Zumindest in Attachment Parenting-Kreisen ist „bedingungslos lieben“ ein oft gehörter Begriff. Viele Eltern möchten ihre Kinder gerne bedingungslos lieben.
Aber – ist das eigentlich möglich? Und heißt das, dass wir alles an unseren Kindern mögen müssen? Was macht „Bedingungslosigkeit“ aus? Und was eigentlich „Liebe“?15209068_1716432925340559_1433075389_n

Dazu gibt es heute einen Gastbeitrag von der wundervollen Denise Kock.
Sie hat die Gabe, Dinge sehr präzise in Worte zu fassen.
Bisher sträubt sie sich aber einen eigenen Blog zu schreiben und ich profitiere da heute von. 🙂

Denise ist kurz davor ins schleswig-holsteinische Ausland Kiel zu ziehen, ist derzeit Vollzeit-Mama eines 2,5-jährigen Kindes,
wird ab nächstes Jahr „Erziehung und Bildung im Kleinkindalter“ studieren und behauptet, dass sie ein langweilig-intaktes und medienunwirksames Familienleben führt. Na dann! 😉

Übrigens – bevor Sie Angst bekommen – sie hält es selbst nicht für möglich zu 100%, in jeder Sekunde, bedingungslos zu lieben. Nichtsdestotrotz lässt sie sich von dem Bedürfnis leiten, bedingungslose Liebe schenken zu wollen. Und sie immer mehr in sich selbst (wieder) zu entdecken.

 

Danke, Denise, für deine Gedanken!

 

Was bedeutet „bedingungslos lieben“?

Wenn ich davon ausgehe, dass bedingungslos lieben bedeutet, dass sich der Geliebte geliebt FÜHLT, dann wird’s kompliziert. 
Da ergibt sich als erstes die Frage, wie äußert sich Liebe so, dass sich mein Gegenüber auch geliebt fühlt?
Das ist ja schon einmal unfassbar individuell und vielschichtig. Und subtil. Und störungsanfällig.
Ich kann ja behaupten, jemanden bedingungslos zu lieben, aber ob derjenige sich geliebt fühlt, bedingungslos, das steht auf einem anderen Blatt. Dieses Blatt wiederum ist in meinen Augen deutlich interessanter.
Wenn mir etwas nicht gefällt, was mein Kind tut, dann ist es für das Kind völlig hupe, ob ich es bedingungslos liebe, wenn es sich nicht bedingungslos geliebt fühlt. Gefällt mir also etwas nicht, lehne ich etwas ab, dann steht hinsichtlich der bedingungslosen Liebe nicht die Frage im Raum, ob ich das, was mein Kind tut, nicht mag, sondern die Frage, wie zeige ich meinem Kind, dass ich es liebe? Nicht nur „trotzdem“, sondern gerade weil es so ist, wie es ist. Weil es genau diese Entscheidungen trifft. Weil es sich mir genau auf diese Art zeigt. Weil es ganz genau so ist, wie es ist. Vollumfänglich. Immer. Ohne Bedingung.
Also wie fühlt sich das Kind uneingeschränkt und bedingungslos geliebt, wertgeschätzt, sicher, geborgen, beachtet, wahrgenommen, gesehen, gehalten, unterstützt, angenommen?
Und das ist in der Tat deutlich komplizierter, als nur zu behaupten, jemanden bedingungslos zu lieben.


Die Annahme der Andersartigkeit des Anderen

Bedingungslos lieben bedeutet für mich die Annahme der Andersartigkeit des Anderen. Die Freude und den Sinn in der Andersartigkeit des Anderen zu sehen und zu erkennen, dass derjenige immer das tut, was das Beste aus seiner Sicht ist. Immer. Und dass meine Meinung ebenfalls auf dieser Grundlage basiert. Das heißt, bedingungslos lieben bedeutet, gar nicht zu fragen, ob mir etwas gerade nicht gefällt, ob ich auf Grundlage meiner sich im Laufe meines Lebens entwickelten Meinungen, Glaubenssätze und Werte etwas als gut oder schlecht bewerte, sondern dahinter zu schauen, den Menschen so anzunehmen und ihm meine Liebe in jedem Moment so zu schenken, dass er sich von mir bedingungslos geliebt fühlt, unabhängig von Meinung, Bewertung, Vorstellung, etc.


Liebe äußert sich in demjenigen, der Liebe empfängt. Oder auch nicht.

Die Frage „Bedeutet bedingungslos zu lieben, dass mir alles gefallen muss?“ rückt meiner Meinung nach den Falschen ins Licht.
Liebe äußert sich nicht im Liebe-Gebenden, sondern im Liebe-Empfangenden. Bedingungslos lieben bedeutet also, gar nicht zu fragen, ob mir etwas gefällt oder nicht. Es bedeutet, dem anderen meine Liebe in jedem Moment so zu zeigen, wie er sie braucht, um sich geliebt zu fühlen.
Die Idee, zu fragen, ob bedingungslos zu lieben, bedeutet, immer alles zu mögen, was der andere macht, kommt auf, weil die Vorstellung besteht, Liebe wäre ein Gefühl desjenigen, der liebt. Und das ist unwahr. Ich kann glauben, jemanden aus vollstem Herzen zu lieben, aber beim Geliebten kommt das gar nicht an. Wo ist denn dann diese Liebe? Sie ist doch angeblich da.
Liebe ist kein Gefühl.
Liebe ist eine Entscheidung. Liebe zeigt sich und entsteht dadurch erst in der Realität durch Entscheidungen.
Durch Taten.


Die Gefahr, wenn der Liebe-Gebende definiert, was Liebe ist

Die Vorstellung, Liebe wäre ein Gefühl desjenigen, der liebt, negiert sehr viele als unerwünscht bewertete Gefühle, die angeblich nicht mit Liebe zusammenpassen. Dabei sind alle Gefühle nur Gefühle. Die Liebe ist Realität oder eben nicht. Entweder ich zeige sie so, dass sie beim Empfänger ankommt, oder nicht.
Kommt sie nicht an, kann ich mich auf den Kopf stellen und behaupten, sie wäre da, aber sie existiert in dem Moment reell nicht. Liebe ist kein Gefühl, von dem ich behaupte, es wäre immer und bedingungslos da. Solange sie sich nicht als Liebe in Taten und Worten derart präsentiert, dass mein Gegenüber sie als Liebe fühlt, ist sie nicht da.
Die Vorstellung, bedingungslose Liebe entstünde im Liebenden, ist so weit weg von bedingungsloser Liebe.
Denn sie legitimiert ja alles.
Ich kann jemandem wehtun, aber behaupten, ich würde ihn ja aber doch lieben. Ich kann jemanden abwerten, bestrafen, ihm Leid jedweder Art zufügen, solange ich behaupte, ja solange ich überzeugt bin, denjenigen ja aber doch zu lieben, trotzdem, kann ich mich auf meinem Gewissen ausruhen. Ich finde das gefährlich. Denn die Vorstellung, der Liebe-Gebende definiere die Liebe, steht im gleichen Raum mit der Idee, jemandem aus Liebe Leid antun zu dürfen, ja es sogar zu müssen.
Es ist auch ’ne (unbewusste und erlernte) Absicherung.
Wenn meine Taten sich im Nachhinein als für mein Gegenüber leidvoll oder ungünstig herausstellen, wenn derjenige das Handeln also in irgendeiner Form kritisiert, kann ich die Hände hochreißen und behaupten „ja, ich fand doof, was du gemacht hast und hab deshalb so und so gehandelt, aber ich hab dich ja trotzdem geliebt!!!“Geschickt.
Aber keine Liebe.


Dabei ist die Liebe in UNS immer da.

In unserem inneren Kind ist die echte Neugier.
Lieben heißt neugierig sein auf den Anderen.
Ihn verstehen.
Ihn entdecken.
Ihm vertrauen und stets nur das Gute und Richtige in jeder seiner Taten und in jeder Faser seines Seins zu sehen.
Bedingungslos zu lieben bedeutet, gar nicht die Frage zu stellen, ob ich bedingungslos liebe.
Es bedeutet, die Frage zu stellen, wie sich mein Gegenüber bedingungslos geliebt fühlt.
Diese Frage kann nur der Geliebte beantworten, nie der Liebende.
Erst dann kann ich wahrheitsgemäß behaupten „Ich liebe bedingungslos“.
 

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Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.