oder
Zahnärztliche Absegnung von Gewalt an Kindern?

#lzkthkinderrechtaufgewaltfreiheit

Eltern, die bei Youtube nach Videos zum Thema Zahnpflege bei Kleinkindern suchen, werden unter Umständen auf dieses Video von der Landeszahnärztekammer Thüringen stoßen:

https://youtu.be/73Jl60NNq2M

In diesem wird über die „richtige“ Zahnpflege bei Kindern aufgeklärt. Und direkt als erste Einstellung ist ein schreiendes Baby zu sehen, dem erbarmungslos die Lippen aufgespreizt werden, um die Zähne zu putzen. Die Sprecherin spricht mit ruhiger Stimme und stellt es als ganz normal hin, dass der Weg zu gesunden Zähnen mit solchen Kämpfen gepflastert ist. Die Eltern sollen hier konsequent sein.

Vor kurzem gab es einen Blogreigen (man könnte auch Shitstorm sagen) zum Thema #pampersauszeit. Nun schließen sich mehrere Blogkollegen erneut zusammen, um einerseits gegen dieses Video vorzugehen und andererseits Mütter und Väter von Kleinkindern darüber aufzuklären, wie Zahnpflege alternativ verlaufen könnte und darüber anzuregen, über ihren wirklichen Stellenwert nachzudenken. Wenn Ihnen das Thema also öfter begegnet, ist das so gewollt. Und selbstverständlich können Sie selbst auch zu einer Änderung beitragen, indem Sie das Video „disliken“ oder sogar eine Mail an info@lzkth schreiben.

Es ist schlimm genug, dass es genug Eltern gibt, die bereit sind, ihrem Kind Gewalt anzutun, um ihre Vorstellungen von Zahnpflege durchzusetzen. Dass sie der Ansicht sind, dass sie „das Richtige“ tun und dass der Zweck die Mittel heiligt.

Wenn allerdings eine Landeszahnärztekammer eines Bundeslandes entsprechende EMPFEHLUNGEN herausgibt, hat das noch einmal ein ganz anderes Gewicht. Als offizielle Berufsvertretung der Zahnärzte sollten Ratschläge im Sinne der deutschen Gesetzestexte sein und diesen nicht grob widersprechen. Diese besagen:


§1631 BGB Absatz 2:

„(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Jetzt ist Zahnpflege ja eine Prophylaxe und keine Bestrafung und „entwürdigende Maßnahmen“ sind natürlich ein diskussionsbedürftiger Begriff.
Fällt gewaltsames Mund aufhalten und festhalten des Kindes darunter? Immerhin geht es ja darum, dass mein Kind keine Löcher in den Zähnen hat – also, ich SCHÜTZE ja mein Kind. Ist das nicht elterliche Aufgabe?
Zweifellos ist es elterliche Aufgabe für die Gesundheit unserer Kinder zu sorgen. Gleichermaßen ist es unsere Aufgabe unsere Kinder vor jeder Form von Gewalt zu schützen. Wenn wir mit einem Loch beim Zahnarzt sind, dann erhält der Zahnarzt von uns den Auftrag dieses Loch wegzumachen. Das ist eine gute Sache. Aber wäre dieser Zweck immer noch so gut, wenn der Patient eine Panikattacke bekäme oder die Narkose nicht ausreichend wäre und die Zahnarzthelfer ihn festhalten und der Zahnarzt ihm gewaltsam den Mund öffnen und die Proteste ignorierend einfach weitermachen würde?

Seelische Gesundheit ist so viel wichtiger als gesunde Zähne!

Ich persönlich finde den Schutz der körperlichen Integrität deutlich wichtiger als den Schutz von EVENTUELL kranken Zähnen. Gerade im Zuge von Missbrauchs-Prävention finde ich es unerlässlich, dass Eltern sich Mühe geben, Wege zu finden, ihr Kind vor gesundheitlichen Schäden zu schützen, ohne ihnen Gewalt anzutun.
Und zum Thema „Missbrauch“ und „jemandem gegen seinen Willen etwas in den Mund stecken“ habe ICH ja dann sowieso ganz andere Bilder im Kopf, aber lassen wir das besser…

Achtung: Misshandlungsgefahr!

Neben der eindeutigen Diskrepanz der Empfehlungen zu unseren Gesetzestexten möchte ich aber auch auf die Gefahr der Misshandlung hinweisen, die durch derlei Ratschläge massiv geschürt wird. Der körperliche Zweikampf zwischen Kind und einem oder mehreren Erwachsenen ist hier quasi schon vorprogrammiert. Je nach Impulskontrolle des Erwachsenen kann so eine Situation ganz schnell eskalieren. In pädiatrischen Fachwerken ist eine der typischen Verletzungen immer Verletzungen der Mundschleimhaut und Zähne durch Gewaltsames Füttern. Ich denke, dass diese Verletzungen ebenso auf Gewaltsames Zähneputzen herrühren könnten. Ich poste hier mal keinen Link zu den online verfügbaren Werken, da mir die Triggergefahr für meine Leser zu groß ist. Wer sich mit dem Thema auseinandersetzen möchte, findet über die Google-Suche genügend drastisch bebildertes Anschauungsmaterial.

Die Aufgabe einer Landes(zahn-)ärztekammer ist es Kinder vor solchen Erfahrungen zu schützen.
Durch Betonen des Wichtigkeit der seelischen Unversehrtheit von Kindern und des Bekanntwerdens von alternativen Zahnpflegemethoden bzw. Möglichkeiten Zähneputzen auf verschiedensten Wegen einvernehmlich zu gestalten, hätte hier ein wertvoller Beitrag geleistet werden können.

Welche Möglichkeiten haben Eltern um die Zähne ihrer Kinder ohne Zwang und Gewalt zu pflegen?

(Ich gehe mal von konventionellen Zahnpflegevorstellungen langsam in die Richtung alternativer Zahnpflege)

  • Wahl des richtigen Zeitpunktes (das Kind ist satt, zufrieden, ausgeschlafen)

  • Wahl eines angenehmen Ortes (im Bett, vor dem Heizofen, auf dem Lieblingssessel…)

  • Testen verschiedener Zahnbürsten/Fingerlinge und Zahnpasten

  • Verschönerung des Zähneputzens durch Lieder, Apps, Kuscheln, Zahnputz-Spiele

  • Testen verschiedener Zähne-Putzer (Oma, Opa, Freunde, Nachbar, Paten…) in schwierigen Zeiten

  • Signale des Kindes ernstnehmen und aufhören, wenn es Abwehr zeigt. Merkt das Kind, dass es ein Mitspracherecht hat und gehört wird, baut sich hier kein grundsätzlicher Machtkampf auf und das Kind kommt leichter damit klar, wenn die Eltern gelegentlich einen ungünstigen Zeitpunkt wählen

  • Altersgerechte Aufklärung durch Bücher und Apps

  • Anpassung der Ernährung (weniger Kohlenhydrate und Zucker), falls toleriert, Zucker kann man auch durch Xylit ersetzen, dann unterstützt Süßes sogar die Zahnpflege

  • Alternative Zahnpflegemethoden (z.B. einen Teelöffel Xylit oder Zahnpflege-Lollys, Zahnkreide, Kauen auf Süßholzwurzel…)

Fazit:

Es ist Aufgabe der Landeszahnärztekammer nicht nur die Zähne sondern auch die seelische Gesundheit von Kindern zu schützen. Sie ist dem Bürgerlichen Gesetzbuch verpflichtet und dementsprechend verbietet sich die Empfehlung zu Zähneputzen unter körperlichem Zwang.

Ich fordere die Landeszahnärztekammer Thüringen dazu auf, sich dieser Verantwortung bewusst zu werden und das Video aus dem Internet zu entfernen.

Zu guter Letzt möchte ich die Kommentatorin Bettinazweinull eines Artikels des 123-Windelfrei-Blogs zitieren:

Eltern legen oft viel mehr Wert auf die körperliche als auf die seelische Gesundheit ihres Kindes. Aufs Zähneputzen bezogen heißt das, dass Eltern nur die (potentiellen) negativen Auswirkungen des Zähneputzens sehen, aber nicht die negativen Auswirkungen, des „einfach festhalten und machen“. Wie krass und traumatisch muss es sein, zweimal am Tag zum Zähneputzen runtergedrückt und festgehalten zu werden? Den Mund mit Gewalt aufgedrückt und ein Ding rein gesteckt zu bekommen?“ 

Auf dass immer mehr Eltern umdenken mögen und die seelische Gesundheit ihrer Kinder an erste Stelle setzen!

Mehr zum Thema ist in folgenden Blogs zu finden:

Zähneputzen beim Kind – Ganz ohne Gewalt

Du putzt deinem Kind die Zähne im Schwitzkasten, wechselst seine Windeln unter Zwang und nennst es Prävention?

Tags:

Shares:


Kostenloses Kennenlern-Gespräch

Mein Beitrag hat Sie berührt? Sie möchten gerne über IHRE Familiensituation sprechen?

Tragen Sie sich hier für ein kostenloses Telefonat zum Kennenlernen ein.

Ich freue mich auf Sie!

 


 

Natascha Makoschey (33) hat einen 8-jährigen Sohn und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Geburtshilfe. Wenn sie nicht gerade Bücher liest, zwangsweise Uno spielt oder darüber nachdenken muss, welchen Pokémon sie am liebsten mag, dann quatscht, strickt oder singt sie.

    1 Comment

  1. Martina F.

    Antworten

    Danke Natascha für den Artikel!
    Ich hoffe und wünsche, dass die Landeszahnärztekammer Thüringen das Thema ernst nimmt.
    Abgesehen davon, ist es meiner Meinung nach unglaublich schwierig, einmal für richtig befundene Glaubensgrundsätze wie das tägliche und gründliche Zähneputzen bei Kindern aufzulösen.
    Es gibt ja unzählige weitere Beispiele.
    Die Frage ist wohl auch, wie man die Gesellschaft darauf aufmerksam machen kann, dass Kinder dieselben Grundrechte haben wie erwachsene Menschen.
    Gesetze alleine sind oftmals reine Theorie und von Gleichberechtigung der Kinder, Frauen, Alten, Kranken und Fremden innerhalb unserer westlichen Gesellschaft sind wir offensichtlich noch Welten entfernt.
    Ich freue mich immer über Bewegung, in Richtung einer menschenfreundlicheren Kultur. Und sie wird kommen!