzählt, dass es etwas Bestimmtes nicht gemacht hat, weil es dem Erwachsenen auf genau dieselbe Weise die Wirklichkeit präsentiert, die dieser gerne hätte, wie beim von außen befohlenem Entschuldigen. Obwohl der Mechanismus genau dasselbe ist („Ich erzähle das, was die Erwachsenen gerne hören möchten“), wird das Kind in der letzten Situation oft als „Lügner“ denunziert und es erfährt Abwertung für sein Tun.

Deutlich hervorheben möchte ich, dass ich hier keine Laissez-faire-Haltung propagiere. Ich halte es für selbstverständlich, dass ich meinem Kind die Welt, die Erwartungen und Reaktionen anderer erkläre, um ihm eine fundierte Grundlage zu geben, sich zu entscheiden, wie er nun vorgehen möchte. In einem Konflikt, der in Tränen endet und der selbst nicht gelöst werden kann, würde ich mich in beide Konfliktpartner einfühlen und mit den Kindern gemeinsam Lösungswege überlegen, wie sie mit der Situation umgehen könnten. Ich folge hier der Annahme, das ein Kind nicht haut, weil es „böse“ ist und somit automatisch Schuld trägt, sondern weil ihm zur Lösung des Konfliktes aktuell keine andere abrufbare Möglichkeit zur Verfügung steht (wenn wir ehrlich sind, geht das ja angesichts starker Wut auch uns selbst oft noch so, dass wir nicht unserem eigenen Ideal entsprechend handeln können, obwohl wir bereits erwachsen sind und es eigentlich „gelernt“ haben sollten).

 

Zauberworte: Vorleben, Erklären, Begleiten

Meine „Zauberworte“ für Höflichkeit lauten also: Vorleben, erklären, begleiten. Und ganz wichtig: Die Verantwortung dafür, wie eine Beziehung gestaltet wird, bei denjenigen zu lassen, die sie führen. Also meinem Kind und dem entsprechenden anderen. Meine Rolle ist nicht die eines Richters, sondern maximal die eines Mediators, sollte dies erforderlich sein.

Natürlich fände ich die Vorstellung fürchterlich, wenn mein Sohn in 15 Jahren jemand wäre, mit dem niemand etwas gerne zu tun hat, der blind für die Wünsche und Bedürfnisse anderer ist.

Aber ich möchte mich hier gerne frei machen von einer diffusen Zukunftsangst und stattdessen meine Wünsche für mein Kind formulieren:

Ich wünsche mir, dass mein Sohn später Beziehungen wirklich nach seinen Bedürfnissen gestalten kann. Ohne ein „Es sollte aber anders sein!“ oder „Ich darf nicht sein, wie ich bin!“.

Ich wünsche mir, dass er ganz bei sich ist und Beziehungen ohne schlechtes Gewissen führen kann, in völliger Freiheit Menschen zu begegnen und Dinge für sie zu tun – nicht, weil er denkt zu „müssen“, sondern weil er sich ihnen gerne „schenkt“.

Ich wünsche mir, dass er sich selber so sehr liebt, dass er diese Liebe, diesen Respekt, diese Barmherzigkeit auch anderen Menschen zuteil werden lassen kann.

Und erst recht wünsche ich mir, dass er so sehr er selbst ist und weiß, wer er ist, dass er problemlos auch mal etwas anders machen kann, als es eigentlich seiner Art entspräche, ohne das Gefühl zu haben, sich aufzugeben.

Frei er selbst zu sein, frei sich selbst zu geben, frei sich selbst zu verändern, frei sich manchmal an andere anzupassen.

 


Natascha Makoschey
Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe.
Wenn sie nicht gerade liest oder das Sams vorliest, zwangsweise Uno spielt, dann quatscht, strickt oder singt sie.

 

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Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.

    4 Comments

  1. Hannah

    Antworten

    Ich habe jetzt schon Nackenschmerzen denn ich kam aus dem nicken gar nicht mehr heraus 🙂 ich kann jedes Wort unterschreiben. Danke.

  2. Pingback: Sich entschuldigen (müssen) und Entschuldigungen annehmen – Familienbegleitung Köln